Früher parkte man einen Dacia hinter dem Restaurant, um nicht gesehen zu werden – heute stellt man ihn selbstbewusst vor die Tür und signalisiert: Ich bin schlau. Auf dem Pariser Autosalon sprach Dacia-Chefin Katrin Adt im Roundtable mit Journalisten aus Deutschland und Österreich über den Wandel vom Billigheimer zur smarten Outdoor-Marke, warum sie Preisschlachten mit chinesischen Anbietern scheut und weshalb das Teilen von Bändern mit dem Renault Twingo kein Risiko, sondern ein Glücksfall ist.

Als Katrin Adt zur Runde bittet, ist die Stimmung gelöst, aber die Fragen sind spitz. Schließlich steht Dacia vor einer doppelten Zerreißprobe: Auf der einen Seite drängen chinesische Hersteller mit aggressiven Dumpingpreisen in den europäischen Markt. Auf der anderen Seite rückt der Konzernbruder Renault mit dem neuen Twingo bedrohlich nah an das Revier des Dacia Spring heran – beide teilen sich künftig nicht nur die elektrische Plattform, sondern laufen auch gemeinsam im slowenischen Werk Novo Mesto vom Band.

Dacia-Chefin Kathrin Adt zusammen mit Chefdesigner David Durand
Die ehemalige Mercedes-Managerin steht seit September 2025 an der Spitze von Dacia. Bei Smart leitete sie die Antriebswende ein – diese Herausforderung steht auch in ihrem neuen Job bevor: Bis 2030 kommen neben dem Spring vier weitere Stromer auf den Markt.

Kannibalisierung im eigenen Haus? Adt wischt die Sorge mit einer Gegenfrage und einem Lächeln vom Tisch: „Haben Sie den Twingo gesehen? Haben Sie den Spring gesehen? Das sind doch zwei sehr unterschiedliche Fahrzeuge! Insofern ist Kannibalisierung eigentlich kein Thema, das uns massiv beschäftigt. Die Autos sprechen völlig unterschiedliche Kunden an. Und am Ende des Tages sind wir Cousin und Cousine, wir gehören zu einer Familie. Es bleibt also in der Familie.“

Die gemeinsame Fertigung in Slowenien sei vielmehr ein Paradebeispiel für Dacias DNA: „Wir waren immer gut darin, Gelegenheiten zu ergreifen – wie jetzt, die Plattform und Innovationen mit dem Twingo zu teilen. Trotzdem behalten wir unsere ganz eigene Positionierung.“

„Keine Preisschlachten“: Warum billig am Ende teuer werden kann

Dass Dacia die neue Konkurrenz aus Fernost nicht spüre, wäre gelogen. Vor allem im C-Segment, wo Dacia mit dem Bigster und dem neuen Striker antritt, trifft die Marke frontal auf chinesische Angebote. Doch den Reflex, in einen ruinösen Unterbietungswettbewerb einzusteigen, lehnt Adt kategorisch ab: „Spüren tun wir sie natürlich. Aber wir sollten bei unseren Stärken bleiben. Manchmal ist ein günstiger Kauf letztlich eben doch ein teurer Kauf. Wir werden nicht in Preisschlachten einsteigen, um immer absolut den niedrigsten Kaufpreis auf dem Papier zu haben. Wir wollen immer das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bieten.“

Adt verweist dabei auf den Unterschied zwischen dem reinen Anschaffungspreis und den tatsächlichen Gesamtkosten (Total Cost of Ownership): „Man darf nicht nur den Kaufpreis sehen, sondern muss sich die gesamten Kosten anschauen. Wir haben die höchsten Restwerte in der gesamten Automobilindustrie – 14 Punkte über dem Durchschnitt! Unsere Fahrzeuge verkaufen sich nach ein paar Jahren zu extrem guten Konditionen aus zweiter Hand. Wir haben die effizientesten Hybridmotoren mit den geringsten Verbräuchen, ein etabliertes Servicenetz und eine hohe Reparaturfreundlichkeit. Und: Wir sind ganz sicher in zehn Jahren auch noch da!“

Das „IKEA-Phänomen“: Smart Choice statt Verzicht

Besonders deutlich wird Adt, wenn es um das Image der rumänischen Renault-Tochter geht. Aus dem einstigen Billig-Label ist längst eine moderne, robuste Outdoor- und Lifestyle-Marke geworden – ein Wandel, den sie mit einem augenzwinkernden Vergleich aus der Möbelwelt untermauert: „Wir wollen den Kunden nicht das Gefühl geben, dass sie ein billiges Fahrzeug fahren. Ein billiges Auto zu fahren, ist kein gutes Gefühl – das will niemand. Mein Vorgänger hat immer gesagt: Früher hast du dein Auto hinter dem Restaurant geparkt, damit dich keiner sieht. Heute fährst du vor und sagst: ‚Ich bin schlauer.‘ Es ist einfach total cool und smart, einen Dacia zu fahren.“

Dacia Striker 
Mit einem Basispreis von 21.990 Euro rangiert das Crossover-Kombi am oberen Ende der Dacia-Modellpalette. Vorerst gibt es das Modell nur mit Hybridantrieb. Eine Elektroversion ist in Vorbereitung, eine Variante mit Range Extender zumindest angedacht.
Dacia Striker
Mit einem Basispreis von 21.990 Euro rangiert das Crossover-Kombi am oberen Ende der Dacia-Modellpalette. Vorerst gibt es das Modell nur mit Hybridantrieb. Eine Elektroversion ist in Vorbereitung, eine Variante mit Range Extender zumindest angedacht.

Dacia spreche längst Kunden aus den unterschiedlichsten Milieus an. Adt zieht dabei einen Vergleich zu einer schwedischen Möbelhausgruppe: „Das ist wie das IKEA-Phänomen: Ein Billy-Regal steht wahrscheinlich bei jedem von Ihnen zu Hause. Das hat nichts mit Status oder mangelndem Budget zu tun, sondern man sagt sich einfach: Warum soll ich für etwas mehr bezahlen als nötig? Die Leute begreifen Dacia als ‚Smart Choice‘.“

Die Kunst des Weglassens – und der Streit mit den Regulierern

Aus ihrer früheren Zeit bei Mercedes kennt Katrin Adt die gegenteilige Welt: Ingenieure, die jahrelang an Features feilen, an die der Kunde oft noch gar nicht gedacht hat. Bei Dacia sei das Denken radikal umgekehrt: „Ich kenne jetzt viele Ingenieure, die den ganzen Tag darüber nachdenken: Was braucht dieses Auto wirklich – und was können wir eigentlich noch weglassen?“

Ein Beispiel dafür ist das Cockpit-Konzept „Bring Your Own Device“: Wer kein teures Display mitbezahlen will, klemmt einfach sein Smartphone in die Halterung. „Damit ist das System immer aktueller, als wir es mit Software im Auto je halten könnten.“ Gleichzeitig wehrt sich Adt gegen den Vorwurf, Dacia verweigere moderne Standards – selbst elektrische Fensterheber stehen mittlerweile außer Frage: „Wir wollen ja kein Billigauto sein. Wenn Sie sich ansehen, was Sie vor 15 Jahren gebraucht haben und was heute: Die Ansprüche entwickeln sich weiter.“

Dacia Hipster 
Ob und wann der kleine Elektro-Van auf den Markt kommt, hängt auch davon ab, wie die EU-Regularien für solche Fahrzeuge aussehen.
Dacia Hipster
Ob und wann der kleine Elektro-Van auf den Markt kommt, hängt auch davon ab, wie die EU-Regularien für solche Fahrzeuge aussehen.

Wo die Entfeinerung an ihre Grenzen stößt, ist nicht der Kundenwunsch, sondern die Brüsseler Gesetzgebung. Auf die Frage, wie sehr EU-Vorgaben das günstige Auto erschweren, redet Adt Tacheles: „Der Durchschnittskaufpreis eines Fahrzeugs ist in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen. Das liegt zum einen an gestiegener Performance – was nicht unser Thema ist. Aber zum anderen an zunehmenden Regulierungen. Wenn Sie allein 25 Prozent Ihres gesamten Entwicklungsbudgets und Ihrer Kapazitäten darauf verwenden müssen, regulatorische Vorgaben zu erfüllen, dann können Sie mit diesem Geld verdammt viel anderes nicht machen – oder Sie haben diese 25 Prozent eben zwingend als Kosten im System.“

Auch bei der Frage nach dem vorigen Herbst präsentierten Hipster Concept – dem radikal abgespeckten, nur drei Meter kurzen Elektro-Mikrovan für die Stadt – verweist Adt direkt auf die regulatorische Hängepartie in Brüssel: „So wie wir letztes Jahr schon ein bisschen auf heißen Kohlen saßen, sitzen wir auch dieses Jahr wieder darauf, weil bisher noch nichts entschieden ist, was künftige EU-Regularien für solche Fahrzeuge anbelangt. Wir haben inzwischen weitergearbeitet und nicht aufgehört – wir können zwar noch nichts offiziell verkünden, sind aber voller guter Hoffnung.“

Verbrenner bleiben, solange der Kunde sie will

Auf ein starres Enddatum für den Verbrennungsmotor will sich Adt auf Frage von EDISON derweil nicht festnageln lassen: „Wir haben kein fixes Datum, ab dem wir hundertprozentig elektrisch sein müssen. Wir bieten Verbrenner an, solange es die Gesetzgebung erlaubt – und vor allem: solange die Kunden es wollen! Viele unserer Kunden sind Privatkäufer, die ihr hart verdientes Geld investieren. Sie brauchen bezahlbare, langstreckentaugliche Hauptfahrzeuge im Haushalt.“

Dennoch laufe die Elektrifizierungs-Roadmap: Bis 2030 plant Dacia vier rein elektrische Modelle. Dabei setzt die Marke auf einen schrittweisen Hochlauf von unten: „Wir fangen mit der Elektrifizierung im A-Segment an, wo die Autos leicht sind und man keine Riesen-Batterien für Fahrten zur Oma nach Italien braucht. Schritt für Schritt gehen wir nach oben.“

Bis dahin bleibe Dacia der Meister des Pragmatismus: mit hocheffizienten Hybriden und ab Werk verbauten Flüssiggas-Antrieben (LPG), die Reichweite und niedrige Betriebskosten kombinieren. Selbst einen Range Extender schließt Adt für künftige Modelle wie den neuen Dacia Striker nicht aus: „Das ist eine irre attraktive Idee: Unter der Woche elektrisch fahren, und für die Langstrecke verlängert man die Reichweite. Wir müssen schauen, ob wir das technologisch so hinbekommen, dass es für unsere Kunden bezahlbar bleibt.“

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