Angenommen, Sie sind ein sehr gut betuchter Autoliebhaber. Würden Sie einen Hyper-Sportwagen auf Bugatti-Niveau des Staubsauger-Herstellers Vorwerk in ihre Sammlung aufnehmen? Was heute unvorstellbar erscheint, soll morgen ein gewinnbringendes Geschäftsmodell sein. Nicht für das Traditionsunternehmen Vorwerk in Wuppertal, sondern – Sie ahnen es bereits – für einen vergleichsweise blutjungen chinesischen Hersteller elektrischer Haushaltsgeräte: der Dreame Technology im chinesischen Suzhou unweit von Shanghai. Das Unternehmen, das seit 2017 Saug- und Putzroboter erfolgreich produziert und weltweit vertreibt, hat 2025 die Automarke Kosmera („Kosmos für eine neue Ära“) ins Leben gerufen, um Elektromobile auf höchstem Niveau zu bauen. Beginnend mit einem Hypercar von weit über 2.000 PS ab Ende 2027 ausgerechnet im deutschen Brandenburg gleich neben der Gigafabrik von Tesla.
Seit eine chinesische Delegation unter Leitung von Dreame-CEO Yu Hao den möglichen Firmenstandort besuchte, überbieten sich deutsche Branchenkenner mit Blick auf das batterie-elektrische Hypercar und dessen Marktakzeptanz in Skepsis. Wir haben uns in China bei Kosmera mit Engineering Director Alessandro Tarrone und Vice President of Manufacturing & Engineering Michael Li am Designmodell „Star Matrix“ getroffen. Die erste Überraschung: Das künftige Kleinserienmodell dieser Bugatti ähnlichen Studie wird formal nur wenig gemein haben mit ihr.

Jürgen Zöllter im Gespräch mit Chefdesigner Alessandro Tarrone und Produktionschef Michael Li vor dem „Star Matrix“-Konzeptauto.
„Wir wollen zeigen, auf welchem Niveau unser Hypercar fahren wird“, erklärt Tarrone, der zuvor über eine Dekade hinweg in NIO-Studios von Shanghai und München die Designsprache des E-Startups entwickelte. Er schwärmt von einem eigenständigen, ikonischen Design des Kosmera, das sich an keinen konkreten Vorbildern orientieren werde. In den Entstehungsprozess seien potenzielle internationale Kunden involviert, darunter hochkarätige Autosammler.
Kraftverteilung mit Künstlicher Intelligenz
Konkreter wird Michael Li, ein ausgewiesener Produktionsexperte mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in Robotik und Automatisierung von Prozessen zur Lithium-Ionen Batterie Herstellung. Er leitet das R&D Center von Kosmera und verspricht einen Elektro-Sportwagen auf bisher unbekannt hohem technischen Niveau. Für die weit über 2.000 PS Spitzenleistung seien vier sehr hochdrehende E-Motoren in der Entwicklung, die Rad nah verbaut und in Verbindung mit KI gesteuerter Kraftverteilung ein bisher unbekannt spontanes Torque Vectoring für extreme Fahrdynamik ermöglichen. Dafür greife man auf die ausgereifte KI-Expertise von Dreame zurück. Fahrzeugstruktur aus Kohlefaser-Monocoque und Aluminium-Skelett entstehe in enger Zusammenarbeit mit internationalen Rennwagen-Entwicklern.

Anders als die viersitze Studie soll das spätere Serienfahrzeug erst einmal ein Zweisitzer sein. Gebaut werden soll der in Deutschland.
Soweit scheint Kosmera nachvollziehbaren Entwicklungsmustern zu folgen, deren sich beispielsweise auch Rimac, Pininfarina und Ferrari bedienen. Doch die Vorteile der chinesischen Marke liegen in extrem rascher Adoption der sich rasant weiterentwickelnden Software-Module. Sie stehen im Zentrum der Entwicklung. Während westliche Marken noch immer auf schrittweise Integration von zunächst Hard- und später Software-Modulen setzen, entwickelt Kosmera parallel auf verschiedenen Ebenen mit Hilfe KI gestützter Werkzeuge. Kurz aufeinander folgende Entwicklungssprünge werden in der laufenden Prozessentwicklung aller Bauteile unmittelbar adaptiert. Das bringt nicht nur Zeitvorteile vom sogenannten weissen Blatt Papier bis zur Serienreife, sondern auch für den Serienanlauf in der Produktionsstätte. Denn die Anpassung der Werkzeuge erfolgt ebenfalls schon während der Erbrobungsphase.
Technik aus China, Produktion in Deutschland
Doch zurück zum Hypersportwagen, der anders als die viersitze Studie ein Zweisitzer sein wird. Dass Kosmera ihn ausgerechnet im Hochpreisland Deutschland bauen möchte, sei der Expertise geschulter Fachkräfte hierzulande geschuldet, sagt Li. Deutschland sei ein hochentwickeltes Autoland mit Zulieferern komplexer mechanischer Komponenten, derer ein solches High-End Produkt bedarf. Mit anderen Worten: die elektronischen Komponenten einschließlich Batterie und Steuerelektronik werden aus China stammen, die fahrdynamische Hardware aus Europa. Und während Produkte in der „alten Welt“ überwiegend in Handarbeit entstehen, plant Kosmera eine hochautomatisierte Produktionsanlage nach chinesischem Großserien-Vorbild.

Premiere hatte das Konzeptauto „Star Matrix“ von Kosmera im Januar 2026 auf der Tech-Messe CES in Las Vegas. Fotos: Kosmera
Wie ernst es Kosmera meint, verdeutlicht der aktuelle Entwicklungsstand des Fahrzeugs. Im chinesischen R&D Center Fuzhou arbeiten derzeit mehr als 1.000 Experten, Ende des Jahres werden es rund 2.000 sein. Es geht um mehr, als ein elektrisches Hochleistungsfahrzeug auf die Räder zu stellen, das nicht nur atemberaubend aussehen soll, sondern mit Hilfe einer neuartigen interaktiven Elektronik-Architektur ein nie dagewesenes Fahrerlebnis sowohl auf der Rennstrecke, als auch im alltäglichen Strassenverkehr bieten soll.
Virtueller Beifahrer warnt vor Gefahren
Während alle bisher bekannten Fahrerassistenzsysteme fahrdynamische Zustände und Fahrzeugumfeld erkennen und im Zentralrechner verarbeiten, der wiederum im Hintergrund Einstellungen vornimmt, arbeitet Kosmera an einen AI (Artificial Intelligence) und AR (Argumented Reality) gestützten System, das mit dem Fahrer in Echtzeit kommuniziert und ihn aktiv unterstützt, wie Li erklärt. Er spricht von einem kognitiven System, das man sich wie einen virtuellen Mitfahrer vorstellen muss.

Ein virtueller Beifahrer wird dem Piloten auf Rennstrecken helfen, immer die Ideallinie zu treffen und die Lernkurve zu verkürzen. Auch Reaktionsschnelligkeit und Kontrolle des PS-starken Fahrzeugs werden trainiert – um im Alltag möglichst unfallfrei unterwegs zu sein.
In Echtzeit werden Fahrzeugdynamik, -umgebung und Straßenbeschaffenheit, aber auch die Fahrweise des Piloten und seine körperliche und mentale Verfassung interpretiert. Gleichzeitig visualisiert AR verschiedene Szenarien im Blickfeld des Fahrers, etwa ideale Fahrlinien auf Rennkursen, Bremspunkte und leistet Lenkunterstützung. Ziel ist, den Fahrer in Hochgeschwindigkeitsszenarien zu stützen, die Lernkurve seiner Fahrfähigkeiten zu verkürzen, Reaktionsfähigkeit und Kontrollierbarkeit zu erhöhen.
Im Alltagsverkehr assistiert das System der Konzentrationsfähigkeit des Fahrers, detektiert Umgebungssituationen jenseits seiner unmittelbaren Wahrnehmung, bewertet Risiken, warnt vor ihnen und blendet Vermeidungsstrategien ein. Kosmera spricht von einem neuen Niveau der Mensch-Maschine Integration.
„Star Matrix“ als Leuchtturmprojekt
Denn anders als autonome Fahrsysteme soll das Kosmera-System den Fahrer nicht ersetzen, sondern harmonisch mit ihm zusammenarbeiten. Erstmals gezeigt auf der CES 2026 in Las Vegas war der letzte Entwicklungsstand im Star Matrix während der AWE (Appliance & Electronics World) in Shanghai im März zu sehen. Nicht mehr als ein experimentelles Versprechen für den es aktuell keinen Absatzmarkt gibt, wie Skeptiker urteilen? Dann sollte ein Blick auf den Markterfolg des Maextro S800 erlaubt sein: Eine von Huawei initiierte und bei JAC gebaute hochvernetzte Luxuslimousine, die in China derzeit den Schlachtschiffen von Rolls-Royce und Bentley das Wasser abgräbt. Allen Skeptikern zum Trotz, denn auch dafür hatten internationale Experten keinen Markt gesehen.

Im Cockpit des Sportwagens wird es eher konventionell zugehen. Den großen Touchscreen und den kleinen Monitor hinter dem Lenkrad hat das elektrische Hypercar von Kosmera mit vielen – deutlich preisgünstigeren – Großserienfahrzeugen gemein.
Kosmera-Investoren aus China, Taiwan, Nahost und der westlichen Welt wollen nachhaltige Marken-Erfolge sehen, für den der Star Matrix nur als Leuchtturmprojekt gedacht ist. Deshalb seien bereits gewinnbringende Modellreihen für Marktsegmente darunter in der Entwurfsphase. Für höhere Stückzahlen und Renditen. Sie würden von Komponenten des Hypersportwagens profitieren, verspricht Tarrone. Ob diese auch in Brandenburg gebaut werden könnten, ist offen.
Fest steht, dass Kosmera bisherige Entwicklungsprozesse im Automobilbau auf den Kopf stellt, indem das Lastenheft nicht mit dem Fahrzeug, sondern mit innovativer Software beginnt, um die herum ein Auto entsteht. Ein Verfahren, dass Autohersteller der Alten Welt aufmerksam verfolgen dürften.