In Europa haben Nachhaltigkeit, Recycling und eine möglichst lange Nutzung einen hohen Stellenwert. Das sieht in China, dem größten Automarkt der Welt, derzeit völlig anders aus. Branchen wie Mode oder Elektronik folgend steuert die Autoindustrie hier in eine Richtung, die die Nutzer in Europa, den USA oder Afrika gleichermaßen mit dem Kopf schütteln lässt: das Einweg- oder Wegwerfauto. Davon betroffen sind in erster Linie Elektroautos vom Kleinwagen bis zur Mittelklasse, die nach einer vergleichsweise kurzen Nutzung von drei bis maximal fünf Jahren bereits wieder abgemeldet werden und in die Wiederverwertung gehen.
Der Grund liegt auf der Hand: Während Bestandsfahrzeuge in Deutschland ein Durchschnittsalter von rund zehn Jahren haben – in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika von über zwölf Jahren – sieht das in China ganz anders aus. Wer es sich leisten kann, kauft hier einen Neuwagen, finanziert oder least diesen aber nur höchst selten. Einen lebendigen Gebrauchtwagenmarkt wie in der Europäischen Union oder in Nordamerika gibt es in China noch nicht.

Auf Brachflächen am Rande der Großstadt hat ein Carsharing-Unternehmen seine ausrangierten Elektroautos deponiert. Käufer gibt es für die Fahrzeuge nicht, bestenfalls dienen sie noch als Ersatzteillager. Foto: https://depositphotos.com/de/
Speziell die elektrifizierten Fahrzeuge der sogenannten NEV-Klasse (New Energy Vehicles) erfreuen sich auf dem rudimentären chinesischen Gebrauchtwagenmarkt keiner nennenswerten Nachfrage. Das liegt zum einen an der Mentalität der chinesischen Kunden: Das Neue hat für ihn einen besonderen Stellenwert hat. Zum anderen sorgen die kurzen Innovationszyklen dafür, dass die NEV-Autos zumindest der Papierform nach extrem schnell altern. Das gilt nicht allein für den Antrieb, die Akku- und Ladetechnik, sondern auch Fahrerassistenzsysteme oder Displays. Das sind große Herausforderungen für europäischen und speziell deutsche Hersteller, die bei der Fahrzeugentwicklung großen Wert auf Langlebigkeit setzen.
„China-Speed“ lässt Autos schneller altern
Kein Automarkt ist derzeit härter als dieser in China und der Preiskampf dort klassenübergreifend intensiver denn je. Das gilt insbesondere für die New Energy Vehicle, die in China ein grünes Kennzeichen tragen. Hier fielen die Verkaufspreise nach Angaben der Analysten von Alix Partners in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 23 Prozent – obwohl die Akkus immer größere Reichweiten erlauben, die Autos schneller denn je Strom nachladen können und immer mehr Fahrerassistenzsysteme bekommen.
„Der aktuelle Preiskampf ist enorm und eine Rückkehr auf das vorherige Preisniveau ist nicht zu erwarten“, erläutert Xing Zhou, China-Experte von Alix Partners. „Dieser Preiskrieg macht das Elektroauto zu einem Wegwerfprodukt.“ Der potenzielle Kunde will ein neues Auto – mit neuester Technik – bestenfalls zum Schnäppchenpreis.

„Die Elektroautos nähern sich bei ihren Innovationszyklen immer mehr den Elektronik-Konsumgütern an.“ Foto: Alix Partners
So kommen immer mehr der aktuell rund 140 Autohersteller in China auf die Idee, die neuen Modelle nur für einen kurzen Produktions- und Nutzungszeitraum zu entwickeln. Während die Entwicklungszeit in Europa bei vier bis fünf Jahren liegt, sind es in China derzeit 18 bis 24 Monate – Tendenz fallend. Entsprechend nennenswert günstiger wird entwickelt, kompromissbereiter abgesichert und das Produkt durch Updates mitunter erst beim Kunden haltbar gemacht.
Kurze Innovationszyklen wie bei Elektronikartikeln
Dieser Trend zum Einweg- oder Wegwerfauto dürfte zumindest mittel- bis langfristig auch Auswirkungen auf den Automarkt in Europa und die dortigen Hersteller haben. Dadurch, dass das Auto für viele Chinesen den Stellenwert eines mobilen Elektronikartikels hat, ist der Reiz des neuen nach zwei bis drei Jahren verloren. Das neue muss mehr Reichweite, neue Akku-/Ladetechnik, moderne Displays und entsprechende Fahrerassistenzsysteme bieten.
„Die Elektroautos nähern sich bei ihren Innovationszyklen immer mehr den Elektronik-Konsumgütern an“, sagt Xing Zhou. „Pro Jahr kommen in China rund 140 neue NEVs auf den Markt.“ Entsprechend ist der Preisverfall und da kaum jemand Interesse an einem gebrauchten Elektroauto hat, landen diese nach vergleichsweise kurzer Nutzungsdauer von maximal fünf Jahren auf dem Schrottplatz.

Blick in den Showroom eines XPeng-Händlers in China. Immer mehr neue Modelle mit immer besserer Technik und neuen Features lassen die Halbwertzeit insbesondere von Elektroautos purzeln. Entsprechend gering ist die Nachfrage nach Gebrauchtwagen.
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Erschwerend kommt hinzu, dass es in China noch keine etablierten Recyclingprozesse für ausgediente Autos gibt. Schon gar nicht für die Antriebsakkus. Während es in Europa mehrere Dutzend Unternehmen gibt, die speziell die Stromspeicher von Elektroautos zerlegen und die enthaltenen Wertstoffe weitmöglich rückgewinnen, ist ein solches Netzwerk auf dem größten Automarkt der Welt noch Zukunftsmusik.
Aktuell werden die ausrangierten Fahrzeuge auf gigantischen Flächen außerhalb der Millionenagglomerationen geparkt, wo sie auf eine artgerechte Verwertung warten. Das kann unter Umständen Jahre dauern. Da die Recyclingindustrie hinterherhinkt, ist weitgehend ungeklärt, welche Rolle die Autohersteller spielen. Europäische Hersteller wie Audi, BMW, Mercedes, Porsche oder Volkswagen kalkulieren gerade bei teureren Modellen unverändert mit längeren Einsatzzyklen und wollen die Recyclingvorgaben, die sie bei Fahrzeugen auf anderen Weltmärkten haben, auch in China zum Einsatz bringen.