Sie ist fast komplett aus Holz gebaut, stattliche 35 Meter lang und immerhin 58 Tonnen schwer: Die Spirit 111 aus dem englischen Ipswich ist eine stattliche Segelyacht. Genauer gesagt eine einmastige Slup mit einer Takelung aus nur einem Großsegel und einem Vorsegel. Holzschiffe dieser Bauart und Größenordnung wurden zuletzt in den 1930er Jahren auf Kiel gelegt – und hatten meist ein Dieselaggregat als Hilfsmotor an Bord, um auch bei Flaute Strecke machen zu können. Die Spirit geht hier völlig neue Wege: Bei Windstille wird das britische Segelschiff klimaneutral mit Hilfe eines 100 Kilowatt starken Elektromotors des bayerischen Herstellers Torqeedo angetrieben. Den Fahrstrom für etwa 80 Kilometer Strecke bei einer Geschwindigkeit von acht Knoten (ca. 15 km/h) liefern vier Batterieblöcke von BMW – vom gleichen Typ wie im Elektroauto i3. Die Spirit 111 ist damit nicht nur eine der größten Segelyachten mit elektrischem Antrieb, sondern gilt zudem als das derzeit umweltfreundlichste Segelschiff überhaupt.

Jungfernfahrt ging an die Kanalküste

Nach über zweijähriger Bauzeit hat die innovative Segelyacht kürzlich ihre Werft in Ipswich an der englischen Ostküste verlassen und ihre Jungfernfahrt an die Südküste unternommen, wo sie für die Übergabe an ihren Eigner und die Überführung in die Vereinigten Staaten nun mit letzten Finessen ausgerüstet wird. Davon hat sie schon jetzt einiges an Bord. So verfügen die Türen zur Kajüte statt über Klinken oder Haken über eine Sensorik zum Öffnen und Schließen. Die Segel mit 450 Quadratmetern Fläche sind komplett aus Recyclingmaterial gefertigt, obendrein ohne Klebstoffe oder Harze. Und steuern lässt sich die Yacht dank eines intelligenten Segelantriebs von ZF bequem von einer einzigen Person.

Technik vom Feinsten im traditionellen Gewand
Computer-Rendering der Spirit 111, der mit 34 Metern Länge derzeit größten Segelyacht der Welt mit einem elektrischen Hilfsantrieb und einem Rumpf aus Holz. Copyright: Spirit Yachts

„Deep Blue“-Motor so stark wie ein Porsche

Aber das eigentliche Sahnestück ist natürlich die Antriebstechnik. Torqueedo-Chef Christoph Ballin ist mächtig stolz darauf auf das „Deep Blue“ getaufte System, das der ehemalige Gardena-Manager und McKinsey-Berater in den zurückliegenden 15 Jahren zusammen mit seinem Freund und Elektrotechnik-Ingenieur Friedrich Böbel in einem Bootshaus am bayerischen Ammersee entwickelt hat. Der Motor vom Typ vom Typ 100i ist die derzeit leistungsstärkste Ausbaustufe, die bis zu 1060 Newtonmeter Drehmoment auf die Antriebsschraube bringt. Zum Vergleich: Beim Elektroauto Porsche Taycan beträgt das maximale Drehmoment im Sport-Modus 1050 Newtonmeter.

Torqeedo produziert Elektromotoren für Boote. In großen Städten will das Unternehmen so für sauberere Luft sorgen - und hat prominente Kunden. Schiffe

Und wie der E-Porsche kann auch das Deep Blue-System einen Teil der eingesetzten Energie zurückgewinnen. Natürlich über die Räder und die Bremsen, sondern über die Schiffsschraube und die Strömung des Wassers am Rumpf entlang: Unter Segeln und in voller Fahrt dreht sich der Propeller mit und erzeugt über einen Generator Strom, der dann in den Batterien gespeichert wird. Beim Elektroauto nennt man die Energie-Rückgewinnung Rekuperation. Ballin spricht von „Hydrogeneration“. Zusätzlich helfen bei der Spirit 111 Solarmodule auf Deck den Energiebedarf der Yacht zu decken.

Verbrauchter Strom wird auf See mit Wasserkraft zurückgewonnen

„Moderne Hochseeyachten können dank Elektromobilität jetzt wirklich klimaneutral sein, da sie mit Hilfe von Solarzellen und durch die Nutzung von Wasserkraft und Windgeneratoren selbst Strom erzeugen können“, freut sich der Torqeedo-Co-Gründer. „Während des Segelns wird die verbrauchte Energie wieder aufgefüllt und das Schiff kehrt so mit vollen Batterien in den Hafen zurück. Genug Energie, kein Fahrgeräusch“ – jeder, so findet er, der gerne Zeit in der Natur und auf dem Wasser verbringe, „erkennt die Schönheit dieses Gedankens.“

Damit die Ruhe auf dem Wasser aber auch gar nichts stört, hat auch das kleine Beiboot der Spirit einen Elektromotor bekommen. Es war, so ein Zufall, die 100.000 Elektromaschine von Torqeedo seit der Gründung des Unternehmens, das seit 2017 zur Kölner Deutz-Gruppe gehört.

Schöner geht es ja wohl nicht mehr.

Über allen Wassern ist Ruh‘
Torqeedo-Co-Gründer Christoph Ballin ist seit 15 Jahren ein energischer Treiber der Elektromobilität im Bootsverkehr. Seine Motoren treiben bereits viele Yachten und Fähren an. Foto: Torqeedo
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