Für Carolin Frick ist die Sache klar: Ein eigenes Auto brauchen viele Großstadtbewohner eigentlich schon heute nicht mehr. Sie selbst wohnt allerdings nicht direkt in Frankfurt, sondern am Rande der Mainmetropole und muss deshalb gelegentlich noch auf das eigene Auto zurückgreifen. In Zukunft hofft die Mitgründerin von „ioki“ allerdings für Fahrten in die Stadt auf fahrerlose Kleinbusse zugreifen zu können, die sie über ihr Smartphone ruft und dann mit anderen Menschen teilt, die in der gleichen Richtung unterwegs sind.

Autonom fahrende Busse und Autos, die beinahe lautlos durch die City huschen. Darüber sausen Lufttaxis, die bis zu vier Menschen auf dem kürzesten Weg zum Ziel bringen. Größere Personengruppen nehmen einen Zeppelin. Oder sie begeben sich zur nächsten Hyperloop-Station, um sich dort in eine Art Dose zu quetschen und quasi per Rohrpost und fast mit Schallgeschwindigkeit von einem Ort zum anderen bringen zu lassen. Autobahnen gibt es nicht mehr, frühere Straßentunnels werden zur Zucht von Pilzen und Gemüsesprossen genutzt.

Auto klein geschrieben

An Visionen für den Verkehr der Zukunft mangelt es nicht. Im Umfeld der IAA, der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt, haben sie wieder Konjunktur. So präsentierte die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) auf der Messe die Studie „Neue autoMobilität“ (kein Tippfehler – das Auto wird in dem Titel tatsächlich klein geschrieben), in der das Zukunftsbild einer vernetzten Mobilität skizziert wird. Carsharing und selbstparkende Autos sparen hier Raum, der für Wohnen und Leben frei wird. Automatisierte Züge befahren Gleisstrecken, die heute noch stillgelegt sind. Und Ampelanlagen sind in den Städten mehr oder weniger abgeschafft. Denn die Verkehrsteilnehmer – Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger, Straßenbahnen – stehen permanent und in Echtzeit miteinander im Kontakt und regeln untereinander, wer Vorfahrt hat. „So wird aus dem täglichen Verkehrschaos von heute ein kooperativer Mischverkehr, in dem die Teilnehmenden viel besser miteinander agieren und Rücksicht aufeinander nehmen“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung.

Schön wärs.

Vor zwei Jahren hielt an gleicher Stelle Johann Jungwirth einen vielbeachteten Vortrag über die Zukunft der Stadt und des Verkehrs in einer vollvernetzten Welt. Jungwirth war kurz zuvor von Apple zu Volkswagen gewechselt, wo er als Chief Digital Officer gewissermaßen die Mobilität neu erfinden sollte. Eine Flotte von vollautonom fahrenden Autos, elektrisch angetrieben und permanent in der Stadt unterwegs, so seine Vision, würde das Privatfahrzeug schon in naher Zukunft – die Rede war von fünf bis sieben Jahren – komplett überflüssig machen. Ohne dass die Mobilität in der Stadt leide.

Volocopter-Vision
© Volocopter

Zwei Jahre später hat Jungwirth den Konzern schon wieder Richtung Intel verlassen. Und der Traum vom vollautonomen Fahren ist weiter in die Ferne gerückt. „In den nächsten zehn Jahren wird das sicher nichts“, sagte mir VW-Technikvorstand Frank Welsch in Frankfurt bei einem Abendessen. Zumindest nichts in der Stadt: Ein System, das sämtliche Bewegungen und Gefahrenstellen in einer Stadt fehlerfrei erkenne und die Bewegungen von Menschen und Maschinen bewerten und zuverlässig berechnen könne, sei nicht in Sicht. Es fehle zudem an Regeln und Regularien für das rücksichtsvolle Miteinander der Verkehrsmittel und Verkehrsteilnehmer. Und in Deutschland obendrein der superschnelle Funkstandard 5G für einen Datenaustausch in Echtzeit und in der Fläche. Also Ende Gelände?

City-Maut kommt

Nicht ganz. Der Traum vom vollvernetzten und vollautonom organisierten Verkehr mag noch ein paar Jahre oder gar Jahrzehnte länger auf sich warten lassen. Schneller kommen dafür andere Dinge. Eine Citymaut beispielsweise. Die erwähnte acatech-Studie drückt sich zwar ein wenig um klare Worte. „Für die flächendeckende Umsetzung von raum- und zeitabhängigen Steuerungsstrategien“, heißt es dort schwammig auf einer der hinteren Seiten, „müssen neue politische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Hierfür bedarf es vor allem hoheitlicher Regulierungen, um die Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Städten abzustimmen. Dies beinhaltet die Ermöglichung von ökonomischen Steuerungsmechanismen wie beispielsweise Roadpricing durch die Kommunen.“ Alles klar? Wer künftig mit dem eigenen Auto in die Stadt einfahren möchte, wird dafür alsbald zahlen müssen. Je nach Tageszeit und Stausituation, je nach Fahrzeuggröße, Antriebsform und Schadstoffklasse. Die Stauampeln, die beispielsweise die Stadt Köln einführen möchte, um die Zahl der Pendler (mit eigenen Auto) zeitlich begrenzen zu können, wären somit nur der Anfang. Möglicherweise muss die Einfahrt mit dem Auto in die Stadt in einigen Jahren sogar vorab beantragt werden müssen – erteilt wird sie erst nach Abgleich mit dem persönlichen CO2-Konto des Antragstellers. Ein Witz? „Warten Sie mal ab“, sagte mir ein Manager aus der IT-Branche, den ich beim IAA-Rundgang traf. Die Technik dafür sei bereits vorhanden und schnell installiert.

Abgehoben
Jungfernflug des Volocopter in einer Großstadt – am 14. September vor dem Mercedes-Museum in Stuttgart.
© Copyright Daimler

„Die Zukunft der Mobilität beginnt jetzt – und wir sind mittendrin“, sagte Steffen Bilger, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverkehrsminister und Mitglied der CDU, bei der Vorstellung der Acatech-Studie. Emil Gräber, Senior Consultant bei der Berliner Kommunikationsberatung Joschka Fischer & Company wurde im EDISON-Messetalk zum Thema „Brauchen wir noch ein eigenes Auto“ noch deutlicher: „Die Politik muss also steuernd eingreifen für mehr Mobilität bei weniger Verkehr, nachhaltig und für alle. Die Mobilitätsfrage ist im Grunde die Zukunftsfrage schlechthin.“ Vor allem die Pendlerströme müssten in neue Bahnen gelenkt werden – raus aus dem Auto, rein in öffentliche Verkehrsmittel.

Am Freitag will das sogenannte Klimakabinett der Bundesregierung unter Vorsitz von Kanzlerin Angela Merkel ein „großes“ Maßnahmenpaket vorlegen, damit Deutschland nationale und international verpflichtende Klimaziele erreichen kann. Man darf gespannt sein, wie die Politik den Verkehr in Zukunft zu steuern gedenkt: mit Hilfe von Technik oder über den Geldbeutel. Ich tippe mal auf Letzteres.

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