Carlo van de Weijer leitet an der Technischen Universität von Eindhoven das neugegründete „Eindhoven Artificial Intelligence Systems Institute (EAISI), das sich unter anderem mit dem Autonomen Fahren und den Möglichkeiten beschäftigt, den Verkehr und unseren Alltag mithilfe Künstlicher Intelligenz zu optimieren. Der Maschinenbauingenieur war früher unter anderem für Siemens und TomTom tätig. Heute berät der 55-Jährige Ministerien und Industrieunternehmen auf der ganzen Welt in Fragen zur Zukunft der Mobilität – und meldet sich in Kolumnen wie dieser regelmäßig zu solchen Themen zu Wort. Zusammen mit seinem Kollegen, Professor Maarten Steinbuch von der TU Eindhoven hat er zudem ein Buch über die Zukunft der Mobilität verfasst.

Carlo van de Weijer Der Ingenieur ist Direktor des Eindhoven Artificial Intelligence Systems Institute (EAISI).

Wenn es um die Privatsphäre geht, hört man viele Leute sagen: „Sie können alles über mich wissen, ich habe nichts zu verbergen“. Ich warte auf ein Fernsehformat, in dem die Leute, die das am lautesten sagen, als erste vorgeführt werden und dann mit einer garantiert langen Liste von Dingen konfrontiert werden, die man besser hätte verbergen können. Wenn es jemanden gibt, der nichts zu verbergen hat, brauche ich ihn oder sie nicht zu kennen. Ich fürchte, es gibt wenig, was man von ihnen lernen oder worüber man lachen könnte. Wenn es keine Privatsphäre gibt, gibt es auch keinen Raum für Sünde. Das wäre eine echte Schande.

Sensoren sammeln pausenlos Informationen

Dieses Phänomen wird auch in der Mobilität sehr wichtig werden, weil Autos durch all die Sensoren und Kameras, die sie inzwischen an Bord haben, immer mehr messen, Informationen sammeln und wissen. Diese Technologien dienen in erster Linie dazu, das Fahren sicherer und komfortabler zu machen. Es gibt aber einen sehr großen „Beifang“ an datenschutzrelevanten Informationen. Über die Reiseziele, von denen Ihr Partner oder Ihr Chef nichts wissen sollte, oder über die Dutzende von Verkehrsverstößen, die Sie möglicherweise jede Woche begehen.

Aber auch darüber, was um das Auto herum gerade passiert: Wie viel los ist in den Geschäften entlang der Straße, wo es regnet – und ob Ihre Haustür noch offen steht. Da haben Sie es: Privatsphäre.

Dauernd aktiver Datensammler 
Nicht nur die Autos von Tesla verfügen über eine Batterie von Sensoren und Kameras zur Beobachtung des Fahrers und der Umwelt. Aber kaum ein anderer Autohersteller wertet die Daten so intensiv aus. Tesla wurde deshalb in diesem Jahr schon mit dem "BigBrotherAward" ausgezeichnet -  dem Oscar für "Datenkraken". Grafik: Tesla
Dauernd aktiver Datensammler
Nicht nur die Autos von Tesla verfügen über eine Batterie von Sensoren und Kameras zur Beobachtung des Fahrers und der Umwelt. Aber kaum ein anderer Autohersteller wertet die Daten so intensiv aus. Tesla wurde deshalb in diesem Jahr schon mit dem „BigBrotherAward“ ausgezeichnet – dem Oscar für „Datenkraken“. Grafik: Tesla

All diese Daten stellen einen großen Wert dar. In einem extremen Szenario vielleicht mehr als das, was das Autofahren kostet. In einem solchen Szenario bezahlen Sie für das Fahren Ihres Autos mit Ihrer Privatsphäre – genau so wie Sie jetzt schon für all die Dienste von Google und Facebook bezahlen.

Der Wert dieser Daten ist auch der Grund, warum sich Technologieunternehmen wie Google und Apple in den letzten Jahren so aktiv an Autoplattformen beteiligt haben – für die Datenjäger sind Autos so etwas wie trojanische Pferde. Aber Google und Apple sind nicht die einzigen, die auf der Lauer liegen. Autohersteller, Importeure, Händler, Leasingfirmen, Autowerkstätten, Versicherungen, die Automobilclubs – sie alle sind auf das angewiesen, was das Auto weiß.

Daten schaffen neue Geschäftsmodelle

Denn ohne diese Daten gibt es in Zukunft kein Automobilgeschäft mehr. Die neuen Geschäftsmodelle basieren auf Software-Updates, die neuen Funktionen bringen, einen günstigeren Wartungsvertrag offerieren, eine bessere Versicherung oder ein Neuwagen-Abo inklusive Sportwagen für ein Wochenende. Alles optimiert auf der Basis der Daten aus den Fahrzeugen: Die Autos wissen inzwischen oft besser, was der Nutzer will als dieser selbst.

Assistenzsysteme sollen die Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen und das Autofahren erleichtern. Die Systeme sammeln allerdings eine Unmenge von Daten. Beunruhigt Sie diese Entwicklung?
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Der entscheidende Faktor in diesem Spiel ist der Datenschutz – und Gewinner ist derjenige, der das Spiel mit den Daten am besten spielt. Obwohl die Gesetzgebung sehr komplex ist, was die Frage betrifft, wem die Daten gehören, ist klar, dass der Fahrer als „Datensubjekt“ bestimmt, was mit seinen Daten gemacht werden darf. Derzeit ist das an eine lange Liste von Bedingungen geknüpft, die sich kaum jemand durchliest, sondern mit einem Klick auf den „OK“-Button blind akzeptiert.

Vertrauen verdient nur, wer schnell vergisst

Aber in Zukunft wird dies viel expliziter geregelt sein. Das bietet Chancen für diejenigen, denen man am ehesten seine Daten anvertraut. Und die all dass, was Sie nicht über Ihren Kunden wissen müssen, schnell und fein säuberlich wieder vergessen.

Dies ist gleichzeitig eine weise Lektion auch für jede andere Branche: Wenn jemand anders mehr Daten über die Nutzung Ihres Produkts oder Ihrer Dienstleistung hat als Sie selbst, werden Sie früher oder später zu einer Ware oder sogar obsolet werden.

Ja, es gibt viel zu gewinnen. Aber nur solange man respektiert, dass die Menschen eine Menge zu verbergen haben.

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