Bei einem Auto fehlte die gesetzlich vorgeschriebene Notruftaste samt Kabelbaum, ein Neuwagen in Performance-Ausführung sollte mit einem defekten Reifen ausgeliefert werden, ein anderer mit defektem Laderegler. „Nur ganz wenige Fahrzeuge waren frei von Mängeln“, wettert Stefan Moeller, Geschäftsführer der Elektroauto-Vermietung Nextmove über Tesla. Lackfehler seien beim Model 3 beinahe Standard, Kratzer keine Seltenheit. Zudem zogen sich Reparaturen über Monate hin, weil Ersatzteile wie etwa Steuergeräte oder Karosserieteile angeblich nicht lieferbar waren, platzte dem Flottenbetreiber der Kragen. Schnell eskalierte der Streit. Als Moeller den Vertriebsleiter von Tesla Germany in München nachhaltig aufforderte, Neufahrzeuge mängelfrei zu übergeben und Reparaturen zügig durchzuführen, stornierte das Unternehmen nach Darstellung von Moeller kurzerhand die noch ausstehende Bestellung von 85 Fahrzeugen im Wert von rund fünf Millionen Euro.

„Neue Maßstäbe im Neuwagengeschäft“

Nextmove ist einer der größten Kunden von Tesla in Deutschland – und war lange einer der treuesten. Die Autovermietung, die sich auf Elektromobile spezialisiert hat und derzeit eine Flotte von 380 Fahrzeugen betriebt, kauft seit 2015 in größeren Stückzahlen Fahrzeuge des kalifornischen Herstellers, um sie längerfristig an Kunden zu vermieten und darüber auch Werbung für die Elektromobilität zu treiben. Aktuell hat Moeller 60 Tesla im Bestand – 33 Model S, 12 Model X und 15 Model 3. Das Angebot an Autos des Typs Model 3 wollte Nextmove eigentlich bis zum Jahresende auf 100 erhöhen, denn, so Moeller: „Das Auto ist geil, ein echter Herzensbrecher.“ Viele seiner Kunden hätten nach der Testfahrt im Mietwagen gleich im Internet ein eigenes Fahrzeug bestellt. Doch die Freude an dem Auto (Basispreis 45.770 Euro) ist zumindest beim Nextmove-Geschäftsführer erst einmal verflogen: „Tesla definiert derzeit neue Maßstäbe im Neuwagengeschäft.“ So hätte man ihm nicht nur mangelhafte Neuwagen, sondern „nachweislich auch Fahrzeuge als neu angeboten, die bereits einmal auf eine Privatperson zugelassen waren“, so Moeller. Einen Umweltbonus hätte das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) für dieses Fahrzeug sicher nicht mehr dafür gewährt. Noch hätte die Umsatzsteuer als Vorsteuer beim Finanzamt geltend gemacht werden können. Nextmove lehnte das Angebot deshalb dankend ab.

Auslieferungs-Logistik-Hölle

Dass Tesla derzeit mit massiven Vertriebsproblemen und Auslieferungsproblemen beim Model 3 kämpft, ist seit längerem bekannt. Über ähnliche Vorkommnisse – Neuwagen mit Vorbesitzern, Fahrzeuge mit Lackmängeln, schief sitzenden Teilen, Undichtigkeiten und offensichtlichen Transportschäden – hatte AUTO-Bild schon im Juni berichtet. Tesla-Chef Elon Musk hatte es wohl kommen gesehen: „Sorry, wir sind von der Produktionshölle in die Auslieferungs-Logistik-Hölle geraten“, twitterte er im September vergangenen Jahres.

Offene Flanke
Mit einem schweren Reifenschaden sollte angeblich ein Modell 3 an Nextmove ausgeliefert werden.
© Copyright nextmove

Die Klage des Nextmove-Geschäftsführers, wonach die Probleme systemischer Natur seien, will Tesla allerdings nicht auf sich sitzen lassen. „Die Fahrzeugqualität bei Tesla hat Rekordhöhen erreicht, und unsere Daten deuten nicht auf ungewöhnliche Probleme hin, die für Deutschland oder einen anderen Ort auf der Welt spezifisch sind“, heißt es in einer Stellungnahme der Europazentrale, die EDISON vorliegt. „Es gibt immer eine Gefahr, dass ein Auto Schäden beim Transport zum Kunden Schäden erleidet“, heißt es da. „Das ist nicht nur bei Tesla der Fall, und wir lösen diese Probleme schnell für jeden Betroffenen.“ Um die Mängel schneller abarbeiten zu können, sei das Unternehmen dabei, die Service-Kapazitäten weltweit zu erhöhen, auch in Europa. Im übrigen stehe es jedem Kunden frei, sein Auto bis zu sieben Tage nach der Übernahme gegen volle Erstattung des Kaufpreises zurückgeben, wenn er mit der Qualität des Produkts nicht zufrieden sei. „Unsere Daten zeigen, dass die deutschen Kunden mit ihren Fahrzeugen weitgehend zufrieden sind – auch mit der Qualität und dem Zustand der Fahrzeuge bei der Auslieferung.“

Notdürftig geflickt
Nach einem Auffahrunfall musste ein Model 3 vor Monaten stillgelegt werden, weil Tesla keine Ersatzteile liefern konnte.
© Copyright nextmove

„Wir waren dabei, die Probleme zu lösen“

Und die Stornierung des Auftrags von Nextmove? Da liege offenbar ein Missverständnis vor, heißt es in dem Tesla-Statement. Nicht Tesla habe die Bestellungen storniert. Vielmehr habe sich der Kunde entschieden, keine weiteren Lieferungen von Fahrzeugen mehr anzunehmen, die zur Auslieferung anstanden. „Wir glauben, dass die Entscheidung des Kunden, die restlichen Modell-3-Aufträge nicht anzunehmen, nicht ausschließlich auf Qualitätsprobleme zurückzuführen war, sondern weitgehend von seiner Frustration über einen damit nicht in Zusammenhang stehenden Streit zu Beginn des Jahres beeinflusst wurde. Tesla war gerade dabei, die Probleme zu beheben und hatte dem Kunden zum Zeitpunkt der Stornierung der Bestellung Leihwagen zur Verfügung gestellt.“

Wie auch immer. Fest steht: Zwischen Tesla und Nextmove herrscht derzeit „Eiszeit“ (Moeller). Aber wie aus dem Unternehmen zu erfahren war, kriegt Tesla Deutschland demnächst – mal wieder – einen neuen Vertriebschef. Vielleicht kann der ja die Beziehung wieder kitten.

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