Etwas älteren Zeitgenossen dürfte es beklemmend bekannt vorkommen, was derzeit wieder vermeldet wird: der deutsche Wald, immerhin Bedecker eines Drittels der gesamten Landfläche, hat ein Problem. Und das, nachdem das in den ganzen 1980ern so überprominente Waldsterben endlich bezwungen schien – 2003 verkündete die damalige grüne Bundeslandwirtschaftsministerin Künast, das Waldsterben sei erfolgreich aufgehalten worden.

Doch keine 20 Jahre später ist es zurück. Diesmal weniger durch sauren Regen als die Ausprägungen des Klimawandels. Selbst der bundespolitische Waldzustandsbericht für 2019 nimmt kein Blatt vor den Mund: „Im Durchschnitt aller Baumarten war der Kronenzustand noch nie so schlecht wie 2019.“

Gerade wer noch die Bilder des ersten Waldsterbens mit Hügelketten voller entlaubter Baumkronen kennt, dürfte bei solchen Worten einen ausnehmend bitteren Beigeschmack haben.

Doch wie genau setzt der Klimawandel dem Wald zu? Und vor allem: Was kann getan werden, um auch diesmal sein Schicksal abzuwenden?

Ein Grund, viele Auslöser

Der Hauptgrund, warum es dem Wald miserabel geht, ist natürlich der Klimawandel. Allerdings wäre es zu unspezifisch, ihn als Einzelgrund zu nennen. Das Problem ist vielschichtiger und hängt mit einer Verkettung von durch den Klimawandel ausgelösten bzw. verstärkten Faktoren zusammen:

Die massive Trockenheit. 2018 und 2019 waren extremem Regenmangel und langanhaltenden Hitzeperioden geprägt. Einzeln wären diese Jahre zu verdauen gewesen; jedoch waren sie Tiefpunkte eines seit Jahren sinkenden Trends. Dieser langjährige Regenmangel führte zu einer sukzessiven Austrocknung der Böden, sodass viele Bäume bereits bedenklich unterversorgt waren, bevor die Dürresommer hinzukamen.

Die Waldbodenübersäuerung durch künstliche Einbringung von Stickstoffen. Diese wird durch die Trockenheit verstärkt, da weniger Regen auch geringere Verdünnung bzw. Ausschwemmung bedeutet. Kommt es dann zu Wetterextremen (Starkregen), werden zwar sowohl saure wie basische Stoffe ausgeschwemmt, da erstere jedoch überwiegen, verbleiben sie auch nach einem Sturzregen in größerer Menge.

Trockenheit und Versauerung erhöhen die Anfälligkeit von Baumbeständen gegenüber Schädlingen. Speziell die Versauerung schwächt zudem die Photosynthese, wodurch sowohl das Baumwachstum wie die Selbstheilungskräfte gehemmt werden. Und die höheren Temperaturen reduzieren die Aufnahme von CO2.

Das sich wandelnde Klima, insbesondere die milden Winter, begünstigt eine dramatische Populationsvergrößerung dieser Baumschädlinge. Als besonders problematisch gelten der Borkenkäfer sowie der Nonnenfalter.

Die Anfälligkeit der Baumbestände wird durch jahrzehntelange Fehlbewirtschaftung weiter vergrößert. Sie setzte zu stark auf Nadelholz-Monokulturen, oft auch auf ungeeigneten Böden. Just die deshalb verbreiteten Fichten und Kiefern sind jedoch besonders anfällig und aktuell deshalb am stärksten betroffen.

Dagegen haben Luftschadstoffe, die für das erste Waldsterben noch hauptursächlich waren (insbesondere Schwefelverbindungen), aktuell nur noch eine untergeordnete Rolle. Insgesamt jedoch sind die verketteten Faktoren ein größeres Problem als früher –sie können kaum einzeln gelöst werden.

Durch Borkenkäfer geschädigter Baum
Explodierende Käfer-Populationen treffen auf dürregeschädigte Bäume. Da hilft dann nur noch eines: Abholzen. Foto: mikeosphoto

Damals genügte der großflächige Einsatz von Auto-Katalysatoren und Industriefiltern, um den Schwefeleintrag massiv zu verringern. Heute indes stellt sich die Situation folgendermaßen dar: Jeder Baum teilt sich in vier oberirdische Bereiche auf, mit den Wurzeln als fünfter und einziger unterirdischer Bereich. Jeder davon hängt mit den genannten Faktoren auf eigene Art zusammen:

— Die Blätter bzw. Nadeln der Baumkrone werden durch den Wassermangel und die Übersäuerung geschwächt. Dadurch wird die Photosynthese reduziert, was sich auf den gesamten Baum auswirkt. Vielfach werfen Bäume auch verfrüht die Blätter ab, um die Wasserverdunstung zu reduzieren.

— Die Borke/Rinde wird von unten durch Wasser- und Nährstoffmangel geschädigt, von oben durch die erhöhte Sonneneinstrahlung der geschädigten/abgeworfenen Blätter. Dadurch fällt die einzige Schutzbarriere für den Stamm aus. Insekten und Pilze können eindringen.

— Der Stamm aus „totem“ Kernholz wird in Mitleidenschaft gezogen, wodurch wiederum der gesamte Baum seine Stabilität verliert.

Dann braucht es nur noch ein Unwetter – ebenfalls Markenzeichen des Klimawandels – und ganze Wälder erleiden Windbruch.

Wir drohen bei der Erderwärmung an einen Wendepunkt zu gelangen: Bei höheren Temperaturen können Erdreich und Pflanzen weniger Kohlendioxid speichern, was den Treibhauseffekt weiter verstärkt. Wenn wir nicht gegensteuern. Klima

Der Wald muss sich wandeln

Gestoppt werden könnten dieses „Waldsterben 2.0“ nur, wenn der Klimawandel beendet und idealerweise umgekehrt werden könnte – ein höchst unwahrscheinliches Ereignis, da sich alle globalen Maßnahmen nur noch auf Abschwächung fokussieren. Selbst bis diese Anstrengungen spürbar werden, werden noch Jahre vergehen. Die erneute Rettung des deutschen Waldes zielt deshalb auf andere Maßnahmen – vor allem solche, die ihn in seiner Gesamtheit robuster gegenüber den Auswüchsen des Wandels machen.

— Die bestehenden Bäume müssen geschützt werden. Aktuell geschieht dies weiße Anstriche des Stammes, damit er Sonnenlicht stärker reflektiert. Gegen die Übersäuerungen werden großflächige Waldkalkungen vorgenommen – auf den örtlichen Versauerungsgrad abgestimmte Abwürfe von kalkhaltigem Material. Ferner wird der Borkenkäfer gezielt mit mehreren Maßnahmen bekämpft, wobei Chemie nur Ultima Ratio ist.

— Die sogenannte Waldhygiene wird verbessert. Dabei geht es um Maßnahmen, die alle darauf abzielen, Brutstätten für Baumschädlinge mittelfristig gänzlich aus den Wäldern zu entfernen.

— Eine gänzlich neue Forstwirtschaftspolitik. Bislang wurden viele Waldbestände ausschließlich auf technische Nutzbarkeit und schnelles Wachstum hin angelegt. Eine gänzliche Abkehr von diesem Prinzip ist wegen unseres Holzbedarfs unmöglich.

Neue Bäume mit höherer Hitze-Toleranz

Wohl aber ist es machbar, künftig anders aufzuforsten. Dazu gehören einerseits eine größere Durchmischung, also die Abkehr von Monokulturen, und hier vor allem ein Mix aus flach- und tiefwurzelnden Bäumen; andererseits zielen die Maßnahmen darauf ab, verstärkt Baumarten anzupflanzen, die unter den gleichen Nutzbarkeitskriterien eine höhere Toleranz gegenüber Hitze und Trockenheit haben.

Luftrettung für die Wälder
Vom Hubschrauber großflächig ausgebrachte Kalkmengen gelten als wirksamste Maßnahme gegen die Übersäuerung der Waldböden. Foto: Copula

Das langfristig schwerwiegendste Problem, zumindest für jenen genuin-deutschen Teil der Wälder mit seinen heimischen Bäumen, ist jedoch das Thema Wasser. Es wäre aus verschiedensten Gründen nicht zielführend, sämtliche Bäume einfach nur durch tolerantere Arten zu ersetzen. Die schon jetzt schwergeschädigte Ursprünglichkeit (eigentlich ist Deutschland ein Land der Eichen, Eschen und Linden) würde dadurch nur noch schneller verschwinden.

Die Maßnahmen zielen deshalb darauf ab, Wald(böden) insgesamt feuchter zu machen. Das „Einrahmen“ von Baumbeständen mit besonders wasserableitenden Bäumen ist ein Weg dazu – Laubbäume verdunsten weit weniger Wasser als Nadelbäume. Ein weiterer ist es, durch gezielte Eingriffe in den Wasserhaushalt die Grundwasserstände künstlich zu erhöhen.

Mehr lässt sich leider nicht tun – die Unzugänglichkeit vieler Wälder und die Durchwurzelung ihrer Böden verhindern viele andere Maßnahmen, die sonst auf freiem Feld die Wasserspeicherfähigkeit erhöhen.

Aber es ist ein Ziel. Und es könnte dazu beitragen, dass der Wald wenigstens nicht noch stärker geschädigt wird.

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