Wer ein Elektroauto besitzt und heute Abend den Akku des Fahrzeugs mit Strom aus dem öffentlichen Netz laden möchte, muss sich keine Sorgen machen: Weder die Schnellladestation am Straßenrand noch die Wallbox in der Garage wird heruntergeregelt oder gar abgeschaltet. Allerdings sorgt die totale Sonnenfinsternis doch für einigen Stress auf dem Strommarkt. Vor allem in Ländern wie Spanien oder Portugal, die inzwischen einen erheblichen Teil ihres Energiebedarfs mit Solaranlagen decken, stellt das seltene Himmelsereignis die Netzbetreiber vor eine Belastungsprobe. Aber auch in Großbritannien und Deutschland, wo die Sonne durch den Mond nur partiell verdunkelt wird, zeigt das Spektakel am Abendhimmel Auswirkungen – und das nicht nur auf das Geschäft von Optikern mit Schutzbrillen.

Foto: 5B Solar

Denn Photovoltaik ist mittlerweile ein zentraler Pfeiler der europäischen Energieversorgung: Im Jahr 2025 stammten rund 13 Prozent des in der EU erzeugten Stroms aus Solaranlagen. Das rund zweistündige Himmelsereignis führt nun zu einem abrupten Einbruch dieser Einspeisung. Nach Berechnungen des Verbands der europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) könnte die PV-Erzeugung europaweit vorübergehend um bis zu 9,7 Gigawatt (GW) zurückgehen. In Deutschland rechnet man rund um den Höhepunkt des Himmelsereignisses am Abend mit einem Rückgang der Solarstromerzeugung um ein bis zwei Gigawatt.

Dreifacher Hitzestress trifft auf knappe Flexibilität

Der kurzzeitige Solarausfall trifft das europäische Energiesystem in einer ohnehin angespannten Lage. Deutschland und große Teile Europas leiden derzeit unter der bereits fünften Hitzewelle des Jahres. Der Strombedarf für Klimatisierung und Kühlung ist entsprechend hoch. Zudem fällt das Maximum der Sonnenfinsternis genau in jene Abendstunden (in Deutschland ca. 19:10 bis 20:15 Uhr), in denen Millionen Menschen von der Arbeit nach Hause kommen und der Haushaltsstrombedarf sprunghaft ansteigt.

Spitzenpreise am Abend 
An den Strombörsen schlug die Sonnenfinsternis voll durch. Die am Dienstag festgelegten Day-Ahead-Preise für den Mittwochabend zeigen massive Aufschläge von bis zu 205 Euro pro Megawattstunde zwischen 19:45 und 20:00 Uhr. Grafik: EPEX
Spitzenpreise am Abend
An den Strombörsen schlug die Sonnenfinsternis voll durch. Die am Dienstag festgelegten Day-Ahead-Preise für den Mittwochabend zeigen massive Aufschläge von bis zu 205 Euro pro Megawattstunde zwischen 19:45 und 20:00 Uhr. Grafik: EPEX

Da Hitze und Trockenheit im Sommer auch die Kühlwasserversorgung konventioneller Kraftwerke beeinträchtigen und auch derzeit großflächig Windstille herrscht, steht den Netzbetreibern weniger Flexibilität zur Verfügung als in normalen Sommern, um kurzfristige Schwankungen auszugleichen.

Rekordpreise am Spotmarkt: Über 460 Euro pro Megawattstunde

An den Strombörsen schlug die Sonnenfinsternis voll durch. Die am Dienstag festgelegten Day-Ahead-Preise für den Mittwochabend zeigen massive Aufschläge:

  • Stundendurchschnitt: Für die Stunden von 19:00 bis 20:00 Uhr sowie von 20:00 bis 21:00 Uhr stieg der Großhandelspreis auf rund 300 Euro pro Megawattstunde (MWh) – das sind etwa 122 bzw. 101 Euro mehr als am Vortag.
  • Spitzen-Viertelstunde (19:45 bis 20:00 Uhr): Hier schoss der Preis auf 461,17 Euro je MWh (46,1 Cent/kWh) empor – ein Aufschlag von 205 Euro/MWh gegenüber dem Vortag.
  • Folge-Viertelstunde (20:00 bis 20:15 Uhr): Mit 402,50 Euro je MWh lag auch dieser Wert mehr als doppelt so hoch wie am Dienstag.

Diese Heftigkeit kam selbst für Branchenkenner überraschend. Noch am Dienstagvormittag hatten frühere Preissignale an der österreichischen Strombörse EXAA für diese Viertelstunden deutlich niedriger gelegen (311,71 Euro bzw. 284,99 Euro/MWh).

Schmaler Streifen
In Spanien, Teilen von Portugal, aber auch in Grönland und Island wird die Sonnenfinsternis total sein, in anderen Teilen Europas, darunter in Deutschland, wird der Himmel nur partiell verdunkelt, so die Prognose. Foto: Nasa
Schmaler Streifen
In Spanien, Teilen von Portugal, aber auch in Grönland und Island wird die Sonnenfinsternis total sein, in anderen Teilen Europas, darunter in Deutschland, wird der Himmel nur partiell verdunkelt, so die Prognose. Foto: Nasa

„Anders als etwa eine Wolkenfront ist eine Sonnenfinsternis sehr genau vorhersehbar“, erklärt Vincent Thevenin, Energiemarktexperte für Deutschland beim Analystenhaus Montel. „Netzbetreiber und Marktteilnehmer können sich deshalb gut darauf einstellen. Die Day-ahead-Preise zeigen aber bereits einen deutlichen Effekt. Bemerkenswert ist vor allem, wie stark einzelne Viertelstunden rund um das Ereignis reagieren.“

Wasser- und Wärmekraft in Spanien als Puffer

In Spanien, wo die Photovoltaik 21 bis 22 Prozent der Stromerzeugung ausmacht, erwartet der Netzbetreiber Red Eléctrica de España (REE) auf der Iberischen Halbinsel einen Rückgang der PV-Einspeisung um bis zu 5 GW. Das entspricht etwa 13 Prozent der typischen Spitzenlast an einem August-Mittwoch. REE erhöht die Sicherheitsreserven, geht jedoch von eng begrenzten und vorübergehenden Effekten aus.

Im benachbarten Portugal rechnet Netzbetreiber REN mit einem Ausfall von 450 MW (rund 45 Prozent der für diese Uhrzeit erwarteten Solarleistung). Um das Netz und die Kuppelleitungen nach Spanien stabil zu halten, mobilisiert REN gezielt Wasser- und Gaskraftwerke als Reserve.

Großbritannien belohnt Verbraucher fürs Stromsparen

In Großbritannien, wo der Mond die Sonne zu etwa 95 Prozent verdeckt, nutzt der Energieversorger Octopus Energy die Sonnenfinsternis für ein innovatives Nachfragemanagement. Unter dem Motto „Eclipse Power Down“ werden Kunden aufgerufen, während der Finsternis ihren Stromverbrauch bewusst zu drosseln. Wer mitmacht, erhält am Sonntag als Belohnung eine Stunde kostenlose Energie (bis zu 16 kWh). Ziel ist es, den Hochlauf klimaschädlicher und teurer Gaskraftwerke zur Abdeckung der Lastspitze zu verhindern.

Der britische Netzbetreiber NESO geht allerdings ohnehin davon aus, dass der Stromverbrauch während der Finsternis leicht sinkt, da viele Menschen nach draußen gehen dürften, um das seltene Himmelsereignis mit eigenen Augen zu beobachten.

Entwarnung für Verbraucher – Ein Stresstest als Chance

Für Haushaltskunden in Deutschland bedeuten die Ausschläge an der Strombörse keine plötzliche Preiserhöhung. Klassische Stromtarife fangen kurzfristige Börsenschwankungen ab; lediglich Nutzer dynamischer Tarife – wie etwa bei Octopus Energy – sollten stromintensive Vorgänge wie den Waschgang nicht exakt auf 20:00 Uhr legen.

Die Versorgungssicherheit steht jedoch außer Frage. Eine von ENTSO-E eingerichtete Task Force versorgt die Marktteilnehmer in hoher Frequenz mit Wetterdaten, geplante Netzwartungsarbeiten wurden im Vorfeld verschoben. Für die europäischen Netzbetreiber ist die heutige Sonnenfinsternis daher kein Angstszenario, sondern ein praxisnaher Nachweis dafür, wie flexibel und leistungsfähig das westeuropäische Stromnetz im Zeitalter der Energiewende agieren kann.t Solaranlagen decken.

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