Es ist eine stille Revolution, die sich auf den Hektarflächen entlang der deutschen Autobahnen vollzieht. Wo früher nur Ware gelagert wurde, wird heute Energie geerntet – und zwar im großen Stil. Acht Hektar Dachfläche, sieben Megawatt Peak-Leistung: Das sind Dimensionen, in denen man bei dem Start-up Enviria rechnet. Doch Marvin Mertens, Head of Sales & Product bei dem Frankfurter Unternehmen, weiß: Das einfache Solarmodul ist nur der Anfang einer Geschichte, die gerade erst komplex wird.

Enviria, einst als reiner Anbieter für gewerbliche Solaranlagen gestartet, hat im Sommer sein Ökosystem unter dem Namen „Peak Hive“ massiv ausgebaut. Der Grund? Die Kunden wollten mehr. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der Explosion der Energiepreise reicht der bloße Strom vom Dach nicht mehr aus. „Die Sonne scheint leider nicht immer“, sagt Mertens trocken. Die Vision ist daher größer: Das Unternehmen will zum „dezentralen Energieversorger“ für Kunden aus Gewerbe und Industrie werden, quasi „das kleine Stadtwerk“ beim Gewerbekunden vor Ort.

Ein „bürokratisches Monster“ mit 900 Köpfen

Dass Photovoltaik allein nicht mehr genügt, ist in der Branche Konsens. Doch während viele vom „Speicher-Tsunami“ auf freier Flur träumen – riesigen Container-Parks auf der grünen Wiese – sieht Mertens den wahren Schatz in der Industrie. Der Vorteil der Logistikriesen: Die Infrastruktur ist schon da. „Wir haben ja eigentlich bei den Gewerbekunden den riesen Vorteil, dass wir schon Netzverknüpfungspunkte da haben“, erklärt Mertens. Doch dieser Anschluss ist oft nur ausgelastet, wenn die Sonne scheint – den Rest des Jahres liegt das wertvolle Kabel brach.

Marvin Mertens 
Der Wirtschaftsingenieur und Spezialist für Energiemanagement arbeitet seit Februar 2023 für die Enviria Energy Holding, die Unternehmen mit der Planung, Finanzierung und Realisierung von Photovoltaikanlagen auf Gewerbebauten sowie der Integration von Stromspeichern und Ladestationen für Elektroautos bei der Dekarbonisierung unterstützt. Mit der Entwicklung der "Peakhive"-Suite hat Mertens eines der ersten vollständig integrierten Energiesysteme für Gewerbe und Industrie mitgestaltet. Foto: Enviria
Marvin Mertens
Der Wirtschaftsingenieur und Spezialist für Energiemanagement arbeitet seit Februar 2023 für die Enviria Energy Holding, die Unternehmen mit der Planung, Finanzierung und Realisierung von Photovoltaikanlagen auf Gewerbebauten sowie der Integration von Stromspeichern und Ladestationen für Elektroautos bei der Dekarbonisierung unterstützt. Mit der Entwicklung der „Peakhive“-Suite hat Mertens eines der ersten vollständig integrierten Energiesysteme für Gewerbe und Industrie mitgestaltet. Foto: Enviria

Die technische Lösung wäre einfach: Speicher installieren, um die Auslastung zu glätten. Doch die Realität in Deutschland ist ein Dschungel. Ein Dschungel aus hunderten Zuständigkeiten. „Wir haben 900 Netzbetreiber und das sind dann halt 900 Wasserköpfe, 900 verschiedene Verfahren“, kritisiert Mertens deutlich. Wer einen Speicher ans Netz bringen will, spielt oft Roulette. „Das ist immer ein Lottospiel, ob das jetzt funktioniert oder nicht“, so Mertens. Das „Unbundling“ – einst gedacht, um Wettbewerb zu schaffen – habe, so Mertens, am Ende ein „bürokratisches Monster“ geschaffen.

Das Absurde daran: Oft scheitern moderne Lösungen an der fehlenden Transparenz. Enviria könnte Speicher netzdienlich fahren, also das Stromnetz stabilisieren, wenn die Betreiber Signale senden würden. Doch in der Mittelspannung sind viele Netzbetreiber schlicht ahnungslos. „Die sind ja blind“, sagt Mertens über die fehlende Datentransparenz der Netzbetreiber. „Da ist es dann auch schwierig, auf dieses Signal oder auf dieses Netz einzugehen, wenn man keine Infos dazu hat“. Während man auf eine Zusage zu einer PV-Anlage von Gesetz wegen maximal acht Wochen wartet, kann die Genehmigung eines Speichers schon mal neun Monate dauern. „Planungssicherheit ist da nicht gegeben“, resümiert er. „Wir hoffen auf neue Bewertungsverfahren in der Kapazitätsvergabe im kommenden Jahr. Das ist dringend notwendig.“ Na klar: Immerhin hat Peak Hive mehr als 2000 Gewerbeprojekte in der Pipeline.

LKW laden an der Raststätte? „Das funktioniert gar nicht“

Ein weiteres drängendes Thema ist die Elektrifizierung der Schwerlastflotten. Die Automobilindustrie prescht vor, Batteriefabriken entstehen, doch Deutschland zögert mit dem Aufbau einer Schnellladeinfrastruktur für batteriebetriebene Lkws. Mertens wird hier politisch: „Ich habe manchmal das Gefühl, dass Deutschland hier so ein bisschen einen Sonderweg geht.“ Auch aus industriepolitischen Gründen. Während die Welt sich für Elektromobilität entschieden habe, „versuchen wir noch mal das Aus vom Verbrenner auszusitzen“.

Trucker-Idyll 
Der Aufbau eines Schnellladenetzes für batteriegetriebene Lastzüge steckt nicht nur in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Ein Problem dabei ist der Platzmangel an Raststätten entlang der Autobahnen. Grafik: NOW
Trucker-Idyll
Der Aufbau eines Schnellladenetzes für batteriegetriebene Lastzüge steckt nicht nur in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Ein Problem dabei ist der Platzmangel an Raststätten entlang der Autobahnen. Grafik: NOW

Dabei hinkt die Infrastruktur der Realität hinterher. Mertens zeichnet ein nüchternes Bild der Autobahn-Romantik: Raststätten sind abends schon jetzt überfüllt mit parkenden LKW. „Wo soll denn der Platz herkommen?“, fragt er rhetorisch bezüglich neuer Ladesäulen. „Das funktioniert ja gar nicht.“ Seine Überzeugung: „Das muss ein Depotladen sein.“ LKW werden sternförmig vom Logistikzentrum aus operieren und dort laden müssen.

Das verändert die Standortpolitik drastisch. War früher die Nähe zur Autobahnauffahrt das Kriterium, ist es heute der Zugang zum Mittelspannungsnetz. Wer heute eine Logistikhalle baut, muss dicke Kabel einplanen. „Früher war der Netzverknüpfungspunkt, ja, da braucht man Strom für so ein paar LED-Lampen. Alles halb so wild“, erinnert sich Mertens. Heute entscheidet die Kupferleitung über die Zukunftstauglichkeit.

Strom ist nicht mehr einfach nur Strom

Die neue Energiewelt verlangt den Unternehmen jedoch mehr ab als nur technische Aufrüstung; sie erfordert ein mentales Umdenken. Mertens beobachtet zwei Welten: Die Immobilienwirtschaft, die „einfach Planungssicherheit“ will und feste Preise bevorzugt, um bloß keinen Ärger mit der Nebenkostenabrechnung zu haben. Und auf der anderen Seite die Industrie, die Flexibilität nutzen muss.

„Strom ist nicht mehr einfach nur Strom“, bringt es Mertens auf den Punkt. „Strom hat eine zeitabhängige Variable“. Er ist ein volatiles Gut, das mittags fast nichts kostet und abends teuer ist. Wer seine Verbraucher – seien es LKW-Flotten oder Kühlhäuser – intelligent steuert, kann diese Schwankungen nutzen.

Solaranlage auf einem Logistikzentrum 
Auf über 500 Gewerbebauten hat Enviria seit der Gründung 2013 Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 100 MWp geplant und installiert. Nun erweitert der Dienstleister das Angebot auf Stromspeicher und den Aufbau von Ladestationen für Elektro-Laster.
Solaranlage auf einem Logistikzentrum
Auf über 500 Gewerbebauten hat Enviria seit der Gründung 2013 Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 100 MWp geplant und installiert. Nun erweitert der Dienstleister das Angebot auf Stromspeicher und den Aufbau von Ladestationen für Elektro-Laster.

Trotz Rezessionssorgen und Sparzwang in der deutschen Industrie ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Energiewende da. Doch das Geld sitzt nicht mehr so locker. Der Trend geht laut Mertens weg vom Eigeninvestment hin zu „Contracting“-Modellen: Enviria baut und betreibt, der Kunde kauft nur noch die grüne Kilowattstunde und lagert so das Risiko aus.

Am Ende bleibt der Eindruck einer Branche, die technologisch bereit ist zu sprinten, aber von der Regulierung ausgebremst wird. Mertens gibt offen zu, dass man bei den Netzzusagen „mit etwas anderem gerechnet“ habe. Der Frust über den „Flaschenhals Netz“ ist spürbar, aber die Richtung ist klar: Das Hallendach der Zukunft ist kein Regenschutz mehr, sondern ein intelligentes Kraftwerk. Man muss es nur ans Netz lassen.

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