An SuedLink, der 700 Kilometer langen Hochspannungsleitung zur Übertragung von Strom aus den Windparks in der Nordsee nach Baden-Württemberg, wird seit 2012 geplant und gearbeitet. Inzwischen weiß man (größtenteils und in etwa), wo die Leitungen (oberirdisch oder unterirdisch) verlaufen werden, auch wo Umspannwerke stehen sollen. Doch gebaut wird noch nicht – die Planfeststellungsverfahren laufen bei einigen Streckenabschnitten noch, bei denen betroffenen Bürger gehört werden und über deren Einsprüche noch zu verhandeln sein wird. Frühestens 2026, 14 Jahre nach dem Beginn der Planungen, sei mit der Inbetriebnahme der „Strom-Autobahn“ zu rechnen, heißt es bei der Bundesnetzagentur.

In ähnlich langen Zeiträumen muss hierzulande rechnen, wer einen neuen Solar- oder Windpark plant, park, weiß Joachim Kabs, der Vorstandsvorsitzende des Forums Netztechnik/Netzbetrieb im Verband Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE FNN). „Allein die Genehmigungsverfahren dauern bis zu 15 Jahre.“

„Energiewende ist zu schaffen – wenn alles schnell geht“

Wie vor dem Hintergrund die Energiewende gelingen, wie die Stromversorgung in Deutschland bis 2030 zu wenigstens 80 Prozent auf Erneuerbare Energien umgestellt werden soll, ist vielen Experten schleierhaft. Kabs hat die Hoffnung allerdings noch nicht aufgegeben: „Es ist zu schaffen. Aber dann muss jetzt auch alles echt schnell gehen“, sagte der promovierte Physiker – hauptberuflich Geschäftsführer bei der Bayernwerk Netz GmbH in Regensburg – in einem Pressegespräch.

Und die Zeit drängt in der Tat. Im kommenden Jahr sollen in Deutschland die letzten Atomkraftwerke vom Netz genommen werden – die „Ampel“ aus SPD, Grünen und FDP hat im Koalitionsvertrag fixiert, dass am Atomausstieg festgehalten werden soll. Und dass „idealerweise“, wie es in dem 177 Seiten-Papier, heißt, schon im Jahr 2030 das letzte Kohlekraftwerk stillgelegt wird – acht Jahre früher als ursprünglich geplant. Es soll deutlich mehr Solarenergiequellen auf Dächern geben und die Windkraft soll kräftig ausgebaut werden – zwei Prozent der Landflächen sollen für den Bau von Windräder reserviert werden. Gas wird als Energiequelle des Übergangs definiert – mit Strom aus Gaskraftwerken soll aber spätestens 2040 Schluss sein – in nicht einmal 20 Jahren. 

Immer mehr Stromerzeuger – immer mehr Abnehmer

„Eine zuverlässige Stromversorgung“, so Kabs, „kann unter diesen Umständen nur gelingen, wenn die Schwankungen der wetterabhängigen Einspeisung geglättet werden und das gesamte Netz, vom Übertragungs- bis zum Verteilnetz, zügig ausgebaut wird. Erst wenn erneuerbare Energie in das Gesamtsystem aufgenommen und den Verbrauchern zur Verfügung gestellt wird, gelingt die Energiewende.“

Auf jeden Fall wird die Steuerung und Regelung der Energieströme in Zukunft wesentlich komplexer als heute noch. Statt wie heute in rund 100 großen Kraftwerken wird der elektrische Strom in Zukunft in Zigtausenden mittelgroßen und kleinen Anlagen erzeugt, mit Windrädern, Solarpanelen, mit Wasserkraft und durch die Verfeuerung von Biomasse, hier und da wohl eine Weile auch noch mit Erdgas. Nicht kontinuierlich auf gleichem Niveau, sondern zum großen Teil abhängig von Wetterlagen und Sonnenständen und damit stark schwankend.

Keine Garantie mehr für volle Ladeleistung
„Es muss möglich sein, das Laden bei Bedarf zeitweise auf die zugesicherte Leistung zu begrenzen.“ Foto: EnBW

Und auf der anderen Seite wächst infolge der Antriebswende im Verkehr und auch durch die Wärmewende im Heizungsmarkt die Zahl der Stromverbraucher: Millionenfach sollen Elektroautos und Wärmetauscher zum Einsatz kommen. Ohne eine Steuerung durch die Netzbetreiber – und ohne Komfortverluste für die Konsumenten – werde das nicht gehen, ergänzte Dirk Biermann, Geschäftsführer Märkte und Systembetrieb beim Netzbetreiber 50Hertz aus Berlin.

Drosselungen der Stromzufuhr werden Alltag

Das Wort „Strom-Rationierung“ mochten weder er noch Kabs beim Pressegespräch nicht in den Mund nehmen („Abschalten ist die alte Welt“). Aber ohne zeitweise Drosselungen der Stromzufuhr werde es wahrscheinlich nicht gehen. Kabs: „Wir brauchen mehr Flexibilität im Netz.“

Heuzutage könne jeder jederzeit und praktisch ohne Mengenbegrenzung Strom beziehen – in Zukunft werde man sich daran gewöhnen müssen, die Waschmaschinen auch schon mal in der Nacht laufen zu lassen. Oder dass die Wallboxen in der Garage das Elektroauto zu bestimmten Zeiten nur mit verminderter Leistung laden. Kabs: „Es geht ausdrücklich nicht darum, wie in Großbritannien Sperrzeiten etwa für das Laden von Elektroautos einzuräumen. Es muss aber möglich sein, das Laden bei Bedarf zeitweise auf die zugesicherte Leistung zu begrenzen“ – etwa in Zeiten der so genannten Dunkelflaute. „Ein Teil der Energiewende besteht darin, zum Schutz des Klimas mit den Ressourcen bewusster umzugehen – damit der Komfortverlust nicht zu hoch ist.“

„Akzeptanz ist die Achillesferse“

Das erfordere Investitionen nicht nur in den Netzausbau von rund 15 Milliarden Euro, sondern auch auch in die Technik zur intelligenten Steuerung der Stromverbraucher. Auch hier, beklagten die Experten, liege noch vieles im Argen, auch hier sei eine Beschleunigung der Programme etwa zur Ausstattung der Haushalte mit Smartmetern dringend erforderlich. Um im ersten Schritt erst einmal Daten über die Stromverbräuche verfügbar zu machen – und im zweiten Schritt die Stromflüsse zu steuern.

Stromzähler
Strom zählen der alten Art
Deutschland hinkt nicht nur beim Ausbau der Erneuerbaren Energien hinterher. Auch die Umstellung der Haushalte auf Smartmeter verzögert sich. In anderen Ländern sind inzwischen schon intelligente Geräte der zweiten Generation im Einsatz.

Rund 15 Millionen intelligente Stromzähler müssten dafür in den kommenden zehn Jahren installiert werden. Frank Borchardt, Senior Projektmanager für Digitalisierung und Metering bei VDE FNN, macht die Perspektive Sorge: „Derzeit geht alles viel zu langsam voran.“ In Schweden, Finnland und Italien seien bereits Smartmeter der zweiten Generation installiert – Deutschland diskutiere derweil noch Aspekte des Datenschutzes. Voraussichtlich erst 2032 werden Smartmeter hierzulande Pflicht, wird der Stromverbrauch auch hierzulande intelligent gezählt.

Die Energiewende kann nach Ansicht der Experten ohnehin nur gelingen, wenn es der Politik gelingt, die Menschen mitzunehmen. Borchardt: „Die Aktzeptanz ist die Achillesferse der ganzen Planungen.“ Und das gleich an mehreren Stellen. „Wenn die Menschen weder Stromleitungen wollen noch Windräder, wird es eng“, warnte Kabs. Blackouts seien für eine Industrienation wie Deutschland keine Option – man werde also nach Kompromissen suchen müssen.

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