Der französische Energie-Riese TotalEnergies drückt in Deutschland beim Ausbau der Elektromobilität aufs Tempo. Wer am Berliner Hauptbahnhof ankommt, findet ab sofort in unmittelbarer Nähe an der Invalidenstraße einen neuen, großen Flagship-Ladehub des Konzerns vor. An diesem zentralen Verkehrsknotenpunkt stehen nun insgesamt 18 Ladeplätze zur Verfügung, die eine Ladeleistung von jeweils bis zu 400 Kilowatt bieten. Der Ladestrom für diese komplett überdachte Station stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen und ist durch entsprechende Herkunftsnachweise belegt.

Jan Petersen, Geschäftsführer von TotalEnergies Charging Solutions Deutschland, betonte bei der Eröffnung, dass sich das Angebot mit seinen zwei barrierefreien Plätzen sowie zusätzlichen Services wie Reifenluftdruckmessgeräten und Staubsaugern ganz bewusst breit aufstellt. Angesprochen werden sollen Pendler, Mitarbeitende der umliegenden Europacity, aber auch Gewerbetreibende wie das lokale Taxigewerbe sowie Privatpersonen, die Reisende zum Bahnhof bringen oder die nahegelegenen Museen besuchen.

Dreieinigkeit
Jan Petersen und Pierre-Alexandre Vigil von TotalEnergies nahmen die neue Schnellladestation in Berlin-Mitte zusammen mit Johannes Wieczorek vom Bundesverkehrsministerium offiziell in Betrieb. Foto: TotalEnergies

Dieser neue Vorzeigestandort steht dabei nicht für sich allein, sondern reiht sich nahtlos in die Expansionsstrategie des Unternehmens ein. Bereits im September 2025 hatte TotalEnergies einen großen Schnellladepark am Hauptstadtflughafen BER ans Netz gebracht. Nur wenig später, Ende November 2025, folgten am Doppelstandort Weißer Graben an der Autobahn A3 bei Erlangen die ersten beiden Deutschlandnetz-Schnellladestationen des Unternehmens.

TotalEnergies wächst mit dem Deutschlandnetz

Zuvor hatte TotalEnergies bei den Deutschlandnetz-Ausschreibungen des Bundesverkehrsministeriums in den Jahren 2023 und 2024 lukrative Zuschläge für den Bau und Betrieb von weit über 1.200 Schnellladepunkten erhalten, die nun sukzessive an unbewirtschafteten Rastanlagen sowie in Ost-, Mittel- und Westdeutschland entstehen. All dies schlägt sich in der aktuellen Bilanz nieder: Von derzeit insgesamt mehr als 80.000 Ladepunkten in ganz Europa betreibt der Konzern allein in Deutschland mittlerweile über 8.000 Stück.

Eine realistische Einordnung dieser Zahlen auf dem deutschen Markt gelingt jedoch erst durch einen direkten Vergleich mit der starken Konkurrenz im High-Power-Charging-Sektor (HPC). Von den über 8.000 deutschen Ladepunkten entfallen bei TotalEnergies derzeit 429 auf reine Schnellladepunkte, wobei sich diese Zahl bis zum Jahresende auf rund 800 Stück annähernd verdoppeln soll. Im HPC-Bereich ist das Unternehmen damit aktuell noch ein wachstumsstarker Herausforderer.

Angriff auf EnBW, Aral und Shell

Unangefochtener Platzhirsch beim Schnellladen ist in Deutschland die EnBW, die mittlerweile mehr als 8.000 reine Ultraschnellladepunkte betreibt und dieses Netz bis 2030 auf 20.000 HPC-Punkte verdichten will. Auch die klassischen Mineralöl-Mitbewerber haben beim High-Speed-Laden momentan noch einen deutlichen Vorsprung: Aral pulse gehört mit über 3.600 HPC-Ladepunkten an mehr als 500 Standorten zu den größten Anbietern im Land. Shell Recharge wiederum positioniert sich mit rund 1.700 reinen Schnellladepunkten, die bevorzugt an Tankstellen oder Partner-Standorten wie Supermärkten errichtet werden, ebenfalls enorm stark im deutschen Markt. TotalEnergies muss also weiter massiv investieren, um im Ultraschnellladeniveau zu den Marktführern aufzuschließen.

Eine gänzlich andere, dominantere Marktposition genießt der ehemals reine Ölkonzern dagegen in seinem Mutterland Frankreich. Dort hat sich TotalEnergies längst als einer der absoluten Vorreiter beim Betrieb öffentlicher Ladenetze etabliert, indem klassische Tankstellen im großen Stil mit HPC-Säulen aufgerüstet wurden. Das Unternehmen profitiert im Heimatmarkt stark von integrierten Abo-Modellen für Viellader und einer breiten Kundenakzeptanz.

Trotz dieser europäischen Blaupause und der gewaltigen Investitionsbereitschaft schwingt auch in Deutschland eine spürbare Portion Skepsis mit. Bei der Eröffnung am Berliner Hauptbahnhof wies Jan Petersen darauf hin, dass die allermeisten Ladehubs derzeit gar nicht voll ausgelastet seien. Die Anbieter von Ladeinfrastruktur gingen massiv in Vorleistung, während der tatsächliche Hochlauf der Elektromobilität auf den Straßen weiterhin merklich stocke. Damit die groß angelegte Transformation letztlich gelinge, forderte der Chef von TotalEnergies Charging Solutions Deutschland ein klares und gemeinsames Bekenntnis aller relevanten Akteure – von der Politik über die Kommunen bis hin zu den Fahrzeugherstellern.

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