Die Pionierphase ist vorbei: Fast neun von zehn Fahrern von Elektroautos wollen der Technologie treu bleiben, und auch mehr als ein Drittel der Verbrennerfahrer erwägt den Umstieg. Zugleich verschieben sich die Prioritäten der Nutzer deutlich: Statt reiner Reichweitenangst stehen heute die Verlässlichkeit der Säulen, Gesamtkosten und das Aufenthaltsangebot beim Laden im Vordergrund. Das sind die zentralen Ergebnisse der neunten Ausgabe der Shell-Elektromobilitätsstudie.
Florian Glattes, Leiter des Mobility-Geschäfts von Shell in Deutschland, Österreich und der Schweiz, bringt den Wandel auf den Punkt: „Die Diskussion verschiebt sich zunehmend von der Frage, ob Elektromobilität funktioniert, hin zur Frage, wie einfach, zuverlässig und komfortabel sie im Alltag erlebt wird. Für die Zukunft werden deshalb nicht allein Ladepunkte entscheidend sein, sondern das gesamte Nutzererlebnis – von einer verlässlichen Ladeinfrastruktur über digitale Services bis hin zu attraktiven Angeboten während des Ladens.“
Hohe Markentreue und wachsende Offenheit bei Verbrennerfahrern
Wer einmal auf ein reines Elektroauto oder einen Plug-in-Hybrid umgestiegen ist, kehrt der Technologie kaum noch den Rücken: Satte 89 Prozent der von Shell befragten E-Auto-Fahrer gaben an, auch bei ihrem nächsten Fahrzeugkauf wieder ein elektrifiziertes Modell in Betracht zu ziehen. 74 Prozent tendieren dabei direkt zu einem reinen Batterie-Elektrofahrzeug (BEV), 34 Prozent ziehen einen Plug-in-Hybrid (PHEV) in Erwägung.

„Die Diskussion verschiebt sich zunehmend von der Frage, ob Elektromobilität funktioniert, hin zur Frage, wie einfach, zuverlässig und komfortabel sie im Alltag erlebt wird. Foto: Foto: Iwgeni Roppel für EDISON
Doch auch auf der Seite der Noch-Verbrenner- und Hybridfahrer zeichnet sich ein spürbarer Wandel ab: Bereits 37 Prozent der heutigen Nicht-EV-Fahrer ziehen den Einstieg in die Elektromobilität beim nächsten Fahrzeugwechsel in Betracht. Unter diesen sogenannten „EV-Considerern“ können sich 67 Prozent auch einen Gebrauchtwagen mit Elektroantrieb vorstellen (bei den bestehenden EV-Fahrern sind es 69 Prozent).
Als wichtigste Kaufmotive nennen bestehende E-Mobilisten Ersparnisse bei den Kraftstoffkosten (45 Prozent), gefolgt von Umweltaspekten (39 Prozent), Fahrspaß (32 Prozent), geringeren Wartungskosten (29 Prozent) und steuerlichen Vorteilen (26 Prozent).
Der Mythos vom reinen Stadtauto bröckelt
Längst haben E-Autos ihr Dasein als reine Kurzstrecken- oder Zweitwagen verloren. 99 Prozent der E-Auto-Fahrer nutzen ihr Fahrzeug privat, ein Drittel (33 Prozent) nutzt es auch beruflich.
Dass Elektroautos voll alltagstauglich sind, belegen die Fahrleistungen: 42 Prozent der befragten EV-Fahrer legen jährlich zwischen 11.000 und 15.000 Kilometer zurück, 14 Prozent fahren 16.000 bis 20.000 Kilometer und 17 Prozent sogar mehr als 20.000 Kilometer im Jahr. Nur noch 26 Prozent begnügen sich mit einer Fahrleistung von 10.000 Kilometern oder weniger.
Auch Langstreckenfahrten sind Alltag geworden: Über zwei Drittel (68 Prozent) der befragten E-Mobilisten haben bereits längere Strecken zurückgelegt, bei denen mindestens ein öffentlicher Ladestopp erforderlich war. 46 Prozent berichten dabei von durchweg guten Erfahrungen, während 22 Prozent kleinere Herausforderungen erlebten. Lediglich 6 Prozent gaben an, Langstrecken wegen der öffentlichen Ladeinfrastruktur zu meiden; nur 4 Prozent verzichten aus reiner Reichweitenangst darauf.
Öffentliche Ladeinfrastruktur: Bessere Noten, neue Erwartungen
Die Bewertung des öffentlichen Ladenetzes hat sich gegenüber den Vorjahren spürbar verbessert:
- 69 Prozent der EV-Fahrer nehmen eine verbesserte Verfügbarkeit öffentlicher Ladepunkte wahr.
- 67 Prozent sehen eine größere Auswahl an Ladeanbietern.
- 64 Prozent berichten von einer gesteigerten Zuverlässigkeit der Säulen.
- 64 Prozent loben die verbesserte Qualität der Standorte.
- 57 Prozent bewerten das Gesamterlebnis beim öffentlichen Laden heute besser als im Vorjahr.
Dennoch bleibt die Wirtschaftlichkeit der Knackpunkt für den breiten Massenmarkt: Bei den Nicht-EV-Fahrern gelten Bedenken rund um Reichweite und Ladeoptionen (43 Prozent) sowie zu hohe Anschaffungskosten (32 Prozent) weiterhin als Haupthürden. Zudem beklagen 29 Prozent ein noch unzureichendes Netz an öffentlichen Ladepunkten, und 18 Prozent halten das öffentliche Laden schlicht für zu teuer.
Ladeerlebnis und Aufenthaltsqualität schlagen reine Ladeleistung
Beim Ansteuern von Stationen differenzieren die Fahrer immer stärker. Für 42 Prozent der Befragten sind die Ladekosten das entscheidende Kriterium bei der Standortwahl, für 38 Prozent die Ladegeschwindigkeit und für 32 Prozent die Zuverlässigkeit. Gleichzeitig spielen die Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle: Für 42 Prozent der Befragten entscheiden das Vorhandensein von Shops, Gastronomie oder sanitären Anlagen über die Wahl des Ladehubs.
Dabei zeigt sich eine beachtliche Zahlungs- und Verhaltensbereitschaft:
- 73 Prozent der Fahrer würden einen Umweg in Kauf nehmen, um einen erwiesenermaßen zuverlässigeren Ladepunkt anzusteuern.
- 54 Prozent wären bereit, für höhere Ladegeschwindigkeiten auch einen höheren Tarif zu akzeptieren.
Das Laden an Schnellladestationen entwickelt sich damit zusehends von einer reinen Notwendigkeit zur Retail- und Service-Destination: Jeder zweite E-Auto-Fahrer (50 Prozent) kauft an Tankstellen oder Ladehubs mindestens einmal im Monat einen Kaffee. Beliebt sind außerdem Kaltgetränke (36 Prozent), die Nutzung der Autowäsche (34 Prozent), To-Go-Produkte (30 Prozent) sowie Snacks (28 Prozent). 41 Prozent der Befragten wünschen sich am Ladestandort warme Mahlzeiten, und 38 Prozent legen Wert auf Angebote des Einzelhandels.
Flotten bleiben die Lokomotive der Wende
Ein wesentlicher Treiber für den Hochlauf bleiben gewerbliche Fuhrparks: Ein Drittel (33 Prozent) der befragten EV-Fahrer sind Dienstwagen- bzw. Flottennutzer (unter den Nicht-EV-Fahrern liegt der Flottenanteil bei 21 Prozent). Flottenfahrzeuge sind überdurchschnittlich oft auf Langstrecken unterwegs: 11 Prozent der EV-Flottenfahrer kommen auf eine Jahresfahrleistung von über 30.000 Kilometern (im Gesamtschnitt der EV-Fahrer sind es 6 Prozent). Dabei dienen die Fahrzeuge als echte Arbeitstiere: 54 Prozent der Flottenfahrer nutzen ihren Stromer regelmäßig für Kunden- und Lieferantenbesuche, 51 Prozent für den Transport von Arbeitsausrüstung und Werkzeugen sowie 29 Prozent zur Warenverteilung. Entsprechend pragmatisch fallen die Kriterien bei der Ladesäulenwahl im gewerblichen Bereich aus: Hier dominieren Ladegeschwindigkeit (34 Prozent) und Kosten (33 Prozent), gefolgt von unkomplizierter App-Nutzung (22 Prozent).
Für die weltweite Shell-Studie wurden insgesamt mehr als 7.400 Personen in Europa, den USA, China und Singapur befragt, davon 1.500 in Deutschland. Die deutsche Stichprobe setzt sich aus 1.000 E-Auto-Fahrern (sowohl Privat- als auch Flottennutzer) sowie 500 Verbrennerfahrern (Interessenten und Nicht-Interessenten) zusammen. Durchgeführt wurde die Erhebung gemeinsam mit dem Marktforschungspartner Strive.