Bruce Meyers lehnt lässig am Auto. Der Über-90-Jährige streichelt über die Karosserie des Buggys, lächelt dabei, freut sich sichtlich über das, was er vor Augen hat. Wie ein Großvater, der seinen Enkel trifft, der nur das Positive sieht – und über das Negative besonnen hinwegwegsieht. Er begutachtet den historischen Buggy nur kurz, schaut beim neuen VW ID. Buggy dafür aber genauer hin. Die Neuinterpretation ist eine Studie mit Elektromotor für das grüne Gewissen bei der ansonsten unvernünftigen Fahrt durch den Sand.

Genau dafür wurde der Buggy einst entwickelt. Von Bruce Meyers. 1964 war das, als der Tüftler, Surfer und Bootsbauer für sich ein leichtes Strandauto suchte. Da er kein Fahrzeug fand, das nicht nur leicht, sondern auch robust und günstig war, baute er sich einfach selbst eins. Bei einem VW Käfer nahm er die Karosserie vom Fahrgestell, kürzte den Radstand um 36 Zentimeter und zimmerte darauf eine Wanne aus glasfaserverstärktem Kunststoff (gfk) mit zwei Sitzen. Die kleinen Boxermotoren leisteten anfangs 40 PS, getunte Versionen kamen später auf über 100 PS. Mit einem Leergewicht von rund 640 Kilogramm ging es dann durch die Dünen. Ein neues Fahrgefühl war geboren, offen wie ein Militär-Jeep, dabei allerdings bunter und spaßiger – das ideale Auto für die Hippie-Bewegung in Kalifornien.

King of Cool

Der Buggy wurde schnell beliebt. Selbst der King of cool, Steve McQueen, konnte dem leichten Buggy nicht widerstehen. Im Film „The Thomas Crown Affair“ von 1968 rast er mit Faye Dunaway über die Sanddünen. Allerdings ließ sich McQueen einen Sechszylinder-Boxer aus dem Chevrolet Corvair mit 230 PS einbauen. (Dieses Auto wird im März kommenden Jahres übrigens in den USA versteigert).

An den Erfolg will Volkswagen nun anknüpfen. Schon im März stellte der Autokonzern die Studie VW ID. Buggy vor – den elektrisch angetriebenen Enkel des Urmodells. Mit einer Länge von 4,06 Metern, einer Breite von 1,89 Metern und einer Höhe von 1,46 Metern ist der Buggy ein Kleinwagen geblieben. Und wie beim Urmodell kürzten die Ingenieure den Radstand um 125 Millimeter auf 2650 Millimeter.

Jetzt konnten wir den luftigen Zweisitzer erstmals fahren. Unter der handgefertigten Karosserie steckt der modulare E-Antriebs-Baukasten (MEB), aus dem der Konzern bald eine Reihe von Autos zaubern will. Als erstes Modell stellt VW den ID. 3 im September auf der IAA vor, ein Elektroauto im Golf-Format. Als Antrieb dient beim Buggy ein Elektromotor mit 150 kW/ 204 PS, die Batterie speichert 62 kWh Strom. Rechnerisch würde die Antriebseinheit den Buggy in 7,2 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen, könnte die Höchstgeschwindigkeit bei 160 km/h liegen. Doch beim Prototyp ist aus Sicherheitsgründen schon bei Tempo 40 Schluss. Buggy-untypisch würde sogar ein Allradantrieb Platz haben – ein zusätzlicher E-Motor mit 102 PS an der Vorderachse würde für mehr Traktion sorgen. Doch wer will das schon bei einem Buggy?

Wie beim Urmodell fällt der Einstieg leicht. Türen fehlen ebenso wie das Dach. Also einfach einen großen Satz über den breiten Kunststoffholm machen und sich auf die engen Sitze plumpsen lassen. An dem rechten Controler hinterm Lenkrad wird nur die Fahrstufe eingelegt. Auf Rundinstrumente verzichtet der Buggy ebenso wie auf Schalter oder Seitenscheiben. Dafür liegen ein paar Bedienelemente im Multifunktionslenkrad mit wasserabweisendem Nappaleder.

Sturm im Innenraum

Fuß aufs rechte Alu-Pedal – und der Buggy zieht los. Nur ein leises Summen kommt aus dem Heck. Die dicken und grobstolligen Reifen (255/55 vorne und 285/60 hinten) auf 18-Zoll-Rädern drehen auf dem losen Sand des Asphalts kurz durch, beschleunigen den Buggy sehr schnell auf die abgeregelten 40 km/h. Eine Geschwindigkeit, die am Meer für einen Sturm im Innenraum reicht. Der Wind bläst Wind quer durchs Cockpit. Es wird schnell kalt. Eine Heizung gibt es nicht, auch weder Dach noch Türen. Wer mit einem Strand-Buggy unterwegs ist, verzichtet auf jeglichen Komfort. Dafür erhalten Fahrer und Beifahrer ein Gefühl von Freiheit, das kein Cabrio der Welt liefern kann.

Ganz schön luftig
Spuren im Sand, aber keine Ölflecken hinterlässt der Autor bei der Probefahrt am Strand von Monterey
© Volkswagen

Es geht entlang der Küstenstraße zwischen Carmel-by-the-sea und Monterey. Die Wellen schleudern salzige Tropfen in die Luft, benetzen Scheibe und die wasserabweisenden, eng geschnittenen Sitze. Selbst in scharfen Kurven halten sie die beiden Passagiere fest im Buggy, tauchen die längeren Federn die Karosserie kurz ein, schlucken selbst heftige Bodenwellen. Ein Auto nur zum Spaß, ohne praktischen Nutzen, dafür aber rein elektrisch. Ein Zukunftsmodell?

Serienfertigung noch nicht entschieden

Eher nicht. Ein Ritt durch weiche Sanddünen wäre wegen des hohen Gewichts etwas gewagt. Wie viel die Studie wiegt, verrät VW nicht, es werden aber durch die schweren Batterien deutlich mehr als beim Ur-Buggy sein. Auch ist der VW ID. Buggy bisher nur eine Studie, ein Einzelstück. Die Aussicht auf Produktion sieht eher schlecht aus. Zwar hat VW-Konzern-Chef Herbert Diess die MEB-Plattform für Drittanbieter freigeben. Wie vor 55 Jahren ermöglicht der MEB die Karosserie vom Chassis zu trennen, so dass externe Hersteller wie die eGo Mobile AG in Aachen eine Buggy-Form montieren könnten – ähnlich wie der Original-Bausatz von Meyers Manx aus den frühen 1960er-Jahren. Doch damit das Nischenauto ein Geschäft werden soll, müssten schon ein paar Tausend Autos pro Jahr verkauft werden. Doch selbst bei diesen geringen Stückzahlen würde der Buggy um die 35.000 Euro kosten müssen – als reines Spaßauto ohne Dach etwas teuer. Citroen hatte mit seinem E-Mehari, der in Deutschland rund 25.000 Euro zuzüglich Batteriemiete kostete, jedenfalls keinen Erfolg.

Für ein reines Spaßauto ist das eine Menge Geld – trotz ökologischem Ansatz und einem Naturerlebnis der besonderen Art, das dieses Fahrzeug vermittelt. Bruce Meyers lächelt bei der Frage, ob er gerne mal eine Runde drehen würde mit der Neuinterpretation der Fahrzeuggattung, die er vor 55 Jahren schuf. Ja, reizen würde es ihn schon. Aber in seinem Alter? Besser nicht. Also belässt er es bei der Inspektion – und lässt dann den Stromer von dannen ziehen.

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