Die Diskussion um eine mögliche Verschiebung des von der EU geplanten Verbots für Neuzulassungen von Verbrennern ab 2035 hält Michael Lohscheller für überflüssig. Der CEO von Polestar fand dazu im Gespräch mit EDISON klare Worte: „Was bringt das denn? Gar nichts, außer dass wir alle darüber reden.“ Es gilt jetzt: „Kurs halten, weitermachen und in die Zukunft fahren – nicht in die Vergangenheit.“
Auch die Sorgen mancher Wettbewerber und Automobilzulieferer über einen Verlust von Arbeitsplätzen durch das sogenannte Verbrennerverbot sieht der frühere Opel-Chef kritisch: „Eine Verschiebung gefährdet eher noch mehr Jobs. Lieber investieren als verzögern.“ Für Lohscheller ist klar: Elektromobilität sei längst Realität, Klimaschutz keine Nebensache. „Am Alten festhalten – da fällt mir kein Beispiel ein, wo das jemals funktioniert hätte.“
Wachstum trotz schwieriger Lage
Polestar selbst wächst kräftig. „Im ersten Halbjahr sind unsere Absätze um 51 Prozent gestiegen“, berichtet Lohscheller. Insgesamt fahren mittlerweile rund 180.000 Polestar 2 weltweit auf den Straßen. „Natürlich sind wir noch eine kleine Marke, aber wenn man so stark wächst, muss man einiges richtig machen.“ Das Ziel sei es, in ein paar Jahren „auf Porsche-Niveau“ unterwegs sein. Was die Rendite anbetrifft und die Dynamik und Effizienz der Modelle.

Der neue Polestar 5 markiert mit Preisen ab 119.900 Euro und einer Spitzenleistung von 650 Kilowatt die Spitze der Modellpalette – und steht zugleich für alles, was die Marke ausmacht in Sachen Design, Performance und Nachhaltigkeit. Fotos: Polestar
Neuaufstellung im Vertrieb
Auf der IAA Mobility präsentierte Polestar dazu sein neues Aushängeschild: den Polestar 5, ein vollelektrisches High-Performance-GT mit 884 PS, einer neu entwickelten 800-Volt-Plattform und einem Chassis aus recyceltem Aluminium. Das in 3,2 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt, bis zu 250 km/h schnell ist und mit einer Ladung seines 112 kWh großen Akkus bis zu 565 Kilometer weit kommt. Ein viertüriger Gran Turismo , das leistungsmäßig und auch mit einem Einstiegspreis von 119.900 Euro und einem Spitzenpreis von 142.900 Euro mit dem Porsche Taycan konkurriert – und eine ordentliche Rendite verspricht. „Das ist im Grunde die Marke auf Rädern – einzigartiges skandinavisches Design, Performance und Nachhaltigkeit in einem“, sagt Lohscheller.

Michael Lohscheller ist ein Anhänger klassischer Vertriebsmodelle. Bei Polestar setzt er inzwischen auf 169 Autohändler.
Seit seinem Amtsantritt hat Lohscheller Polestar auch organisatorisch neu ausgerichtet. „Der wichtigste Punkt war der Vertrieb. Direktvertrieb online mag funktionieren, aber nicht für die breite Masse. Menschen wollen Service erleben und brauchen Vertrauen.“ Heute setze Polestar auf Volvo-Händler als Partner. „Wir haben inzwischen 169 Händler weltweit, in Deutschland sieben Partner an neun Standorten – das wollen wir verdoppeln.“
Deutschland-Offensive mit BVB und Schweighöfer
Bekanntheit bleibt ein Knackpunkt für die junge Marke, die 2017 aus der Tuningabteilung von Volvo hervorging. Deshalb geht Polestar in die Offensive: mit einer Partnerschaft mit dem deutschen Fußballclub Borussia Dortmund und dem Schauspieler Matthias Schweighöfer. „Deutschland ist ein perfekter Markt für uns“, so Lohscheller. „Und wir wollen zeigen, dass ein Polestar 5 besser sein kann als manches, was die deutschen Hersteller auf die Straße bringen.“

Um die Markenbekanntschaft von Polestar zu steigern, hat der Autohersteller eine Partnerschaft mit Borussia Dortmund geschlossen. 60 Elektroautos stellen die Schweden zur Verfügung, unter anderem für Jobe Bellingham, Daniel Svensson und Pascal Groß (v.r.)
Und das Modellportfolio, das sich lange nur auf den Polestar 2 stützte und kürzlich um den Polestar 3 (Sport-SUV) und Polestar 4 (Crossover-Coupé) ergänzt wurde, soll in den kommenden Jahren noch weiter wachsen. Während der Polestar 5 laut Lohscheller den sportlichen, aber auch preislichen Höhepunkt darstellt, soll der Kompakt-SUV Polestar 7 ab 2028 auch ein Publikum mit kleinerem Budget ansprechen. Insbesondere auf dem europäischen Markt.
„77 Prozent unserer Verkäufe liegen in Europa. Deshalb war die Entscheidung klar: Wir brauchen ein Auto, das hier gebaut wird“, erklärt Lohscheller. Die Fertigung soll in einem Volvo-Werk in der Slowakei erfolgen. Gedulden muss sich hingegen noch die Fans des Elektro-Roadster Polestar 6. Das Modell bleibe in der Planung, werde aber in der Zeitlinie weiter nach hinten geschoben. Lohscheller: „Volumenmodelle haben jetzt erst einmal Vorrang – wir können nicht nur Nischen bedienen“.
Design-Evolution unter neuer Führung
Nach dem Abgang von Max Missoni liegt die kreative Verantwortung für die Gestaltung der neuen Produkte seit kurzem bei dem ehemaligen Audi-Designer Philipp Römers. „Wir haben mit Philipp einen Weltklasse-Designer nach Göteborg gebracht“, freut sich Lohscheller. Die Designphilosophie bleibe skandinavisch-puristisch, werde aber selbstbewusster weiterentwickelt: „Manchmal waren wir doch etwas zu minimalistisch. Ein bisschen mehr Mut tut uns gut.“

Der stylishe Elektro-Roadster war ursprünglich für 2026 angekündigt, wird sich nun aber deutlich verspäten. Volumenmodelle wie der Kompakt-SUV Polestar 7 haben laut Firmenchef Lohscheller jetzt erst einmal Vorrang
Polestar will künftig auch noch stärker seine Wurzeln als Performance-Marke betonen. „Ein Polestar 3 fährt 200 km/h durch die Kurve, ohne dass sich etwas bewegt – das ist Motorsport-DNA“, so Lohscheller. Gleichzeitig bleibe Nachhaltigkeit fest verankert: Seit 2020 habe Polestar den CO₂-Ausstoß pro Fahrzeug um 25 Prozent reduziert. „Unser Ziel bleibt ein Auto, das irgendwann völlig emissionsfrei produziert wird.“
Klare Worte zum Elektro-Markt
Vor dem Hintergrund gebe es keine Alternative zu einem batterieelektrischen Antrieb – und werde Polestar auch nicht Rufen von nachgeben, einen Hybridantrieb zu entwickeln oder eines der Elektroautos mit einem Verbrennungsmotor als Range Extender anzubieten. „Sie werden von Polestar keine Hybridantriebe sehen, wir machen Battery only“. Für die Markenpositionierung sei diese Klarheit ungeheuer wichtig.
Dass der Absatz von Elektroautos in Europa und speziell in Deutschland zuletzt ins Stocken geraten ist, beunruhigt Lohscheller nicht. „Die Märkte wachsen – nur nicht so schnell, wie manche gehofft haben. Das Schlimmste aber ist die Verunsicherung. Kunden brauchen Klarheit.“ Auch die Ladeinfrastruktur sieht er besser, als sie von der Politik und manchen Autoherstellern gerne dargestellt werde: „Wir haben bei Polestar Zugang zu einer Million Ladepunkten. Wie viel wollen wir denn noch – fünf, zehn oder gar 100 Millionen?“ Irgendwann müsse man die Kirche mal im Dorf lassen.
Zumindest hat es einer verstanden, wohin die Reise geht!