Auf dem Pariser Autosalon feiert Renault mit Neuinterpretationen wie dem R5, dem R4 und dem neuen Twingo große Erfolge. Doch warum boomt ausgerechnet im Elektrozeitalter die Retro-Welle? Und wie behauptet sich Europa im intensiven Wettbewerb mit den Herstellern aus China? Ein Gespräch mit Renault Group-Chefdesigner Laurens van den Acker über die Macht historischer Ikonen, die Renaissance des Monospace-Vans und warum echte Knöpfe im Cockpit unverzichtbar bleiben.
Laurens, Renault feiert mit dem R5, R4 und dem Twingo große Erfolge. Citroën zeigt hier in Paris den neuen 2CV, Smart bringt eine Neuauflage des Fortwo – wir erleben derzeit eine regelrechte Retro-Welle. Sehnen sich die Menschen schlicht nach der guten alten Zeit, oder was steckt dahinter?
Laurens van den Acker: Für uns begann dieser Weg schon vor fünf, sechs Jahren, als wir die Transformation zu reinen Elektroplattformen planten. Früher definierten sich Marken stark über ihre Verbrennungsmotoren – Vier-, Sechs-, Acht- oder Zwölfzylinder machten den Unterschied. Doch wenn morgen die Technologie auf einer Plattform quasi für alle gleich ist: Was unterscheidet uns dann noch? Da haben wir begonnen, intensiv über Ikonen nachzudenken. Das galt übrigens auch für Alpine: Wenn Porsche oder McLaren elektrische Sportwagen bauen, ist die Basistechnologie sehr ähnlich. Die Ikone macht den Unterschied. Dazu kommt der massive Wettbewerb aus China. Dort werden Autos zunehmend über Technologie, Preis und Geschwindigkeit des Entwicklungszyklus definiert. Unsere Historie und unsere Ikonen sind eine Trumpfkarte, die man nicht kopieren kann.

Mit dem 4,55 Meter langen Konzeptauto Alpine A310 Vision gab die Sportwagenmarke der Renault Group in Paris einen Ausblick auf das Design des vollelektrischen 2+2-Sitzers, der 2028 auf den Markt mit einer 800-Volt-Architektur kommen könnte. Foto: Alpine
Aber bedient das nicht vor allem nostalgische Gefühle?
Ich habe eigentlich immer gesagt: Ich bin für die Zukunft da, nicht für die Vergangenheit. Aber der Erfolg des R5 ist enorm, und beim Twingo wird es genauso sein. Es baut eine Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft. Die ältere Generation erinnert sich an die Originale, und die Jungen, die damals noch gar nicht auf der Welt waren, finden das Design einfach cool. Wichtig ist mir aber: Ein Twingo oder R5 sieht keineswegs rein nostalgisch aus. Mit modernen Proportionen, 18-Zoll-Rädern und perfekten Oberflächen ist das ein absolut modernes Auto. Es ist keine reine Nostalgie, sondern eine Brücke. Die Technologie darunter ist schließlich hochmodern.
Volkswagen hat damals beim ID.3 einen harten Schnitt gemacht – neuer Name, völlig neue Optik – und damit viele Stammkunden vor den Kopf gestoßen. War das rückblickend ein Fehler der Konkurrenz?
Wir sehen jedenfalls, wie gut unser Weg ankommt: Der R5 ist ein Bestseller im B-Segment und gehört europaweit zu den meistverkauften Elektroautos. Vor allem kommen Kunden zu uns, die zuvor nie einen Renault gefahren sind oder kaufen wollten. Es ist echte Eroberung. Beim Zoé hatten wir damals einen rein innovativen Ansatz ohne historische Vorbilder gewählt. Aber europäische Kunden sind bei neuen Technologien oft etwas vorsichtig. Wenn zu einer neuen Antriebstechnik auch noch eine völlig fremde Formensprache kommt, wird es den Menschen vielleicht zu viel des Neuen. Eine vertraute Ikone gibt Sicherheit.
„Wenn zu einer neuen Antriebstechnik auch noch eine völlig fremde Formensprache kommt, wird es den Menschen vielleicht zu viel des Neuen. Eine vertraute Ikone gibt Sicherheit.“
Viele Designer schwärmten zu Beginn der E-Mobilität von den Freiheiten der Skateboard-Plattform. Gleichzeitig führte die Batterie im Fahrzeugboden aber zu einem Boom von immer höheren SUVs. Wie ist es Ihnen gelungen, den R5 wieder so kompakt und flach zu halten?
Mit einem Verbrennungsmotor wäre uns der R5 in dieser Form gar nicht gelungen. Dafür hätte man viel größere vordere Überhänge gebraucht. Ironischerweise erlaubt uns die Elektroarchitektur, wieder ganz nah an die Proportionen der 70er- und 80er-Jahre heranzukommen – damals gab es schließlich noch keine so ausufernden Sicherheits- und Crashzonen. Heute haben wir einen langen Radstand, kurze Überhänge und einen kompakten Elektromotor, der Platz für größere, einlenkende Räder lässt. Zwar ist auch der neue R5 etwas höher als das Original, aber durch die großen Räder lässt sich das optisch perfekt kaschieren. Er wirkt wie der alte R5 – nur auf 110 Prozent skaliert.

Das Renault E-Space Concept macht Appetit auf einen Monospace-Van mit sechs Einzelsitzen und einem flexiblen Innenraum. Ein Serienstart steht noch nicht fest, aber die Aussichten sind gut, dass ein solches Modell den SUV gleichen Namens ersetzen könnte.
Hier in Paris zeigt Renault mit dem Concept Car E-Space wieder einen echten Monospace-Van. Kehrt nach den Kleinwagen nun eine weitere Fahrzeug-Kategorie auf den Markt zurück?
Wir haben mit Twingo, R4 und R5 die Kleinwagen besetzt. Für mich bilden Twingo und E-Space die beiden Buchstützen, gewissermaßen die Buchdeckel unserer Marke – an den beiden Enden der Modellpalette. Wir wollten ein Auto, das unsere Markenwerte perfekt verkörpert: geliebtes Design, meisterhafte Raumausnutzung und moderne Technologie. Der Espace hakt all diese Kriterien ab. Der Van-Markt war lange schwierig, aber mit dem Elektroantrieb – leise, komfortabel und mit Blick auf künftiges autonomes Fahren – ergibt ein solches Raumkonzept wieder vollkommen Sinn: Es wird zum echten Lebensraum auf Rädern. Was könnte mehr Renault sein als das?
Ihr habt in den letzten Jahren offenbar viel Zeit in der historischen Fahrzeugsammlung von Renault verbracht. Besteht nicht die Gefahr, dass man sich zu sehr auf Retro versteift?
Das Schöne ist, dass wir nicht alles auf eine Karte setzen müssen. Wir sind nicht von einer einzelnen Ikone abhängig, sondern haben das Glück, einen enorm reichen Schatz an automobilen Ikonen zu besitzen. Aber wir machen nicht nur Retro – wir loten die Extreme aus.
„Der Van-Markt war lange schwierig, aber mit dem Elektroantrieb und mit Blick auf autonomes Fahren ergibt ein solches Raumkonzept wieder vollkommen Sinn: Es wird zum echten Lebensraum auf Rädern.“
Was hat es mit der Gordini-Studie auf sich?
Das war eine reine Marketing-Idee, gegen die wir uns im Designstudio schlicht nicht wehren konnten! (lacht) Es ist ein absolutes Herzensprojekt, ein Traumwagen. Das Auto war im Grunde so „uncool“, dass es schon wieder extrem cool geworden ist. Als wir die klassische Stufenheck-Form – die klassische Drei-Box-Limousine – aufbauten, wurde uns klar: Dieses Format ist fast völlig von den Straßen verschwunden. Heute gibt es praktisch nur noch Zwei-Box-Formen, Schrägheck, SUVs oder Crossover. Die Proportionen wirken dadurch heute wieder unheimlich frisch. Wenn ich mir jetzt ein Auto für Paris aussuchen dürfte: Ich würde den Gordini nehmen. Noch ist es eine Spielerei, aber wir Designer haben immer unsere geheimen Wünsche.

Das vollelektrische, 211 kW starke Konzeptauto Renault 8 Gordini hat trotz großen Anklangs kaum Aussicht auf eine Serienfertigung. Das Designteam rund um Laurens van den Acker hatte gleichwohl viel Spaß, das klassische Dreibox-Design zeitgemäß zu interpretieren.
Renault drängt gerade mit neuen Modellen verstärkt in Märkte außerhalb Europas, etwa nach Indien oder Südamerika. Wie stark beeinflusst dieser Geschmack Ihre Designarbeit?
Sehr stark. Indien ist ein völlig anderer Markt als Europa. Genau das prägt unsere Designarbeit: Die Kunden suchen nicht nur ein praktisches Fortbewegungsmittel, sondern ein Fahrzeug, das Raum, Modernität und Status vermittelt. Gleichzeitig muss es die Bedürfnisse der ganzen Familie erfüllen. Für solche Märkte braucht man Fahrzeuge mit maximalem Raumangebot und starker Präsenz, wie etwa den Bridger.
Nach Europa drängen gerade immer mehr chinesische Hersteller. Viele Kritiker monieren, deren Autos sähen alle gleich aus – wie rundgelutschte Bonbons. Teilen Sie diese Ansicht?
Man muss anerkennen: Die chinesischen Hersteller haben enorme Stärken bei der Produktion, dem Preis und der Technologie. Das Ironische ist: Wir haben diese Technologie in Europa auch, aber wir haben sie den Kunden bisher nicht sichtbar genug gezeigt. Daran arbeiten wir jetzt mit Hochdruck. Zudem haben wir ein etabliertes Händlernetz, Garantien und einen verlässlichen Aftersales-Service mit gesicherter Ersatzteilversorgung. Im Interieur sieht man bei vielen chinesischen Fahrzeugen derzeit eine ähnliche Designsprache, aber sie machen ihre Hausaufgaben sehr gut.
„Die Automobilindustrie hat es im Moment nicht leicht, aber mit starkem Design können wir den Unterschied machen.“
Viele Hersteller haben in den vergangenen Jahren fast alle Bedienfunktionen in riesige Touchscreens verbannt, rudern nun aber wieder zurück. Renault hat stets an echten Tasten und Knöpfen festgehalten. Ein bewusster Vorteil?
Absolut. Ein Fahrzeuginnenraum ist wie ein Körper: Es gibt Bereiche, die man sieht und im Blick hat, und Bereiche, die man blind fühlen und bedienen können muss. Reine Touchscreen-Bedienung mit den Händen funktioniert während der Fahrt für viele Basisfunktionen einfach nicht gut. Man muss ein Handschuhfach oder das Glasdach doch nicht in einem Untermenü auf dem Display verstecken! Wir haben immer an einer ausgewogenen Balance festgehalten. Künftig wird sich das mit KI und Sprachassistenten weiterentwickeln, aber die blinde, intuitive Bedienung bleibt elementar.
Du bist seit vielen Jahren für das Design bei Renault verantwortlich, begleitest heute die Fahrzeuggestaltung in der gesamten Renault-Gruppe. Was ist Deine größte Herausforderung in den kommenden Jahren?
Ich sage immer: Ich habe noch nie so viel gewusst und hatte noch nie so viel Erfahrung – und gleichzeitig hatte ich noch nie das Gefühl, so viel Neues lernen zu müssen wie heute. Meine Hauptaufgabe ist es, die Marken der Gruppe trennscharf zu halten und voranzutreiben. Wir haben fantastische, kreative Teams für jede einzelne Marke. Die Automobilindustrie hat es im Moment nicht leicht, aber mit starkem Design können wir den Unterschied machen. Design verkauft – ein Auto muss emotional begeistern, bevor man über Leistungsdaten spricht. Und der Erfolg des R5 und das Feedback hier in Paris zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Vielen Dank für das Gespräch!