Im zurückliegenden Jahr war der Strom in Deutschland so sauber wie noch nie zuvor: Der Anteil erneuerbarer Energien an der Nettostromproduktion in Deutschland ist nach Berechnungen des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) auf 62,7 Prozent gestiegen. Aus grünen Energiequellen wurden 2024 demnach 275,2 Terawattstunden elektrische Energie produziert – 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Die wichtigste Stromquelle war laut dem Institut die Windkraft mit einem Anteil von 33 Prozent. Die zweitwichtigste erneuerbare Energiequelle, Photovoltaik-Anlagen, deckte rund 14 Prozent der Gesamtstromerzeugung ab.
Dennoch zahlen deutsche Verbraucher im internationalen Vergleich immer noch mit die höchsten Strompreise. Und daran wird sich so schnell nichts ändern: Trotz des weiteren Zubaus erneuerbarer Energien wird der Strompreis in Deutschland in den kommenden Jahren höher sein als vor der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Wissenschaftlern der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg, der Hochschule Offenburg und des Stromnetzbetreibers Tennet.
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Das Diagramm zeigt den prognostizierten Stromgroßhandelspreis für verschiedene Szenarien und die 95%-Konfidenzintervalle. Grafik: FAU
Der Zubau von vor allem Wind- und Solarenergieanlagen führe demnach zwar eigentlich zu einem niedrigeren Strompreis. Auch geringere Nettoexporte hätten diesen Effekt. Allerdings stünden dem Erneuerbarenzubau ein Anstieg des Verbrauchs, ein Rückgang des Grundlaststromangebots durch den Atomausstieg, ein steigender Preis für CO2-Emissionszertifikate und ein höherer Gaspreis als vor der Krise entgegen. Diese Faktoren lassen laut der Studie den Strompreis tendenziell ansteigen.
Entwicklungen bis 2030
Eine weitere Erkenntnis der Studie: Die Volatilität der Strompreise wird steigen. Obwohl die fluktuierende Erzeugung von Erneuerbaren und Schwankungen im Verbrauch den größten Effekt auf die Volatilität des Strompreises hätten, spielten auch die sich verändernden Preise für CO2-Zertifikate und Gas eine Rolle.
Die Wissenschaftler versuchten mit der Studie, Entwicklungen des Strompreises bis 2030 vorherzusagen. In dem Jahr soll nach dem Ziel der Bundesregierung 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren stammen. Laut dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sollen dann 215 GW an Solaranlagen, 115 GW an Onshore-Windkraft und 30 GW an Offshore-Windparks installiert sein. Um die Entwicklungen des Strompreises vorherzusagen, entwickelten die Wissenschaftler ein Modell, für das sie Daten von Januar 2015 bis Mai 2023 nutzten. Die Autoren argumentieren, damit hätten sie Daten aus der Zeit vor der Energiekrise, aus der Krisenzeit und aus der Zeit danach verwendet.
Investitionen in Flexibilität
In dem Modell spielten die Forscher sechs Szenarien durch, unter anderem eines, in dem sich der Zubau von Erneuerbaren exponentiell verschnellert und eines, in dem Deutschland wieder in die Atomkraft einsteigt. In diesen Szenarien läge der Strompreis über dem Vorkrisenniveau.
Die Forscher weisen darauf hin, dass ein höherer Strompreis und stärkere Preisschwankungen zwar für Verbraucher Herausforderungen darstellten, gleichzeitig aber auch Chancen für Investitionen in Flexibilitätslösungen böten. In dem Strommarkt der kommenden Jahre seien solche Investitionen dringend erforderlich. Ein höherer Strompreis wirke außerdem negativen Strompreisen und damit dem Kannibalisierungseffekt von Erneuerbaren entgegen. Zudem führten die Signale eines hohen Strompreises eher dazu, dass es steuerbare Kapazität geben werde.
Ein hoher Strompreis führe zudem dazu, dass es weniger Bedarf an Vergütungsmechanismen für gesicherte Leistung, wie etwa die eines Kapazitätsmarktes, gebe. Allerdings erzeugten höherer Strompreis mehr Druck auf die Politik, private Verbraucher und die Industrie vor hohen Preisen zu schützen.