Florian Sehr aus Wesel zählt zu denjenigen, die das neue Angebot als erste ausprobieren können. Vor einigen Wochen konnte er seinen nagelneuen BMW iX3 in Empfang nehmen, ein paar Tage darauf installierten Elektriker im Auftrag von E.ON in seiner Garage eine Wallbox und im Keller seines Hauses ein intelligentes Energiemanagementsystem. Nun kann er den Sonnenstrom, den eine 22 kWp große Photovoltaikanlage auf dem Dach produziert, nicht nur im 16 kWh fassenden Heimspeicher puffern, sondern zusätzlich im Akku seines Elektroautos.
Aber Sehrs erstes Elektroauto und die neue Gleichstrom-Wallbox können noch mehr. Nämlich Strom aus dem Akku ins Netz einspeisen. Etwa nach Sonnenuntergang und wenn gerade eine große Nachfrage nach Strom herrscht. Der Elektroingenieur vom Niederrhein erhält dafür von der E.ON bis zum Jahresende 40 Cent pro Kilowattstunde – gewissermaßen zum Dankeschön, dass er dem Energieversorger aus der Klemme hilft und den Bau eines neuen Kraftwerks erspart.
Feldversuch zum bidirektionalen Laden
Und weil er sich bereit erklärt hat, mit Auto und Eigenheim am Pilotbetrieb des Projekt „BDL Next“ teilzunehmen. E.ON und BMW, der Wallbox-Hersteller Compleo sowie die Netzbetreiber Tennet und Bayernwerk wollen in dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Forschungsprojekt die Netz- und Systemrückwirkungen des bidirektionalen Ladens analysieren und eine realistische Einschätzung zu Erlöspotenzialen von „Multi-Use“-Anwendungen liefern. Für den Feldversuch wurden im Frühjahr 20 Freiwillige aus Nordrhein-Westfalen und Bayern gesucht – Sehr ist einer davon.

Dir promovierte Volkswirtin aus Eitorf treibt als Vice President Innovation Development bei der E.ON Group Innovation GmbH die Entwicklung des Elektroautos als Teil eines Energie-Ökosystems voran. Foto: Victor Strasse für E.ON
Das Elektroauto als rollender Stromspeicher, der nicht nur Energie aufnimmt, sondern sie auch wieder ans Netz abgibt – das ist die Grundidee des bidirektionalen Ladens. Was lange wie Zukunftsmusik klang, ist mittlerweile in der Realität angekommen. Wir sprachen mit Lioudmila Simon, Vice President Innovation Development bei der E.ON Group Innovation GmbH über den Startschuss in den Massenmarkt, die Sorge um gestresste Akkus und das Ende der doppelten Netzentgelte.
Frau Simon, E.ON hat kürzlich gemeinsam mit BMW das erste kommerzielle Angebot für bidirektionales Laden in Deutschland auf den Markt gebracht. Wie genau sieht dieses Setup aus und wie läuft es an?
Es ist in der Tat die erste kommerzielle Anwendung für sogenanntes Vehicle-to-Grid (V2G). Das Paket besteht aus vier Komponenten: dem BMW iX3, der dazugehörigen bidirektionalen „BMW Wallbox Professional“, unserem speziellen V2G-Tarif von E.ON und einem Smart Meter. Wir haben das Ganze im September letzten Jahres auf der IAA gelauncht. Seit Anfang dieses Jahres ist der Tarif buchbar und die ersten Autos wurden bereits ausgeliefert. Die Kunden können das bidirektionale Laden also jetzt voll nutzen, und wir sind mit dem Hochlauf wirklich sehr zufrieden.
Wenn ich da als Kunde mitmache, stelle ich E.ON quasi meine Autobatterie zur Verfügung. Lohnt sich das für mich finanziell?
Absolut, es ist ein super attraktives Angebot. Wenn der Kunde das Auto im V2G-Modus lädt, kann er allein als „Ansteckbonus“ bis zu 720 Euro im Jahr bekommen. Umgerechnet entspricht das etwa 14.000 kostenfreien Kilometern, was für die meisten Fahrer in Deutschland der kompletten Jahresfahrleistung entspricht. Um den Maximalbonus zu erhalten, muss das Auto rund 250 Stunden im Monat angeschlossen sein – das sind knapp über acht Stunden täglich, was sich gut erreichen lässt, wenn man sich angewöhnt, den Wagen abends nach der Arbeit direkt anzustecken. Der Kunde muss eigentlich nichts weiter tun: Er gibt in der App einfach sein Ladeziel vor, also wann das Auto wieder wie voll sein muss, und unsere intelligente Software übernimmt den Rest.
„Das Energiesystem braucht dringend Flexibilität.“
Und warum hat E.ON als Energieversorger überhaupt so ein großes Interesse an unseren Autobatterien?
Statistiken zeigen, dass private Autos oft mehr als 23 Stunden am Tag ungenutzt herumstehen. Wir bündeln diese vielen Autobatterien und bringen sie als große gebündelte Kapazität – quasi als dynamischen Schwarmspeicher – auf den Energiemarkt. Das Energiesystem braucht dringend Flexibilität. Wenn gerade viel Sonnen- oder Windstrom im Netz ist, steuern wir die Autos so, dass sie laden, da die Preise dann niedrig sind. Gibt es später eine hohe Nachfrage im Netz, speisen die Autos den Strom wieder zurück.
Haben Sie eine Zahl, um welche Dimensionen es da geht?
Wir haben das auf Basis von Daten des Kraftfahrtbundesamts und des ADAC berechnet: Allein letztes Jahr waren schon über 225.000 bidirektional befähigte Autos auf deutschhen Straßen. Wenn wir diese Kapazitäten nutzen, könnten wir damit 2,5 Millionen Haushalte zwölf Stunden lang mit Strom versorgen. Das ersetzt umgerechnet zweieinhalb konventionelle Gaskraftwerke. Das ist ein gewaltiger Hebel für die Energiewende.

Der Akku des BMW iX3 ist zu 85 Prozent geladen – da kann man ein paar Kilowattstunden zurück ins Netz speisen, wenn die Nachfrage nach Strom gerade besonders hoch ist. Natürlich nicht kostenlos – im Rahmen des Feldversuchs BDL Next gibt es 40 Cent/kWh.
Da schrillen bei manchem Autofahrer möglicherweise die Alarmglocken. Mein Auto wird für das Netz „sozialisiert“ und der teure Akku durch das ständige Be- und Entladen gestresst. Droht da nicht eine schnellere Alterung der Batterie?
Diese Sorge nehmen wir sehr ernst. Zunächst einmal bedeutet bidirektionales Laden nicht, dass die Batterie ununterbrochen geladen und entladen wird. Es wird nur dann Energie verschoben, wenn es für das Energiesystem wirklich sinnvoll ist. Dabei reden wir von sehr geringen Lademengen und vor allem geringen Ladegeschwindigkeiten. In den Fahrzeugen sind zudem strenge Schutzmechanismen der Hersteller verbaut, die penibel darauf achten, dass alles extrem batterieschonend abläuft. Außerdem behält der Kunde immer die Kontrolle: Wenn man weiß, dass man am nächsten Tag spontan wegfahren muss, kann man das bidirektionale Laden in der App jederzeit mit einem Klick unterbrechen und ganz klassisch laden.
Ein großes Ärgernis war bislang, dass für den Strom zweimal Netzentgelte anfielen – einmal beim Zwischenspeichern ins Auto – auch wenn ich den Strom selbst gar nicht nutze – und dann wieder beim tatsächlichen Endverbraucher der Energie.“
Das war in der Tat eine große Hürde. Aber seit Anfang des Jahres gibt es glücklicherweise eine Gesetzesnovelle, die genau das geregelt hat. Die Netzentgelte beim Zwischenspeichern sind nun nicht mehr zu tragen, was entscheidend zur Wirtschaftlichkeit des bidirektionalen Ladens beiträgt. Das Auto wird gesetzlich nun auch offiziell als Speicher gesehen und nicht mehr nur als „Endverbraucher“.
„Das Ziel ist das perfekt vernetzte Zuhause.“
Aktuell funktioniert Ihr Angebot nur in der geschlossenen Kombination aus BMW iX3 und der BMW-eigenen Wallbox. Ich besitze zum Beispiel ein Elektroauto aus dem VW-Konzern. Bleibe ich da außen vor?
Wir stehen noch ganz am Anfang dieser Technologie, daher war dieser Start mit einem festen Setup ein guter erster Schritt. Aber wir sind absolut davon überzeugt: Damit bidirektionales Laden in den Massenmarkt skalieren kann, muss es herstellerunabhängig werden. Es darf perspektivisch keine proprietären Insellösungen geben. Wenn Sie in Zukunft ein anderes Auto kaufen, sollen Sie nicht eine neue Wallbox brauchen. Wir engagieren uns deshalb in einer europäischen Initiative, der sogenannten „Coalition of the Willing for bidirectional charging“ (pdf), initiiert durch das Bundeswirtschaftsministerium. Daran nehmen 150 Industrieunternehmen aus verschiedenen europäischen Ländern teil – Energieversorger, Autohersteller, Netzbetreiber –, um gemeinsam offene technische Standards zu schaffen. Viele Player beschäftigen sich aktuell mit der Technologie, auch der VDA hat zuletzt die Standardisierung des Gesamtsystems als Ziel ausgegeben.
Viele Eigenheimbesitzer haben Solar auf dem Dach und wollen das Auto lieber nutzen, um ihr eigenes Haus nachts mit Strom zu versorgen, also Vehicle-to-Home. Bieten Sie das auch an?
Unser aktuelles kommerzielles Angebot zielt zunächst auf Vehicle-to-Grid ab, also primär für Kunden ohne eigene PV-Anlage oder für Volleinspeiser. Aber Vehicle-to-Home ist ein riesiges Thema, das wir ebenfalls vorantreiben: Wir nehmen als Konsortialpartner am größten deutschen Förderprojekt, „BDL Next“, teil welches vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird und als Ziel die Massenmarktfähigkeit des bidirektionalen Ladens verfolgt. Da haben wir vor wenigen Wochen die Pilotierung mit ersten Testkunden gestartet. Das Ziel ist das perfekt vernetzte Zuhause: Wie können wir die PV-Anlage, die Wärmepumpe, stationäre Speicher und das E-Auto gesamthaft optimieren? Wenn das Auto künftig nicht nur Geld verdient, sondern das Zuhause hocheffizient macht, wird das der Elektromobilität insgesamt noch einmal einen riesigen Popularitätsschub geben.
Vielen Dank für das Gespräch.