Fünf Meter können einen großen Unterschied ausmachen. Etwa wenn es gilt, aus hoher Geschwindigkeit das Auto so abzubremsen, dass es noch vor dem Stauende auf der Autobahn zum Stillstand kommt. Das kann Menschenleben retten. Oder Millionenschäden verhindern – wenn man gerade mit einem Pagani Utopia Roadster unterwegs ist, einem 635 kW oder 864 PS starken Hypercar mit einem Stückwert von wenigstens 2,9 Millionen Euro. Eine maßgeschneiderte Carbon-Keramik-Bremsanlage von Brembo sorgt hier im Idealfall für geradezu atemberaubende Verzögerungswerte. Vorausgesetzt, die Fahrbahn ist trocken und die Reifen sind fabrikneu, mit dem optimalen Luftdruck befüllt und auch bereits warm gefahren.

An solchen Informationen mangelt es in den meisten Fällen. Viele Autos fahren mit Reifen durch die Lande, die schon etliche Jahre alt und ausgehärtet sind, die nur noch wenige Millimeter Restprofil haben und wo der Reifendruck möglicherweise nicht zur Beladung des Fahrzeugs passt. Manche sind im Sommer noch mit Winterreifen unterwegs oder haben Ganzjahresreifen montiert. Ob der Reifen noch kalt ist oder warm, welche Reibwerte der Fahrbahnbelag noch hat – die Brems- und Regelsysteme von ABS und ESP bewegen sich da bei den meisten Autos gewissermaßen im luftleeren Raum.

Pagani Utopia Roadster
Das 864 PS starke und bis zu 350 km/h schnelle Hypercar ist das erste Auto weltweit, das serienmäßig mit dem Cyber-Tyre-System von Pirelli ausgestattet ist. Es verbessert nicht nur die Fahrdynamik, sondern auch und vor allem die Fahrsicherheit. Fotos: Pirelli

Nicht so der Pagani Utopia Roadster. Der bis zu 350 km/h schnelle Supersportwagen ist als erstes Auto weltweit serienmäßig mit dem neuen „Cyber Tyre“ genannten Monitoring-System von Pirelli ausgestattet. Einem kleinen, fünf Eurocent großen Sensor an der Innenseite der Reifen-Lauffläche sowie einem Bluetooth-Empfänger an der Schnittstelle zur Bordelektronik. Der Sensor misst nicht nur kontinuierlich die Reifentemperatur und den Fülldruck. Er registriert unter anderem auch Brems- und Beschleunigungswerte sowie die Fliehkräfte, die auf das Fahrzeug einwirken.

Kooperation mit Bosch Engineering

Und er sammelt permanent Live-Daten über die Fahrbahnbeschaffenheit. Vor allem sind im Sensor sämtliche Daten des Pirelli-Reifens abgespeichert. Wann er produziert wurde und um welchen Typ es sich handelt – einen „P-Zero Trofeo“ oder „Corsa“ für die Rennstrecke, einen „P Zero R“ für den Alltagsverkehr oder einen „Sottozero“ für die Wintersaison. Entsprechend präzise können die Brems- und Assistenzsysteme das Verhalten des Fahrzeugs steuern. „Der Cyber Tyre ist das Missing Link im Regelkreis“, erklärt uns Andreas Domesle von Bosch Engineering, der an der Entwicklung des Cyber Tyre beteiligt war – die deutschen Experten steuern unter anderem den Bluetooth-Empfänger bei. „Konventionelle ESP-Systeme“, führt er aus, „müssen in ihrer Applikation auf Basis von Annahmen einen Kompromiss finden, um all den Anforderungen gerecht zu werden. Genau diesen Kompromiss löst das Cyber Tyre-System nun auf.

Datensammler
So groß wie eine Fünf-Cent-Münze ist der Sensor, der auf der Innenseite der Reifen-Lauffläche montiert wird. Eine Knopfzelle sorgt dafür, dass er bis zu sieben Jahre lang zuverlässig Daten liefert - über das Auto, seine Reifen, aber auch Fahrbahnzustände.
Datensammler
So groß wie eine Fünf-Cent-Münze ist der Sensor, der auf der Innenseite der Reifen-Lauffläche montiert wird. Eine Knopfzelle sorgt dafür, dass er bis zu sieben Jahre lang zuverlässig Daten liefert – über das Auto, seine Reifen, aber auch Fahrbahnzustände.

Die Vorteile, die sich daraus im Fahrbetrieb ergeben, dürfen wir als Beifahrer im Pagani Utopia Roadster, aber auch am Steuer eines umgerüsteten Mercedes-Benz AMG GT 63S sowie eines Alfa-Romeo Giulia Quadrifoglio Oro auf dem Testgelände von Pirelli in Vizzola bei Mailand selbst erleben. Die Fahrzeuge können auf dem Handlingkurs an ihre Grenzen getrieben werden, ohne dass die Sicherheit leidet. Sie erreichen mit den smarten Reifen höhere Kurvengeschwindigkeiten als das baugleiche Fahrzeug mit „dummen“ Reifen, reagieren schneller auf Lenkbefehle und bleiben auf nasser Fahrbahn auch dann noch sicher in der Spur, wenn ausgangs der Kurve vorschnell aufs Gaspedal getreten wird.

Bremsweg deutlich verkürzt

Die Fahrt mit dem Pagani war aufgrund der Beschleunigungswerte und hohen Kurvengeschwindigkeit geradezu atemberaubend. Am überzeugendsten waren allerdings die Bremstest mit dem Mercedes-Benz AMG: Mit dem aktiven Cyber Tyre-System von Pirelli brachten wir den immerhin 2,1 Tonnen schweren Viertürer bei einer Vollbremsung aus Tempo 110 exakt 5,3 Meter früher zum Stand als ohne das System. Auf gleichem Grund, bei identischem Bremsdruck – allein aufgrund der exakten Abstimmung der Regelsysteme auf die von den Reifen gelieferten Feindaten. Ein solches System, schießt es uns durch den Kopf, sollten in Zukunft sämtliche Fahrzeuge haben. Zumal die Mehrkosten bei entsprechend hohen Produktionszahlen überschaubar wären, wie Chefentwickler Corrado Rocca verrät. Zumal die herkömmlichen Reifendrucksensoren dann verzichtbar werden.

Alles andere als utopisch
Die Hochleistungsreifen von Pirelli für den Pagani Utopia sind die ersten, die über den neuen Sensor aus US-Produktion verfügen. Ein C auf der Reifenflanke zeigt die Montage des smarten Cyber Tyre an. Bei einem Fahrzeugpreis von 3,5 Millionen Euro fallen die Mehrkosten dafür sicher nicht ins Gewicht.
Alles andere als utopisch
Die Hochleistungsreifen von Pirelli für den Pagani Utopia sind die ersten, die über den neuen Sensor aus US-Produktion verfügen. Ein C auf der Reifenflanke zeigt die Montage des smarten Cyber Tyre an. Bei einem Fahrzeugpreis von 3,5 Millionen Euro fallen die Mehrkosten dafür sicher nicht ins Gewicht.

Ein Chip, ein Bluetooth-Empfänger und etwas Software: Was auf den ersten Blick ein relativ einfaches System scheint, ist tatsächlich hochkomplex und hat eine entsprechend lange Entwicklungsgeschichte. Vor 16 Jahren, bei einem Gespräch zwischen Horacio Pagani und dem damaligen Pirelli-CEO und heutigen Pirelli-Aufsichtsratsvorsitzenden Marco Tronchetti, kam die Idee dazu das erste Mal auf. „Ein millionenschweres Auto mit extrem hoher Antriebsleistung bedeutet immer ein hohes Schadenrisiko“, weiß Pagani-Technikchef Franceso Perini. Maßgeschneiderte Reifen, ausgelegt für eine Spitzengeschwindigkeit von 350 km/h, sind da nur ein Teil der Lösung – wenn die Bordelektronik nur mit Durchschnittswerten arbeitet.

Pagani sieht großen Sicherheitsgewinn

„Wir haben deshalb schon 2019 ein Echtzeit-Datenerfassungssystem ähnlich der Telemetrie bei einem Formel-1-Rennwagen entwickelt und in unseren Fahrzeugen installiert“, erklärte Firmengründer Horacio Pagani die Strategie zur Anhebung der Fahrsicherheit seiner Hochleistungs-Autos. Das gibt uns nicht nur die Möglichkeit, uns in Echtzeit mit den Autos unserer Kunden zu verbinden.“ Dabei habe man herausgefunden, dass viele Fahrer gleich beim Start in den Race-Modus wechseln, sämtliche Kontrollsysteme ausschalten und den Motor hochdrehen. „Weil der Sound des Motors dann schöner klingt und es ordentlich in den Ohren knallt.“ Der Cyber Tyre von Pirelli gebe nun die Möglichkeit. das Drehmoment und die Drehzahl zu drosseln, solange der Motor und die Reifen noch kalt sind. Pagani: „Vielleicht ärgert sich mancher Fahrer darüber. Aber das dient nur seiner Sicherheit.“

Aquaplaning ohne Schrecken 
Die Sensorik in den Reifen ermöglicht es dem ESP-System an Bord des Mercedes-Benz AMG GT, beim Beschleunigen und Bremsen schneller auf die regennasse Fahrbahn zu reagieren - etwa durch eine Leistungsrücknahme.
Aquaplaning ohne Schrecken
Die Sensorik in den Reifen ermöglicht es dem ESP-System an Bord des Mercedes-Benz AMG GT, beim Beschleunigen und Bremsen schneller auf die regennasse Fahrbahn zu reagieren – etwa durch eine Leistungsrücknahme.

Von den Vorteilen des Pirelli-Systems haben sich inzwischen auch andere Sportwagen-Hersteller überzeugen lassen. McLaren und Aston Martin werden es bald ebenfalls für ausgewählte Modelle anbieten, Bentley möglicherweise auch, erfahren wir. Sinn würde es aber natürlich auch in Volumenfahrzeugen machen, vor allem Elektroautos mit hoher Antriebsleistung und hohen Drehmomenten. Wann können wir damit rechnen?

Sensordaten helfen auch bei Straßenwartung

Pirelli-Chefentwickler Rocca macht uns Hoffnung. Man stehe derzeit in Gesprächen mit zahlreichen Autoherstellern aus West und Ost, um das Cyber-Tyre-System massentauglich zu machen und zumindest als Option auch in Großserienfahrzeugen anbieten zu können. Aber das riesige Spektrum unterschiedlichster Reifenformate sei eine enorme Herausforderung. Auch wollen die Fahrzeughersteller in der Erstausrüstung natürlich nicht nur auf einen Reifenlieferanten setzen – zumindest der patentierte Sensor müsste auch anderen Herstellern verfügbar gemacht werden, etwa gegen Zahlungen von Lizenzgebühren.

Hilfestellung bei der wünschenswerten massenhaften Verbreitung des „besten Fahrdynamikreglers der Welt“ (Rocca) könnte dabei übrigens der Gesetzgeber leisten: Seit dem 1. November 2014 müssen alle in der EU neu zugelassenen Pkw und Wohnmobile, seit 2024 auch Lkw und Busse über Systeme zur Messung des Luftdrucks verfügen. Die entsprechenden EU-Verordnungen ließe sich sicher leicht erweitern. Das würde nicht nur die Sicherheit erhöhen und so manchen Verkehrsunfall verhindern. – es würde auch helfen, das Straßennetz besser instand zu halten: Der „Cyber Tyre“ liefert auch dafür die notwendigen Informationen.

Artikel teilen

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert