Die Bundesregierung will die Windenergienutzung auf See nach den Verlautbarungen von Wirtschaftsminister Peter Altmaier deutlich ausbauen. Aktuell geht die Entwicklung aber in die andere Richtung: 2020 gingen so wenig neue Windkraftanlagen ans Netz wie zuletzt 2014. Das zeigen aktuelle Zahlen der Deutschen Windguard.

Demnach gingen im vergangenen Jahr insgesamt 32 neue Offshore-Anlagen in Nord- und Ostsee mit einer Gesamtleistung von 219 Megawatt (MW)
neu ans Netz. Die installierte Leistung der Offshore-Windkraft in Deutschland stieg damit auf insgesamt 7.700 MW. Von den insgesamt in Deutschland im vergangenen Jahr erzeugten 242 Milliarden Kilowattstunden Strom aus Erneuerbaren Energien stammten 28 Milliarden kWh aus den Offshore-Anlagen, also etwa 12 Prozent.

Unternehmen müssen Flaute überbrücken

Bis 2030 soll die Offshore-Windkraft nach den Plänen der Bundesregierung und im Zuge der Energiewende auf 20.000 Megawatt wachsen, bis 2040 sogar auf 40.000 MW. Das sind ehrgeizige Ziele. Das Problem der Branche ist nur: In den kommenden vier Jahren wird sich nach derzeitiger Lage nicht mehr viel in Nord- und Ostsee tun. Zwar ist in diesem Jahr eine Ausschreibung geplant – es wird aber kein einziges Megawatt zugebaut. Bis 2025 ist der Zubau von weiteren 3.200 MW vorgesehen, eine Investitionsentscheidung gibt es gerade einmal für 300 MW.

„Die Situation der Branche mit dem sehr schwachen Heimatmarkt ist herausfordernd“, erklärten die Verbände BWE, BWO, VDMA Power Systems,
Wab und die Stiftung Offshore-Windenergie gemeinsam. Erst ab Mitte des Jahrzehnts soll der Zubau deutlich an Fahrt aufnehmen. Die Durstrecke bis dahin müssen die betroffenen Unternehmen, darunter viele kleine Zulieferer, aber erst mal überstehen.

„Mit einer rein deutschen Projektpipeline wären wir nicht überlebensfähig“, sagt etwa Pierre Bauer, der Finanzvorstand von Windpower Offshore beim Turbinenhersteller Siemens Gamesa Renewable Energy. Das Unternehmen hat eine Fertigung in Cuxhaven, die aktuell
ausschließlich für den internationalen Markt produziert. Auch
andere Dienstleister oder Logistikunternehmen versuchen die Flaute auf dem deutschen Offshore-Markt durch das Auslandgeschäft auszugleichen.

Heike Schon, Geschäftsführerin der Windagentur Bremerhaven, fordert, den Zubau mehr zu entzerren und nicht komplett auf das Ende des Jahrzehnts zu legen. So könnten über Ausschreibungen Potenziale in der Ostsee und im Küstenmeer genutzt werden.

In Kooperation mit dem Branchendienst energate.

Sorgen bereitet der Branche zudem, dass die aktuell vorgesehenen Zubaumengen durch die Hintertür wieder eingedampft werden könnten, etwa durch Konflikte um Naturschutz. Der aktuelle Raumordnungsplan sieht maximal 41.000 MW als Vorranggebiete für Offshore-Windkraft vor, zu wenig, findet Stefan Thimm, Geschäftsführer der Betreiberverbandes BWO. Er fordert einen zusätzlichen Puffer als Absicherung. Er plädiert mit den anderen Branchenverbänden auch dafür, die knappen Offshore-Flächen gemeinsam mit verschiedenen Akteuren zu nutzen. Beim Marktdesign spricht sich Thimm für die Einführung von Differenzverträgen als Finanzierungsinstrument, wie es sie in verschiedenen anderen EU-Staaten gibt. Die Bundesregierung hatte eine Entscheidung darüber Ende 2020 vertagt und setzt zunächst weiter auf die herkömmlichen Gebotsverfahren.

Klarere Perspektiven wünscht sich die Branche auch beim Thema grüner Wasserstoff. Die Forderung. Etwa ein Mengenziel, wie viel grüner Wasserstoff tatsächlich aus Offshore-Windkraft kommen soll. Aktuell sind
dafür lediglich zwei Flächen in Nord- und Ostsee vorgesehen – ohne Netzanbindung.

Dänen bieten Zusammenarbeit an

Einen Ausweg könnten internationale Kooperationen bieten. Dänemark etwa plant auf der Ostsee-Insel Bornholm einen neuen Netzknotenpunkt zu errichten, der Strom aus umliegenden Offshore-Windparks mit einer Gesamtkapazität von zunächst 2.000 MW einsammeln soll. Der Zeitplan sieht eine Inbetriebnahme bis 2030 vor. Sowohl die Anschlusskapazität als auch die Anbindung an Anrainerstaaten soll in weiteren Schritten ausgebaut werden – die schwedische Südküste ist etwa nur 40 Kilometer von Bornholm entfernt, Rügen knapp 100 Kilometer.

Grenzenlos Strom
Die beiden Netzbetreiber 50Hertz und Energinet wollen einen Energy-Hub in der Ostsee realisieren und die dänische Energieinsel Bornholm mit dem deutschen Stromnetz verbinden. Foto: 50hertz/ Jan Pauls

Tatsächlich haben die beiden Netzbetreiber 50 Hertz auf deutscher Seite und Energinet auf dänischer Seite angekündigt, eine Anbindung der „Energieinsel Bornholm“ an das deutsche Festlandnetz zu prüfen. Dazu wollen beide Unternehmen zunächst weitere Analysen vornehmen, um im Laufe dieses Jahres eine „solide wirtschaftliche und technische Basis“ für das Vorhaben zu haben, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung.

Nach Ansicht von Stefan Kapferer, dem CEO von 50 Hertz, eignet sich das Projekt Bornholm Energy Island hervorragend, „um Windstromkapazitäten in verschiedenen Märkte einzubinden und miteinander zu verknüpfen.“ 50 Hertz habe die Wirtschaftlichkeit einer Anbindung an das deutsche Netz bereits geprüft und sei zu positiven Ergebnissen gekommen.

Potenzial in der Ostsee von 93.000 Megawatt

Mit einer ersten Netzkombilösung hatten 50 Hertz und Energinet zuletzt Pionierarbeit in der Ostsee geleistet und den Grundstein für ihre jetzige Partnerschaft gelegt. Die „Combined Grid Solution“ dient sowohl als Interkonnektor zwischen Dänemark und Deutschland als auch als Anbindung für Offshore-Windparks und ist seit Oktober in Betrieb. Da bestimmte regulatorische Vorgaben nicht anwendbar sind, nehmen die Netzbetreiber derzeit eine Ausnahmegenehmigung der EU für ihren Betrieb in Anspruch. Kapferer mahnte eine dauerhafte Lösung an. „Wir
gehen damit nicht nur technologisch voran, sondern müssen gemeinsam mit der Politik und der Offshore-Windindustrie neue regulatorische Wege finden zur länderübergreifenden Nutzung und Vergütung des erzeugten Stroms“, betonte er.

Thomas Egbo, der CEO der dänischen Energinet, forderte mit Blick auf die Pariser Klimaziele eine neue Gangart bei der Offshore-Windenergie – „vom nationalen Ausbau mit einzelnen Windparks hin zu Energieinseln, die nur als transnationale Projekte zu realisieren sind“. Die Anrainerstaaten
schätzen das Potenzial der Offshore-Windenergie allein in der Ostsee auf
rund 93.000 Megawatt mit einer Erzeugungsmenge von mehr als 300
Milliarden Kilowattstunden im Jahr.

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