Der deutsche und europäische Reifenmarkt gilt in der Branche traditionell als anspruchsvoll – geprägt von hohen Geschwindigkeiten und einem spezifischen Ingenieursanspruch. Für den chineisschen Reifenhersteller Sailun ist dies jedoch kein Hindernis, sondern eine Herausforderung, der man sich im Hauptquartier mit einer klaren Strategie stellt: „Globales Wachstum, lokales Engagement“.

Lange Zeit war Sailun vor allem für ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis bekannt. Auf die Frage nach der zukünftigen Strategie in Europa deutet CEO Jane Liu auf der Reifenmesse Tire Cologne einen Wandel an. Das Ziel sei es nicht, die bisherige Position aufzugeben, sondern diese durch kontinuierliche Qualitätsverbesserungen und klügere Performance-Reifen auf ein neues Niveau zu heben.

Daumen hoch
Sailun-CEO Jane Liu zusammen mit Stephan Cimbal, dem Markeingchef von Sailun in Europa, vor dem vollelektrischen Xiaomi SU7, der in der Erstausrüstung mit Sailun-Reifen vom Band rollt. Foto: Rother
Daumen hoch
Sailun-CEO Jane Liu zusammen mit Stephan Cimbal, dem Markeingchef von Sailun in Europa, vor dem vollelektrischen Xiaomi SU7, der in der Erstausrüstung mit Sailun-Reifen vom Band rollt. Foto: Rother

Dass diese Qualität keine leere Behauptung bleibt, lässt sich das Unternehmen, das inzwischen zu den zehn größten Reifenherstellern weltweit zählt, durch unabhängige Institute bestätigen. Zertifizierungen – etwa vom TÜV – dienen hierbei nicht nur der Promotion, sondern als unverzichtbares Feedback-Instrument, um die eigenen Produkte stetig weiterzuentwickeln.

Innovation als emotionaler Faktor

Ein überraschendes Detail am Messestand waren Reifen mit farbigen Seitenwänden. Was zunächst nach einer reinen Marketing-Spielerei aussah, entpuppte sich als bewusste Strategie: Sailun reagiert damit auf die emotionalen Bedürfnisse einer neuen Generation von E-Auto-Fahrern, die ihr Fahrzeug stärker individualisieren möchten. Farbige Streifen auf der Flanke passend zur Lackierung des Autos: Dass dieser Trend nicht nur junge Leute anspricht, sondern auch bei älteren Generationen auf Resonanz stößt, zeigt, wie tiefgreifend das Unternehmen lokale Märkte analysiert.

Ägypten als Drehkreuz für die Welt

Hinsichtlich der Produktionskapazitäten setzt Sailun auf eine geografische Diversifizierung. Während der chinesische Markt aufgrund seiner Größe weiterhin durch lokale Fabriken bedient wird, baut das Unternehmen seine Kapazitäten in Südostasien (Kambodscha und Vietnam) aus. Besonders spannend: Die neue Fabrik in Ägypten, die kurz vor der Fertigstellung steht, wird als globales Drehkreuz fungieren, das den Rest der Welt – mit Ausnahme Chinas – beliefern soll. Trotz geopolitischer Spannungen in der Region sieht das Management den unweit des Suez-Kanals gelegenen Standort aufgrund der strategisch günstigen Lage zu Europa und Afrika als sicher und essenziell für die Logistik an.

Ambitioniert, aber stabil

Obwohl Sailun mit aktuell rund 103 Millionen produzierten Pkw-Reifen global zu den großen Playern zählt, vermeidet Liu konkrete Stückzahl-Prognosen für 2030. Man wolle schnell wachsen, aber gleichzeitig stabil bleiben. Auf den Wettbewerb mit Branchengrößen wie Michelin oder Continental angesprochen, zeigt sich Liu respektvoll: „Sie sind unsere Marktpartner, wir lernen von ihnen. Wir sind ambitioniert, aber wir wissen auch, wer wir sind.“

Sailun sendet ein klares Signal: Die Zeit, in der chinesische Reifenhersteller nur über den Preis kamen, ist vorbei. Mit Fokus auf spezialisierte Technologien für E-Fahrzeuge, lokaler Verankerung und einer durchdachten Produktionsstrategie macht sich der Hersteller bereit, in der ersten Liga der Reifenindustrie fest Fuß zu fassen.

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