Erst macht die Corona-Pandemie Urlaubsreisen praktisch unmögglich, nun verändert auch die nach der Flutkatastrophe wieder aufgeflammte Klimadebatte das Reiseverhalten der Deutschen: Wie eine repräsentative Online-Befragung von YouGov Deutschland unter 2.093 Menschen ergab, werden inzwischen deutlich längere Reisezeiten akzeptiert und andere Verkehrsmittel gewält, wenn dadurch die Auswirkungen auf die Umwelt reduziert werden.

Fast jeder Zweite (42 Prozent) gab bei der Befragung an, lieber in einen Zug zu steigen, wenn die Verbindung bequemer ist als die mit dem Flieger. 34 Prozent verzichten zum Klimaschutz sogar inzwischen prinzipiell auf Flugreisen.

Wie hat sich sonst unser Reiseverhalten verändert? Und welche Trends zeichnen sich sonst noch ab? Wir befragten dazu Julian Persaud, den COO von Omio. Über die Plattform können sowohl Zug-, Bus- wie auch Flug- und Fährverbindungen von über 800 Verkehrsbetrieben in Europa und auch in Nordamerika gebucht werden.

Julian Persaud
Der Franzose leitet seit 2019 das operative Geschäft der Reise-Plattform Omio, die in London beheimatet ist. Zuvor war Persaud Südostasien-Chef von Google in Australien und baute für Airbnb die Sparte „Entdeckungen“ auf. Foto: Omio

Herr Persaud, lange konnten wir gar nicht reisen – und nun wird es offenbar auch noch deutlich teurer. Liege ich mit meiner Einschätzung richtig?

Ja, wir stellen fest, dass der Buchungspreis über alle Reisearten hinweg ansteigt, obwohl ein großer Teil unserer Kund:innen alleine und im Inland reist. Dies kann mehrere Gründe haben, zum Beispiel werden wieder vermehrt längere Aufenthalte (mehr  als 5 Tage) gebucht. Derzeit neigen die Kunden außerdem dazu, ihr Verkehrsmittel sehr kurzfristig zu buchen, oft sogar am selben Tag der Abreise, was zu einem höheren Preis führt. Zusätzlich bieten viele Bahn- und Busunternehmen derzeit unterschiedliche Angebote an, z.B. Fahrkarten zu reduzierten Preisen, was kurzfristig zu zusätzlichen Preisschwankungen führt.

Gibt es Reisedestinationen, die im Rahmen der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen haben?

Menschen wollen wieder reisen und all die Orte erreichen, von denen sie schon immer geträumt haben. Dies führt dazu, dass die Wahl der Destinationen abwechslungsreicher wird, besonders auf einem so vielfältigen Kontinent wie Europa. Auch wenn die Restriktionen in bestimmten Ländern gelockert werden und die Pandemie nachlässt, sehen wir in unseren Buchungen immer noch einen Trend zu Inlandsreisen, besonders in den Märkten Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich. Die Menschen entdecken zurzeit ihr eigenes Land neu und reisen vermehrt an entlegene Orter innerhalb ihres Landes. Das zeigen auch die aktuellen Suchanfragen auf Omio in den einzelnen Ländern: Vor der Pandemie suchten die Leute nach Zielen wie London, Paris und Mailand und schauen nun verstärkt nach kleineren Städten wie Bordeaux, Brighton oder Bologna.

„Unsere Kunden sparen Flug-Emissionen und unterstützen die lokalen Strukturen“

Julian Persaud

Früher flog man von Frankfurt oder Berlin mal eben nach Paris oder Rom. Welche Verkehrsmittel nutzt man heute?

Der Bus ist derzeit das Transportmittel, bei dem wir einen starken Anstieg von Buchungen beobachten, nachdem die Zahl der Infektionen rückläufig ist und mehr Menschen geimpft sind. Generell buchen Reisende zudem mehr Zugverbindungen und weichen zunehmend vom Fliegen ab. Jede fünfte Person, die über die Omio-Suche nach Flügen sucht, bucht letztendlich einen Zug oder Bus, sobald sie unsere multimodalen Optionen sieht.

Ob mit Bahn, Flugzeug oder Bus – Hauptsache: weg!
Über die Smartphone-App von Omio lassen sich sowohl Flug-, wie auch Bahn- und Busverbindungen buchen. Foto: Omio

Geflogen wird also tatsächlich deutlich weniger?

Der Anteil der Flugbuchungen ist überhaupt nicht mit den Zahlen von vor der Pandemie vergleichbar und liegt bei knapp ein Drittel weniger Buchungen im Vergleich zu Bus und Bahn. Flüge spielen derzeit bei Inlands- und Kurzstreckenreisen keine Rolle. Denn bei der Wahl abgelegener Orte als Reiseziel sind die Menschen ohnehin auf Bus und Bahn angewiesen und bevorzugen sogar die Nutzung von Bodentransportmitteln, da sie diese Ziele nicht mit dem Flugzeug erreichen können und zudem immer mehr nachhaltige Arten zu Reisen bevorzugen.

Und viele bleiben dann gleich im eigenen Land?

Ja, unsere Kunden schauen aufgrund der anhaltenden Einschränkungen nach wie vor auf Inlandsreisen. Darüber hinaus sparen sie Flug-Emissionen, unterstützen die lokalen Strukturen und haben eine weniger komplexe und kürzere An- und Abreise.

Wird vielleicht auch kurzfristiger gebucht?

Wir sehen in der Tat, dass ein großer Anteil unserer Buchungen Last-Minute getätigt werden. Unsere Kunden sind immer noch sehr wachsam und wissen, dass sie aufgrund der Pandemie in der Lage sein müssen, schnell auf Einschränkungen und Quarantänevorgaben zu reagieren. Aus diesem Grund erwarten sie einen schnelleren, reibungsloseren und flexibleren Buchungsablauf, um sich gegebenenfalls schnell anzupassen und Reisepläne ändern zu können. Unser Open Travel-Index bietet einen schnellen und aktuellen Überblick über die aktuelle Situation an ihren Reiseziele.

Welche Rolle spielen Klimaaspekte bei der Wahl der Reiseziele und Verkehrsmittel?

Reisende haben generell ein wachsendes Interesse an nachhaltigerem Reisen. Bereits vor der Pandemie konnten wir einen kontinuierlichen Anstieg der Bus- und Zugreisen, vor allem bei kürzeren Strecken, beobachten. Wir gehen davon aus, dass sobald die Infektionszahlen auf null sind, die Flugreisen ebenfalls wieder zunehmen werden – vor allem zu den Fernreisezielen. Allerdings sehen wir insgesamt einen Trend hin zu nachhaltigem Reisen, also hin zu Bus und Bahn – besonders Kurzstreckenflüge werden im Zuge des Netzausbaus hin zu Nachtzügen immer unbeliebter.

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1 Kommentar

  1. Avatar

    Es wird auch Zeit, dass die Autoreisezüge wieder fahren. Die DB hat sie ja eingestellt, die ÖBB nicht. Allerdings müssten die Ladeflächen tragfähiger werden, weil die Autos immer schwerer werden. Dann kann man quasi über Nacht fast ganz Europa mit dem Auto „erfahren“, während man ausgeruht und ausgeschlafen ankommt. Fähren fahren ja auch noch.

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