Es ist eine Szene, die jeder Neuwagenkäufer kennt: Man steigt ein, will einfach nur losfahren, doch das Auto hat andere Pläne. Es piept beim Spurwechsel, warnt vor nicht existenten Hindernissen und schlägt nach 300 Metern Fahrt vor, man möge doch bitte eine Kaffeepause einlegen. Das noble Ziel der Unfallfreiheit ist im Alltag zur nervtötenden Kakophonie verkommen. „Betreutes Fahren“ nennt das der Volksmund, eine digitale Bevormundung, die den Spaß an der Mobilität im Keim erstickt.

Stephan Preuss kennt diesen Schmerz. Er ist Vice President Technology bei Harman Automotive, jener Samsung-Tochter, die dafür sorgt, dass es im Auto nicht nur gut klingt, sondern dass das Fahrzeug auch ganz smart und sicher unterwegs ist. Im Gespräch mit EDISON gibt er unumwunden zu: Vieles von dem, was heute auf unseren Straßen unterwegs ist, basiert auf „unreifer Technologie“. Das Auto als Nanny, das wegen starrer Zeitvorgaben zur Pause mahnt, statt zu prüfen, ob der Fahrer wirklich müde ist – das sei ein Auslaufmodell.

Der digitale Beifahrer, der die Klappe hält

Harmans Vision, verpackt in Produkte mit Namen wie „ReadyEngage“ oder „ReadyCare“, ist der Wandel vom nervigen Aufpasser zum perfekten Beifahrer. Ein solcher Partner ist „non-intrusive“. Er schreit einen nicht an, wenn man mal kurz zur Seite schaut, sondern erfasst den Kontext. Die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet stellt Harman International demnächst auf der Tech-Messe CES in Las Vegas (6. bis 9. Januar) vor.

„Wir wollen ein natürliches Interaktionskonzept“, erklärt Preuss. Statt eines schrillen Warntons, den man genervt wegdrückt, soll das Auto in Zukunft einen fast menschlichen Dialog führen. Wenn die Systeme registrieren, dass dem Fahrer die Augenlider schwer werden, kommt kein rotes Warnsymbol. Stattdessen könnte das Auto sanft vorschlagen: „Du siehst müde aus. Ich weiß, du magst Starbucks, und in zwei Kilometern kommt einer. Soll ich schon mal einen Kaffee bestellen?“. Das klingt weniger nach Fahrschule und mehr nach Concierge.

Der Blick in die Seele (und auf den Puls)

Damit das funktioniert, muss das Auto seinen Insassen allerdings so intim kennen wie kaum jemand sonst. Harman setzt dabei auf eine tiefgreifende Überwachung, die weit über das Erkennen der Blickrichtung hinausgeht. Kameras scannen Mikro-Bewegungen der Augen, messen den Lidschlag und künftig sogar die Herzfrequenzvariabilität rein optisch.

Panoramic View 
Der Monitor, der sich unterhalb der Windschutzscheibe über die gesamte Fahrzeugbreite hinzieht, erleichtert die Interaktion der Insassen mit dem Fahrzeug. Entwickelt wurde die Technik bei Harman Automotive, eine erste Anwendungen findet sie im BMW iX3.
Panoramic View
Der Monitor, der sich unterhalb der Windschutzscheibe über die gesamte Fahrzeugbreite hinzieht, erleichtert die Interaktion der Insassen mit dem Fahrzeug. Entwickelt wurde die Technik bei Harman Automotive, eine erste Anwendungen findet sie im BMW iX3.

Besonders spannend – oder je nach Sichtweise unheimlich – ist die Erkennung von „Mental Distraction“: Das Auto merkt, wenn der Fahrer zwar stur geradeaus auf den Asphalt starrt, geistig aber längst beim Abendessen oder im nächsten Meeting ist. Der klassische „Zombie-Blick“ wird entlarvt. „Das wird heute von keinem System wahrgenommen“, sagt Preuss. Harman will diese Lücke schließen. Helfen soll dabei unter anderem die Übernahme die Sparte Fahrerassistenzsysteme des deutschen Autozulieferers ZF.

Wellness statt Warnung

Doch was passiert, wenn der Stresspegel steigt? Hier kommt eine Partnerschaft mit dem Thermospezialisten Gentherm ins Spiel. Wenn die Sensoren Stress detektieren, wird nicht gewarnt, sondern gehandelt: Das Auto startet eine „Closed Loop Intervention“. Das bedeutet: Entspannungsmusik an, Sitzheizung oder -kühlung regulieren und die Massagefunktion aktivieren. Das Fahrzeug wird zur rollenden Wellness-Oase, die den Fahrer proaktiv beruhigt, statt ihn mit Pieptönen weiter zu stressen.

China liebt Tech, Europa liebt Ruhe

Interessant ist der kulturelle Graben, den Preuss beschreibt. Während wir Europäer schnell genervt nach dem „Aus“-Knopf für die Assistenzsysteme suchen, ist die Akzeptanz in China ungleich höher. Dort gilt: Mehr Features, mehr Beeps, mehr Screens gleich besseres Auto. „Latest Greatest“ ist dort das Verkaufsargument, nicht Spaltmaße oder Motorleistung.

"Wir wollen ein natürliches Interaktionskonzept" 
Stephan Preuss leitet als Vize-Präsident das Automotive-Geschäft von Harman International. Der Elektrotechnik-Ingenieur und Software-Spezialist will die Art und Weise neu definieren, wie Sicherheit, Intelligenz und Erfahrung in Fahrzeugen zusammenkommen.
„Wir wollen ein natürliches Interaktionskonzept“
Stephan Preuss leitet als Vize-Präsident das Automotive-Geschäft von Harman International. Der Elektrotechnik-Ingenieur und Software-Spezialist will die Art und Weise neu definieren, wie Sicherheit, Intelligenz und Erfahrung in Fahrzeugen zusammenkommen.

Für den hiesigen Markt bleibt die Hoffnung auf das „Software Defined Vehicle“ und zentrale Recheneinheiten, die Cockpit und Assistenzsysteme verschmelzen. Das Ziel: Level-3-Autonomie, bei der wir die Verantwortung temporär abgeben dürfen. Dann, so die Vision, wird die Windschutzscheibe zur Kinoleinwand und das Auto zum Entertainment-Hub.

Bis dahin gilt aber wohl noch Preuss’ ehrliche Einschätzung zum aktuellen Stand der Technik: „Es ist natürlich ein interessanter Aspekt, dass der betreute Fahrer tatsächlich auf der Funktion rumhackt.“ Hoffen wir, dass das Auto bald klug genug ist, nicht mehr zurück zu meckern.

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