„Lasst uns einfach anfangen, die Lösungen sind da“: Dieser Appel von Thomas Jäger war ein Motto, das sich durch viele Vorträge und Debatten auf der Smart-Home-Konferenz zog, die EDISON am EBZ im Bochum organisiert hat. In den Räumen des Europäischen Bildungszentrums der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft zeigten Unternehmer wie Jäger, Chef des mittelständischen Elektrotechnik-Spezialisten JF-Group aus dem hessischen Reichelsheim, wie sich beispielsweise durch intelligente Gebäudetechnik Heizkosten um 30 Prozent senken lassen oder wie Funkschalter die Renovierungskosten in Wohnungen reduzieren.
Möchten deren Bewohner beispielsweise den Lichtschalter an einer anderen Stelle platzieren, muss der Installateur keine Wand mehr aufstemmen und Kabel verlegen. Das Signal zum Lichteinschalten sendet der Schalter drahtlos per Funk. Daher kann er überall befestigt werden. Selbst ohne Batterie kommt er aus: Der Druck auf den Schalter liefert ausreichend Energie, um ein Funksignal zu erzeugen. Ähnliche Konzepte gibt es für Heizkörperthermostate.

Zusatzgeschäfte mit intelligenten Diensten

Doch solche smarten Produkte und Lösungen setzen sich bei Mietern und Vermietern nur durch, „wenn sie sexy sind“, wie es Frank Mic ausdrückte, der bei der Ratinger Firma Animus für den Vertrieb individualisierbarer Apps verantwortlich ist, die als Mieterportal dienen. Sprich, die Angebote müssen Kundennutzen bieten, sowohl für Vermieter und wie auch für Mieter. Oder sie müssen neue Geschäftsmodelle eröffnen – nach denen sich in Zeiten von drohenden Mietendeckeln und nach vielen Boomjahren inzwischen auch die Immobilienbranche umsehen muss. Andere Nationen seien da bereits weiter, berichtete Mic: So mache die Immobilienbranche in Frankreich bereits 40 Prozent ihres Umsatzes mit Dienstleistungen jenseits der Miete. Etwa mit Reinigungs-, Wäsche- und Lieferservices, für die Mieter extra bezahlen müssen

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Ganzheitlich denken

Von einen neuen smarten Wohnquartier in Berlin berichtete Simon Dietzfelbinger, Head of Housing Industry bei Drees & Sommer. © Edison, Rebekka Rödiger

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Netzwerker

© Edison, Rebekka Rödiger

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Ökosystem Haus

© Edison, Rebekka Rödiger

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Smarte Protokollierung

Yüksel Sirmasac von Rockethome hält einige Charts der Vortragenden im Bild fest. © Edison, Rebekka Rödiger

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Sally lässt grüßen

Schnappschuss von der EDISON-Konferenz Smart Home. © Edison, Rebekka Rödiger

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Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Vor Sicherheitsrisiken durch die Digitalisierung warnte Klaus Kisters vom Landeskriminalamt. © Edison, Rebekka Rödiger

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Gruppenbild mit Dame

Mehr als nur ein Sidekick: Vivai-Vorstand Bettina Horster, EBZ-Chef Klaus Leuchtmann, Verbandsdirektor Alexander Rychter und Referatsleiter Matthias Nerger © Edison, Rebekka Rödiger

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Aufgepasst

Ali Boukhalfa, Leiter Projektentwicklung bei Solarimo, verfolgt die Diskussion auf der Bühne sehr aufmerksam. © Edison, Rebekka Rödiger

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Von der Information zur Inspiration

© Edison, Rebekka Rödiger

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Zwischenfrage

Was steht der Durchsetzung der neuen Technologien entgegen? Markus Schaffrin (r.) und Frank Mic diskutieren im „Goldfischglas“. © Edison, Rebekka Rödiger

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Betreutes Leben

Bettina Horster von der Software-Company Vivai hat ein System entwickelt, das ältere Menschen in ihren Wohnungen gewissermaßen fern-betreut. © Copyright Rebekka Rödiger

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Schlauer Kopf

Kashif M. Ansari, Partner von Innogy Consulting. © Copyright Rebekka Rödiger

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Weiter denken

Kashif Ansari von Innogy Consulting zeigte den Weg auf vom smarten Heim zur smarten Stadt. © Edison, Rebekka Rödiger

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Wer soll das bezahlen?

Alexander Rychter vom Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft fragt sich, wer all die neuen Technologien bezahlen soll, wenn erst einmal der Mietendeckel drückt. © Edison, Rebekka Rödiger

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Begegnungsstätte Ladesäule

Rund um die Ladesäulen für Elektroautos könnten kleine Mobilitäts-Hubs in den Städten entstehen, empfiehlt eine Studie von Innogy Consulting. © Edison, Rebekka Rödiger

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Förderer des Fortschritts

Matthias Nerger aus dem NRW-Wirtschaftsministerium stellte in Bochum die vielfältigen Förderprogramme des Landes vor. © Edison, Rebekka Rödiger

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Denklabor EBZ

EBZ-Vorstand Klaus Leuchtmann im Gespräch mit den Moderatoren Franz Rother (l.) und Lothar Kuhn. © Edison, Rebekka Rödiger

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Debatte im Goldfischglas

Adrian Obrist von DigitalStrom erläutert, wie smarte Technologien eine neue Wohnqualität schaffen können. © Edison, Rebekka Rödiger

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Alte Substanz mit neuem Leben erfüllt

Peter Neuhaus (l.) von Rheinenergie Köln und Bernd Preuss von der Wohnungsgesellschaft der Stadtwerke haben gemeinsam zwei Wohnquartiere in der Domstadt revitalisiert. © Edison, Rebekka Rödiger

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Genauer hinschauen

Markus Schaffrin hatte eine Studie mitgebracht, die sich mit den Wünschen und Vorbehalten der Konsumenten an und gegen Smart-Home-Technologien auseinander setzt. © Edison, Rebekka Rödiger

Das Potenzial ist auch in Deutschland da, wie die Diskussionen zwischen den Vertretern von Unternehmen, Verbänden und der Wissenschaft über anderthalb Tage zeigten. So rechnet etwa Markus Schaffrin, Geschäftsbereichsleiter beim Eco-Verband der Internetwirtschaft mit Umsätzen von rund 2,4 Milliarden Euro mit Smart-Home-Produkten in 2019. Und sie sollen in den kommenden Jahren weiter kräftig wachsen, um immerhin ein Viertel pro Jahr. Mehr als die Hälfte der Erlöse entfallen laut der Studie von Eco und der Unternehmensberatung ADL auf Lösungen rund um die Themen Beleuchtung und Energiemanagement. Überproportional stark zulegen soll in den kommenden Jahren aufgrund des demografischen Wandels auch die Bereiche Gesundheit und betreutes Wohnen.

Pflegekraft aus Bits und Bytes

Dabei geht es um digitale Assistenzsysteme, die älteren Menschen helfen sollen, länger in ihren eigenen vier Wänden zu leben. Ein derartiges Konzept stellte Bettina Horster vor. Sie leitet bei der Dortmunder Vivai Software die Geschäftsentwicklung und das Ressort Internet der Dinge (IoT). In einem Konsortium mit zahlreichen anderen Unternehmen hat sie ein Set aus Sensoren, Homecollector und Sprachassistenten zusammengestellt und eine spezielle Software entwickelt. Das System soll Stürze zuverlässig erkennen, die Blutdruck- und Blutzuckerwerte der in der Wohnung lebenden Senioren analysieren und im Ernstfall – nach einem Sturz oder bei einer gravierenden Abweichung der Werte von den Vorgaben Angehörige oder Pflegedienste alarmieren. Dabei verzichtet das System namens Smart Service Power, das ab Januar 2020 erhältlich sein soll, bewusst auf Kameras. „Auch ältere Menschen wollen nicht in ihrer Wohnung kontinuierlich videoüberwacht werden“, erklärt Horster. Auf große Akzeptanz stießen dagegen Sprachassistenten, die beispielsweise daran erinnerten, die Medikamente einzunehmen oder etwas zu trinken.
Auch wenn solch ein Assistenzsystem extrem hilfreich sein könne, ließe sich mit ihm für die Immobilienwirtschaft nur schwer ein Geschäftsmodell entwickeln, gab Alexander Rychter zu bedenken. Er ist Verbandsdirektor des Verbandes der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft Rheinland Westfalen. Denn wenn ein Wohnungsbauunternehmen in die Technik investiere, könne es die Ausgaben in der Regel nur über eine Mieterhöhung refinanzieren. Was für Menschen mit kleiner Rente schnell ein Problem werden könne.

Lastenrad statt Zweitwagen

Ähnliches gelte auch für energetische Sanierungen. Die Ausgaben zum Beispiel für Dämmung und für effizientere und klimafreundlichere Heizungen führten zwar zu niedrigen Betriebskosten, berichtete Peter Neuhaus, Vertriebschef des Energieversorgers Rheinenergie, der zu den Stadtwerken Köln gehört. Doch die Investitionen rechnen sich oft nicht, weil die Kosten dafür inzwischen nicht mehr so ohne weiteres auf die Kaltmiete umgelegt werden können – Kehrseite der Mietpreisbremse. Sein Unternehmen hat mit der Stegerwaldsiedlung in Köln ein ganzes Quartier mit über 1000 Wohnungen aus den 50er Jahren saniert. Das Projekt hat das Land NRW mittlerweile als vorbildliche Klimaschutzsiedlung ausgezeichnet.
Vor ähnlichen Herausforderungen stand auch sein Kollege Bernd Preuss bei der Sanierung der Werkswohnungen der Kölner Stadtwerke, die mittlerweile ein wichtiges Instrument für die Bindung von Mitarbeitern sind. Er hat für diese Quartiere inzwischen auch Mobilitätskonzepte entwickelt, die Carsharing und das Teilen von Lastenrädern unter den Bewohnern vorsieht. Dadurch müsste mancher Mieter nicht länger einen Zweitwagen unterhalten und könne so Geld sparen, erläuterte Preuss.
Soll aber der Gebäudesektor komplett klimaneutral werden, war ein Fazit der Diskussionen auf der EDISON-Konferenz, wird es wohl nicht ohne staatliche Unterstützung gehen, sollen die Mieten nicht weiter steigen. Der Wille dazu ist auf politischer Seite vorhanden, wie Matthias Nerger erklärte. Der Referatsleiter Energieeffizienz, Klimagerechte Gebäude und Quartiere im nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium stellte den Teilnehmern der Konferenz die verschiedenen Förderprogramme im Bereich Digitalisierung, Klimaschutz und Mobilität vor.

Vom smarten Quartier zur smarten City

Im Grundsatz gilt: In bestehenden Gebäuden smarte Technik einzubauen und neuartige (Mobilitäts-)Dienste anzubieten, ist meist aufwändiger als wenn man diese schon bei der Planung von Neubauten berücksichtigt. Ein besonders ehrgeiziges Projekt ist das Quartier Heidestraße in Berlin, das Simon Dietzfelbinger, Geschäftsführer beim Beratungs- und Planungsbüro Drees & Sommer vorstellte. Dort entstehen unweit des Hauptbahnhofes rund 920 Wohnungen, dazu zahlreiche Geschäfte sowie Büros. Viele der Apartments sind für Smart-Home-Lösungen vorgerüstet – der Bewohner kann, muss sie aber nicht nutzen. Vernetzte Schließsysteme ermöglichen es, Handwerker oder Reinigungskräfte auch dann in die Wohnungen zu lassen, wenn die Mieter nicht anwesend sind. Stellplätze in den Tiefgaragen werden in dem neuen Quartier nicht mehr fest vergeben: Tagsüber können Büroangestellte sie nutzen, abends und am Wochenende die Bewohner der Siedlung. Damit sinkt die Zahl der erforderlichen Stellplätze, was wiederum den Bau der Anlage günstiger macht.

Begegnungsstätte Ladesäule
Rund um die Ladesäulen für Elektroautos könnten kleine Mobilitäts-Hubs in den Städten entstehen, empfiehlt eine Studie von Innogy Consulting.
© Edison , Rebekka Rödiger

Und die Planer haben sich noch einige Finessen mehr überlegt: Sensoren in den Räumen erlauben es, die Bewohner detailliert über ihr Heizverhalten und über Möglichkeiten zum Energiesparen zu informieren. Auch so lässt sich mit vergleichsweise geringem Aufwand etwas für den Klimaschutz tun, bestätigte auch Viktor Grinewitschus, Professor für Energiefragen der Immobilienwirtschaft an der EBZ Business School. Er präsentierte Ergebnisse eines aufwändigen Forschungsprojektes, bei dem er in über 100 Mietshäusern sehr detailliert das Heizverhalten der Bewohner und den Zustand der Heizungsanlagen verfolgt hat.
Und eigentlich ist das erst der Anfang: Der Weg über das smarte Heim und die smarte Quartier führt geradewegs zur smarten, besseren und lebenswerteren Stadt. Kashif Ansari, bei der Beratung Innogy Consulting verantwortlich für Vertriebsthemen in der Energiewirtschaft und neue Mobilitätskonzepte, zeichnete den Weg dorthin vor. Er präsentierte unter anderem ein Konzept, bei dem Ladesäulen für Elektroautos zum Zentrum eines Mobilitäthubs werden – an denen Menschen Fahrzeuge aller Art mieten und besteigen können, aber auch die Wartezeiten für eine Tasse Kaffee oder andere Formen körperlicher und geistiger Stärkung nutzen können. Die Hubs werden so zu Orten der Begegnung in einem Stadtquartier und erhöhen die Lebensqualität: Smartness, so die Botschaft, erschöpft sich nicht in technischen Lösungen und endet nicht an der Gebäudegrenze.

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