Webasto hat keinen eigenen Stand auf der L.A. Autoshow. Aber präsent ist der bayerische Autozulieferer auf der Automesse in Kalifornien durchaus – beispielsweise in Gestalt von „Turbo Cord Charger“ von Webasto, die der neue vollelektrische Ford F-150 Lightning an Bord hat. Oder auch der Ford Mustang Mach-E.

Und auch die anderen Hersteller von Elektroautos in Nordamerika kommen um die Produkte – Ladekabel, Wallboxen, Ladelösungen – der im kalifornischen Monrovia beheimateten Webasto Charging Systems kaum mehr herum. Ford, Chevrolet, Chrysler – in den drei Jahren seit der Übernahme des Geschäftszweigs „Efficient Energy Systems“ vom US-Rüstungskonzern AeroVision ist die Liste der Webasto-Kunden in den USA deutlich gewachsen.

Eine Million Elektroautos in einem Jahr

Denn auch wenn in Nordamerika die „Petrol Heads“ noch in der Mehrzahl sind und die Straßen überwiegend von PS-starken Benzinern bevölkert sind – die Antriebswende hat auch hier Fahrt aufgenommen. Seit dem Jahreswechsel wurden in den USA bereits über eine Million Elektroautos neu zugelassen. Der Marktanteil der Stromer stieg darüber auf 2,5 Prozent, in Kalifornien sogar auf 42 Prozent.

Webasto Wünsch
Lade-Power
Jephta Wünsch von Webasto Charging Systems hat sich einen Ford Mustang Mach-E zugelegt, um die Qualität der Ladeinfrastruktur in Kalifornien und neue Ladelösungen auch selbst erproben zu können. Foto: Webasto

Jephta Wünsch, der seit Sommer vergangenen Jahres die Geschäfte von Webasto Charging Systems in den USA leitet, wundert das rasante Wachstum des Marktes nicht. „Ein Tesla Model 3 kostet hier inzwischen nicht mehr als etwa ein Chevrolet Malibu.“ Und die Betriebskosten von Elektroautos seien trotz weiterhin günstiger Benzinpreise in den USA – der Liter Benzin wird aktuell für umgerechnet 77 Eurocent verkauft – deutlich niedriger. Auch weil viele Hotels, Motels und Shopping Center Ladestationen errichtet haben, an denen kostenlos Strom gezapft werden kann.

Volkswagen lässt das Ladenetz in USA rasant wachsen

Hinzu komme, dass das Angebot an öffentlichen Ladestationen für Elektroautos rasant wächst – auch dank der Zahlungen des Volkswagen-Konzerns, die der nach dem Dieselsklandal leistete: Das VW-Tochterunternehmen „Electrify America“ hat mit einem finanziellen Aufwand von rund zwei Milliarden Dollar in den Vereingten Staaten fast 800 Ladeparks mit rund 3.500 Ladepunkten errichtet – fast so viele wie Tesla für das firmeneigene Supercharger Network. Reichweitenangst? „Ist hier kein Thema mehr“, sagt Webasto-Manager Wünsch. Zumal Tesla kürzlich damit begonnen habe, sein eigenes Ladenetz für Elektroautos von Fremdfabrikaten zu öffnen. Um die Tesla Supercharger nutzen zu können, sei lediglich ein Adapter nötig – der über Webasto zu beziehen ist.

Laden eines Elektroautos an einer Ladestation von Webasto Das Geschäft mit Wallboxen zum Laden von Elektroautos boomt dank staatlicher Förderung. Bei Webasto denkt Spartenchefin Anna-Lena Majer schon weiter. An Laderoboter, höhere Ladeleistungen und vollvernetzte Ladepunkte. Laden

Entsprechend dynamisch entwickeln sich die Geschäfte von Webasto Charging Systems. Allein dieses Jahr werde das Unternehmen von seinem Werk im mexikanischen Irapuato rund 100.000 Ladekabel an seine Kunden in der US-Autoindustrie liefern – viermal so viel wie noch im Jahr zuvor, verrät Wünsch. Der nordamerikanische Markt sei damit der wichtigste für Webasto – noch vor Asien und Deutschland.

Ladestrom für Laster aus der Fahrbahndecke?

Und Wünsch, der selbst einen Ford Mustang Mach E fährt, arbeitet mit seinen Kollegen in Kalifornien daran, das Produktportfolio weiter auszubauen. Gearbeitet werde unter anderem an einer Technik für das induktive Laden von elektrischen Lastzügen – Trucker haben es gerne bequem. Sie möchten nicht lange an Ladesäulen stehen, sich auch nicht mit Ladekabeln plagen. Warum sollte man den Strom nicht einfach aus Leitungen beziehen, die in den Fahrbahnbelag eingelassen sind? „Elektro-Trucks könnten dann praktisch pausenlos fahren“. Mit zwei Fahrern oder einem Autopiloten.

Aber auch der Geschäftsbereich „Industrial Charging“ beschäftigt das Team von Wünsch intensiv. Gefragt sind Ladelösungen für elektrische Gabelstapler und Baufahrzeuge, auch für Shuttle-Busse und Vorfeld-Fahrzeuge von Flughäfen. Wünsch: „Das alles – nicht nur Autos – wird in den kommenden Jahren elektrifiziert.“ Und bei Webasto wollen sie von Anfang an vorne mit dabei sein.

Ganz schön smart
Auch bei Webasto Mechatronics in Wörth-Schaidt arbeiten Software-Spezialisten daran, Wallboxen noch intelligenter zu machen.

Das gilt vor allem aber für Software-Lösungen, die in Zukunft noch stärker als heute gefragt sein werden. Auch bei Ladestationen: „Die Wallbox“, prophezeit Wünsch, „wird schlauer werden und Teil eines Ökosystems.“ Sie wird mit der Cloud verbunden sein, um Stromverbräuche abzugreifen und aktuelle Strompreise abzufragen – um das Elektroauto dann zu laden, wenn der Strom besonders günstig ist. Und um Strom gegen Bezahlung ins Netz abzugeben, wenn der Bedarf an anderer Stelle hoch ist. „Spätestens 2025 ist die vollvernetzte Wallbox Standard“.

Ford F-150 Lightning setzt einen neuen Standard

Und dann werde auch das bi-direktionale Laden in den USA gelebte Praxis sein. Der neue Ford F-150 Lightning habe da einen Trend gesetzt: Im „Frunk“ des Pick-Up sitzt eine „Pro Power Onboard“-Unit, die über vier Steckdosen serienmäßig 2,4 Kilowatt, gegen Aufpreis sogar bis zu 9,6 Kilowatt Strom mit 120 und 240 Volt Spannung liefert – für Handwerksarbeiten oder aber für die Versorgung eines Hauses mit Strom, wenn nach Stürmen oder Waldbränden mal wieder das öffentliche Netz kollabiert ist. „Das wird ein echtes Must-have und Standard in vielen Elektroautos“, ahnt Wünsch.

Denn das unterscheide den US-Amerikaner von vielen Europäern, auch den Deutschen, sagt der Webasto-Manager: „Man wartet hier nicht lange auf Angebote des Staates, sondern schafft selbst Lösungen.“ Für das Laden von Elektroautos – oder die Versorgung des eigenen Haushalts mit elektrischem Strom nach einem Blackout.

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