Škoda galt einst als der Billigheimer in der Markenfamilie des Volkswagen-Konzerns. Technisch und qualitativ sind die Tschechen längst auf einer Höhe mit der Kernmarke. Und bei den Preisen unterbietet Škoda Volkswagen inzwischen nur noch geringfügig.

Und das Potenzial ist längst noch nicht ausgereizt: Mit der neuen Submarke iV und einer eigenen neuen Produktfamilie will das Unternehmen im Zuge seiner „Strategie 2025“ seinen Marktanteil weiter ausbauen. Wir sprachen mit Entwicklungsvorstand Christian Strube über die Herausforderungen der Elektromobilität und das neue Ökosystem, an dem am Firmensitz in Mlada Boleslav nahe Prag gerade unter Hochdruck gearbeitet wird.

Herr Strube, der Druck auf die Autoindustrie wächst, grüner zu werden, umweltverträglichere Fahrzeuge zu bauen. Nehmen Sie die Herausforderung an?
Aber sicher. Das ist eine Herausforderung, der man sich als Ingenieur nicht nur aus beruflicher, sondern auch aufgrund seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung stellen möchte. Ich habe in den zurückliegenden 30 Jahren meiner Karriere schon eine Menge interessanter und herausfordernder Aufgaben im Volkwagen Konzern gemacht, unter anderem habe ich dabei in der Aerodynamik gearbeitet. Für uns Ingenieure und Entwickler ist es jetzt an der Zeit, alle Erfahrungen und Ideen, die wir im Laufe unseres Berufslebens gesammelt haben, einzubringen, um unsere Fahrzeuge weiter umweltverträglicher zu machen.

Was hat Sie und Ihre Kollegen bisher denn daran gehindert?
Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen, ist nicht immer so einfach. Natürlich muss am Ende jede technische Maßnahme auch immer wirtschaftlich sein. Aber jetzt ist das Pendel durch die gesetzlichen Vorgaben und gesellschaftlichen Wandel stärker zugunsten Umwelt und Nachhaltigkeit ausgeschlagen – was auch gut und richtig ist. Ingenieure müssen heute noch breiter denken als früher.

Citigoe-IV
Ordentliche Reichweite zum kleinen Preis: Bis zu 250 Kilometer weit soll der Citigoe-iV mit einer Akkuladung kommen. Mit einem Basispreis von 20.950 Euro unterbietet das Einstiegsmodell von Skoda für die Ära der Elektromobilität das Schwestermodell e-Up von Volkswagen ebenso wie mit einer Leasingrate von 145 Euro.
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Und das freut Sie natürlich?
Mich persönlich sehr. Sie wollen ja als Entwickler nicht nur das Beste machen nach dem Motto schneller, weiter, höher. Als Ingenieur wollen sie auch das Richtige tun.

Ist das nicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit?
Eigentlich ja. Umso schöner ist es dann aber auch, Dinge umzusetzen, die man sich vorgenommen hat und die einem persönlich wichtig sind.

Was macht denn dem Skoda-Cheftechniker aktuell so richtig Spaß? Die scharfen CO2-Grenzwerte der EU für den Flottenverbrauch noch zu unterbieten?
Die Reduzierung des CO2-Flottenverbrauchs ist eine Herausforderung der wir uns tagtäglich mit aller Konsequenz stellen. Wenn man die Verantwortung für eine Marke hat, setzt man natürlich alles daran, diese Ziele zu erreichen.

Hand aufs Herz: Wie groß ist die Herausforderung?
Die ist natürlich immens – für alle Autohersteller.

„Der ist ein toller Startpunkt“

Kann man das für Skoda quantifizieren? Wie viel verbrauchsgünstiger müssen die Skoda-Fahrzeuge werden?
Unser Ziel ist es, compliant zu sein und einen durchschnittlichen Flottenverbrauch von 95 Gramm CO2 pro km zu erfüllen. Das hängt von vielen Faktoren ab – zum Beispiel wie die neuen Produkt im Markt angenommen werden oder auch wie sich die Produktion entwickelt.

Aber Sie haben doch den aktuellen Modellmix vor Augen und können sich auf der Basis ja ausrechnen, wo Skoda zum Jahreswechsel in etwa stehen wird.
Ja klar. Und ich kann auch sagen: Wir sind gut unterwegs. Wir starten jetzt mit dem Verkauf des Citigo e iV, des ersten echten Elektroautos der Marke Skoda. Und ich kann Ihnen sagen, der ist richtig gut geworden. Ich habe den VW e-Up seinerzeit auch mitentwickeln dürfen…

..der bereits 2009, also vor zehn Jahren, als Konzept vorgestellt und 2013 in den Markt eingeführt wurde – mit einer Reichweite von zunächst noch 130 Kilometern.
Ja, aber inzwischen reicht eine Batterieladung doppelt so weit. Damit ist das Auto für jeden interessant. Ich habe meiner Schwester schon einen Citigo e iV ans Herz gelegt und ich will mir ebenfalls einen zuzulegen. Die Reichweite von bis zu 260 Kilometer kann man auch im Alltagsverkehr erreichen. Und der Preis von 20.950 Euro ist wirklich super attraktiv – abzüglich aller Prämien kostet der Wagen in Deutschland nur 16.570 Euro und im Leasing ist er ab 145 Euro im Monat zu haben. Und das inklusive Batterie. Das ist ein toller Startpunkt für Skoda.

Vision E
Das Konzeptauto kam noch im Gewand eines Crossover-Coupe daher. Aber das Serienmodell wird wohl ein SUV mit großer Klappe und dem vollelektrischem Antrieb des Volkswagen ID.3. Im Oktober 2020, hört man, rollt es in den Handel.
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Den hätten Sie früher haben können: Der Startpunkt für das Schwestermodell VW e-Up war bereits im Herbst 2013. Warum bringen Sie den Skoda Citigo-e iV erst jetzt – als Spätstarter?
Wir haben immer gesagt, wir steigen in die Elektromobilität ein, wenn die Zeit reif dafür ist. Beim Citigo e iV passen jetzt die Reichweite und der Preis. Das Auto ist jetzt für eine Vielzahl unserer Kunden erschwinglich und so das richtige Angebot zum richtigen Zeitpunkt.

Sie nannten das Auto einen Startpunkt. Wie geht es danach weiter?
Mit dem Superb iV – einem Plug-in-Hybrid mit bis zu 56 Kilometern Reichweite im Elektromodus. Dieser kommt zeitgleich mit unserem voll elektrischen Citigo.

Skoda elektrifiziert also die Modellpalette Schritt für Schritt?
Selbstverständlich. Und wenn der nächste Octavia kommt, das Kernprodukt unserer Marke, wird es diesen auch als Plug-in-Hybrid und als Mild-Hybrid geben.

VW präsentierte auf der IAA mit dem ID.3 das erste Auto auf der neuen Elektro-Plattform. Wann zieht Skoda in der Klasse nach?
Bald. Unseren Vision iV haben wir als Konzeptauto bereits in Genf sowie in Shanghai gezeigt. Die Serienversion präsentieren wir im ersten Quartal 2020 und – Stand heute – werden wir sie dann Ende 2020 auf die Straße bringen.

Als Schwestermodell des ID.3 wie beim e-Up, nur mit anderem Logo und Design?
So einfach machen wir es uns nicht (lacht). Unser Modell wird natürlich ein echter Skoda sein und all das erfüllen, was unsere Kunden an einem Skoda schätzen, beispielsweise jede Menge Raum mit größtmöglicher Variabilität im Inneren.

Superb als Teilzeitstromer
Bis zu 56 Kilometer vollelektrisch fährt der Superb iV, das erste Serienfahrzeug von Skoda mit einem wiederaufladbaren Hybridantrieb. Zu kaufen ist die Limousine ab Frühjahr 2020 zu Preisen ab 41.590 Euro. Als Kombi werden es noch einmal 1000 Euro mehr.
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Für einen Technikvorstand bleibt also durchaus noch etwas zu tun, auch wenn die Plattform montagefertig vom Konzern geliefert wird.
Die MQB-Plattform des Konzerns ist eine perfekte Absprungbasis für alle Marken. Aber da gibt es sehr wohl noch einiges zu tun, um diese den Skoda-Tugenden anzupassen. Schauen Sie sich den neuen Scala an, der auf dem A0 MQB basiert.

Auf dem modularen Querbaukasten für Kleinwagen.

Richtig. Wie uns bescheinigt wird, haben wir daraus das maximal mögliche herausgeholt und ein ausgezeichnetes Fahrzeug in der Kategorie gemacht. Die Herausforderungen für uns Ingenieure werden trotz Plattformstrategie nicht kleiner.

Aber was unterscheidet dann einen Skoda von einem Volkswagen oder Seat auf gleicher Plattform?
Früher war Skoda hauptsächlich Funktion und Raum. Dann kam die Emotion dazu. Und jetzt packen wir noch eins drauf: Innovation. Wir werden einige clevere Ideen bringen, die andere nicht haben.

Welche cleveren Ideen werden wir denn im Vision iV sehen?
Das kann ich heute noch nicht verraten. Ich bitte noch um etwas Geduld.

Zur Person
Christian Strube, 56, steht seit 1. Dezember 2015 an der Spitze des Ressorts Technische Entwicklung bei der VW-Tochter Škoda Auto. Strube studierte zunächst Schiffsbetriebstechnik an der Fachhochschule Flensburg. Doch statt zur See ging der Ingenieur 1991 zum Volkswagen-Konzern. Nach ersten Stationen am Volkswagen Stammsitz in Wolfsburg übernahm Strube verschiedene leitende Funktionen im In- und Ausland, unter anderem als Leiter Karosserie und Innenausstattung bei Volkswagen de Mexico. Bis zu seinem Wechsel nach Mlada Boleslav war er für die Aufbauentwicklung der Marke Volkswagen verantwortlich.
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VW-Chefstratege Michael Jost hat im vergangenen Jahr angekündigt, dass bei der Kernmarke im Jahr 2026 die letzte neue Plattform mit einem Verbrennungsmotor gelauncht wird. Wann wird das bei Skoda der Fall sein?
Eine Plattform hat eine Lebensdauer von zwei Modellgenerationen, also über einen Zeitraum von etwa 14 Jahren. Jetzt packen Sie mal auf das Jahr 2026 rund 14 Jahre darauf, dann sind Sie im Jahr 2040. Wir werden also noch eine ganze Weile Verbrennungsmotoren im Angebot haben und uns mit der Optimierung des Antriebs beschäftigen. Wir sagen, dass wir 2025 ein Viertel unserer Fahrzeuge elektrifiziert haben werden, also mit einem batterieelektrischen oder Hybrid-Antrieb. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass drei Viertel der Autos noch einen Verbrenner an Bord haben werden.

Ein schnelles Ende der Ära der Verbrennungskraftmaschinen sehen Sie also nicht?
Nein, nicht grundsätzlich. Es wird mittelfristig ein Nebeneinander von verschiedenen Antriebstechnologien geben. Wir müssen auch erst einmal die Infrastruktur für die Elektromobilität schaffen, um den Kunden die neue Antriebstechnik schmackhaft zu machen. Aber ich sehe in der Elektromobilität zur Zeit den maßgeblichen Beitrag, die CO2 Emissionen im Straßenverkehr signifikant zu senken. Das gilt auch für Škoda.

Ganz andere Frage: Wo wird der erste Skoda auf der Elektro-Plattform MEB eigentlich produziert?
In Mlada Boleslav.

Der Energiemix in Tschechien ist aber nicht sehr klimafreundlich – ein Großteil des Stroms wird mit Hilfe von Kohle gewonnen. Da werden Sie große Probleme haben, wenn Sie das Auto ähnlich wie die Kollegen von Volkswagen klimaneutral an den Kunden übergeben wollen. Oder werden Sie bis zum Serienanlauf das Werk komplett auf Ökostrom umgestellt haben?
Mlada Boleslav hat ein eigenes Kraftwerk und dieses nutzt heute schon in erheblichem Umfang regenerative Energien wie Biomasse. Unsere Absicht ist es, definitiv den CO2-Fußabdruck unserer Werke maßgeblich zu reduzieren. Bis zur zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts beispielsweise möchten wir die Produktion auf elektrische Energie umstellen, die CO2-neutral produziert wird. Wir wollen auch die CO2-Emissionen unserer Flotte um 30 Prozent zwischen 2015 und 2025 senken. Und auch beim Recycling unserer Autos setzen wir alles daran, so umweltfreundlich wie möglich zu sein. Mehr als 85 Prozent der Komponenten beispielsweise beim Scala sind schon wiederverwertbar oder recyclebar. Sie sehen, wir haben sehr ambitionierte Umweltprogramme. Ich möchte aber gerne mal was Grundsätzliches über Nachhaltigkeit sagen.

Versuchsballon in Prag
„BeRider“ heißt der neue e-Scooter-Service, den Skoda Anfang September in Prag gestartet hat, um sich als Anbieter cleverer Mobilitätslösungen zu etablieren.
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Gerne.
Nachhaltigkeitsprogramme führen nur zum Erfolg, wenn man das wirklich will und nicht, weil es verordnet wurde. Nur dann tut man Dinge mit Entschlossenheit und gewinnt darüber Glaubwürdigkeit bei den Kunden. Und wir wollen das.

Trotz allerlei Umweltprogrammen baut auch Skoda das Angebot an SUVs aus. Wie verträgt sich das denn miteinander?
Persönlich sehe ich das manchmal auch ein wenig kritisch, dass unsere Kunden ein Faible für SUVs haben, obwohl man diese im Stadtverkehr nicht zwingend braucht. Aber neben der ökologischen Nachhaltigkeit müssen Sie als Unternehmer auch die ökonomische Nachhaltigkeit sicherstellen und den Kundenbedürfnissen entsprechend anbieten. Und das Geld für die Investition in die neuen Technologien müssen sie auch erst einmal verdienen.

„Wir tun, was wir können“

Aber in diesem Zusammenhang noch zwei Dinge zu SUV und Umweltverträglichkeit: Alle unsere SUV-Modelle sind maximal motorisiert mit Vierzylindermotoren ausgestattet, die sich durch höchste Effizienz auszeichnen und die Euro 6d-Temp Norm erfüllen. Der Durchschnittsverbrauch unseres neuen City-SUV Kamiq 1.6 TDI liegt beispielsweise auf demselben Level wie jener eines gleich motorisierten Scala.

Die Aufgabe des Entwicklungschefs ist es also, die Kollateralschäden an der Umwelt so klein wie möglich zu halten?
Als Techniker nutzen sie alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, um die Fahrzeuge von Generation zu Generation effizienter und damit auch umweltfreundlicher zu machen. Der cw-Wert all unserer Fahrzeuge ist heute deutlich geringer als bei den Vorgängermodellen. Und das ist wirklich eine Sisyphusarbeit, das hinzubekommen. Wir sind zudem gerade dabei, alle Fahrzeuge auf rollwiderstandsarme Reifen umzustellen, um die CO2-Emissionen weiter zu senken. Das sind nur zwei Beispiele. Sie sehen: Wir tun, was wir können – und das tun wir gerne.

Nämlich was? Weiter Autos bauen?
Nicht nur. In unserer Vision für Skoda steht, dass wir eine „Simply Clever Company for best Mobility Solutions“ sein wollen.

Das heißt was?
Wir wollen nicht nur clevere Autos bauen, sondern auch clevere Mobilitätslösungen bieten. Deshalb beteiligen wir uns mit dem Citigo e iV am We Share-Programm des Volkswagen Konzerns – erst in Berlin, dann in Prag. In Prag haben wir zudem Be-Rider gestartet, ein kleines eScooter Sharing-System. Da sammeln wir Erfahrungen und Kompetenzen für neue, umweltverträgliche Mobilitätskonzepte. So entwickeln wir Škoda zukunftsfähig.

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