Der Ort hätte kaum symbolträchtiger gewählt sein können. Nicht im Silicon Valley, nicht auf einer glitzernden Tech-Messe in Shanghai, sondern im Mercedes-Benz-Museum in Untertürkheim zog CEO Ola Källenius das Tuch von der neuen S-Klasse. Umringt von Legenden der Automobilgeschichte wirkt das Facelift (pardon, die „neue Generation“) fast wie ein weiteres Exponat einer glanzvollen Ära, die wir eigentlich hinter uns lassen wollen. Denn während die Welt über KI-Revolutionen und die Verkehrswende diskutiert, liefert Stuttgart das, was sie am besten können: Pomp, Gloria und einen V8-Motor.
Der Stern weist den Weg – bis zur Motorhaube
Das absolute Highlight – zumindest wenn man der Dramaturgie glauben darf – ist Licht. Viel Licht. Der Kühlergrill strahlt, und ja, der Mercedes-Stern auf der Motorhaube ist jetzt beleuchtet.

Auf der Motorhaube der neuen S-Klasse thront in traditioneller Manier ein dreidimensionaler Chromstern. Erstmals kann er nun – gegen Aufpreis, versteht sich – illuminiert werden. Allerdings nicht in Deutschland – weil nicht erlaubt. Fotos: Mercedes-Benz
Eigentlich ist das fast zu bescheiden. Dieser Stern sollte nicht schnöde auf dem Blech glühen. Er müsste eigentlich am Firmament stehen, hoch über Stuttgart, um den drei Weisen aus dem Morgenland (oder den Investoren aus China und den USA) den Weg zu weisen. Er müsste als Leuchtfeuer der deutschen Ingenieurskunst die dunklen Wolken der Absatzkrise durchbrechen. Stattdessen beleuchtet er nun vor allem eines: den Rückspiegel. Denn genau dort scheint Mercedes die Zukunft zu suchen.
Autonomes Fahren: Kommando zurück
Erinnern wir uns kurz: Mercedes war stolz wie Bolle auf den „Drive Pilot“, das Level-3-System, das dem Fahrer erlaubte, die Verantwortung abzugeben. Zeitung lesen bei Tempo 60 im Stau? War machbar.
In der neuen S-Klasse? Gestrichen.

Die neue S-Klasse ist in zwei Radständen, in 150 Außenlackierungen und 400 Interieurfarben lieferbar. Mit Elektroantrieb aber nicht.
Die Ingenieure haben den Drive Pilot rausgeworfen. Die Begründung ist so pragmatisch wie ernüchternd: Der Nutzen war zu gering, die Technik (inklusive LiDAR) zu teuer, und kaum ein Kunde wollte den Aufpreis von knapp 6000 Euro zahlen. Stattdessen gibt es jetzt „Level 2++“. Das klingt nach einem Upgrade, ist aber faktisch ein Downgrade der Ambition. Man darf die Hände vom Lenkrad nehmen („Hands-Free“), muss aber die Augen permanent auf der Straße lassen – sonst gibt es eine Notbremsung.
Källenius sagt, das funktioniere „perfekt“. Das mag sein. Aber für das einstige Technologie-Aushängeschild der Welt ist „funktioniert gut, ist aber weniger als vorher“ eine seltsame Botschaft.
Business Class statt Elektro-Revolution
Und der Antrieb? Wer auf eine vollelektrische S-Klasse gehofft hat, wird enttäuscht (oder zum mäßig erfolgreichen EQS verwiesen ). Die neue S-Klasse setzt auf Verbrenner-Optimierung. Der V8 im S 580 leistet nun 537 PS , und die Plug-in-Hybride schaffen immerhin 100 Kilometer elektrisch. Das ist solide, das ist vernünftig, das ist aber nicht der große Wurf.

Fürstlich reisen lässt es sich im „First Class“-Fond der 5,30 Meter Langversion. Gegen Aufpreis gibt es elektrisch verstellbare Liegesitze mit Heiz-, Kühl- und Massagefunktion, einen temperierten Getränkehalter und eine Mittelkonsole mit Business-Funktion.
Dafür wird im Innenraum geklotzt, nicht gekleckert. Wer braucht schon Disruption, wenn er über einen temperierten Getränkehalter sowie einen beheizbaren Sicherheitsgurt verfügt und einen Sitz hat, der sich wie im Flugzeug zur Liegewiese falten lässt? 39 Lautsprecher massieren bei Bedarf das Trommelfell, während die Sitze den Rücken kraulen. Das ist absolute Weltklasse. Mercedes baut hier keine Autos mehr, sondern mobile Wellness-Oasen zur Realitätsflucht.
Fazit: Selbstbewusstsein als Strategie
Rund 2.700 Teile wurden erneuert, praktisch das halbe Auto wurde ausgetauscht. Das Betriebssystem MB.OS soll Software-Updates over-the-air ermöglichen und KI-Funktionen integrieren. Das ist technisch durchaus state-of-the-art.
Doch der Gesamteindruck bleibt zwiespältig. Stefan Reindl, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen an der Steige, fragt in der Automobilwoche zu Recht, ob dieser Schritt in die Zukunft groß genug ist. Mercedes setzt voll auf „beruhigendes Selbstvertrauen“ und ignoriert das Maulen über Zölle oder China-Krisen.
Das kann man mutig nennen. Oder stur. Die neue S-Klasse ist zweifellos ein fantastisches Auto für das Hier und Jetzt. Aber ob ein beleuchteter Stern auf der Haube ausreicht, um in einer Welt voller Teslas, BYDs und KI-Startups die Technologieführerschaft zu behaupten? Das steht – Achtung, Wortwitz – noch in den Sternen.
Die neue S-Klasse im Schnellcheck
Antrieb & Leistung
- Top-Motorisierung: Der neue Achtzylinder im S 580 (Langversion) leistet statt 503 nun 537 PS bei einem maximalen Drehmoment von 750 Nm. Die Dieselversionen erhalten einen elektrisch beheizten Katalysator für eine verbesserte Abgasreinigung.
- Elektrisch: Zwei Plug-In-Hybride bieten rund 100 Kilometer rein elektrische Reichweite.
- Fahrwerk: Die Luftfederung wurde verbessert und meldet Bodenwellen nun an nachfolgende Fahrzeuge. Serienmäßig ist eine Hinterachslenkung (4,5 Grad), optional sind bis zu 10 Grad möglich.
Digitales & Intelligenz
- Gehirn: Erstmals kommt das neue Betriebssystem MB.OS zum Einsatz, inklusive neuem Zentralrechner für OTA-Updates.
- KI: Die vierte Generation MBUX integriert ChatGPT, Microsoft Bing und Google Gemini.
- Autonomes Fahren: Der Level-3 „Drive Pilot“ wurde gestrichen. Stattdessen gibt es ein Level 2++ System für freihändiges Fahren in der Stadt (unter Aufsicht des Fahrers), das in China sofort startet.
Luxus & Design
- Optik: Neue Lichtsignatur mit Stern-Leuchten und – erstmals – ein beleuchteter Mercedes-Stern auf der Haube sowie ein beleuchteter Grill.
- Innenraum: „Business Class“-Fond mit Liegefunktion, temperierten Getränkehaltern und 33-Zoll-Displays für Videokonferenzen.
- Sound: Ein 3D-Audiosystem mit bis zu 39 Lautsprechern und vibrierenden Sitzen.
Marktstart & Preis
- Bestellbar: Ab Ende Januar 2026.
- Preis: Los geht es bei 121.356,20 Euro für den S 350 d 4MATIC – ein Aufschlag von rund 7.000 Euro zum Vorgänger.