Kia hat sich seit der Markteinführung auf dem deutschen Automarkt 1993 – lang, lang ist’s her – optisch radikal gewandelt. Vom konservativen Preisbrecher zur Design-Marke, deren Autos auf der Straße auffallen. Als Oliver Samson, heute Head of Design bei Kia Europe, im Frühjahr 2024 vor seinem Wechsel vom chinesischen Autobauer Changan erstmals wieder intensiv mit der Marke in Berührung kam, war er selbst überrascht: „Die Autos in der Tiefgarage der Kia-Zentrale sahen im Vergleich zu meinem Leihwagen aus Deutschland aus wie Raumschiffe“, erinnert er sich an seinen ersten Eindruck.

Der 47-Jährige leitet seit April 2024 das Designstudio von Kia Europe in Frankfurt. Geboren in Indonesien und ausgebildet an der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim hat Samson bereits eine bewegte Karriere in der Autoindustrie hinter sich. Er startete 2003 bei Hyundai, war anschließend zwölf Jahre unter anderem als Creative Director für Mercedes-Benz tätig, bevor er über Zwischenstationen bei den chinesischen Autobauern Nio und Changan zum koreanischen Autokonzern zurückkehrte. Fotos: Kia
Im Interview auf der Brussels Motor Show, gab Samson uns Einblicke in die Entstehung des neuen Elektro-SUV EV2 – und erklärte uns, woran man einen Kia in Zukunft sofort erkennen wird.
Die DNA der neuen Elektro-Flotte
Wer sich die aktuellen Kia-Modelle vom EV9 bis zum neuen EV2 ansehe, erkenne eine klare Handschrift. Zentrales Element sei das „Wrap-Around“-Glas, bei dem die Scheiben optisch ein durchgehendes Band bilden. Hinzu kommt die konsequente Entscheidung für eine vertikale Lichtsignatur. „Wir wollen immer unser charakteristisches Vertikal-Design bei Elektroautos beibehalten,“ so Samson. „Egal ob EV4, EV3 oder EV2. Und das ist ein sehr, sehr starkes Alleinstellungsmerkmal.“

Mit einer Länge von rund vier Metern und einer Höhe von 1,58 Metern zählt der neue Kia EV2 zu den Elektro-Kleinwagen auf dem deutschen Markt. Das Raumkonzept sorgt allerdings dafür, dass sich die Insassen wie in einem Kompaktwagen vorkommen.
Besonderes Augenmerk lag im Gespräch auf dem kommenden Einsteigermodell, dem EV2. Das Fahrzeug bricht bewusst mit Konventionen im Kleinwagen-Segment und setzt auf eine untypisch aufrechte Form für optimale Raumnutzung. Das Ergebnis beschreibt Samson so: „Man sitzt in dem Auto und hat das Gefühl, in einem Fahrzeug zu sitzen, das eine halbe Klasse größer ist.“
Die „Moonshot“-Kultur
Warum wirken Kias aktuelle Autos so futuristisch? Samson beschreibt eine Unternehmenskultur, die sich stark von anderen Herstellern unterscheidet. Während woanders progressive Entwürfe während der Freigabe-Prozesse oft abgeschwächt werden, fordere das Kia-Management Mut: „Sie wollen zuerst einen Moonshot sehen und sagen: Wenn du zu weit gehst, holen wir dich zurück. Aber bitte gebt uns erst etwas Progressives.“

Ein neues Auto ist mit dem Stift schnell aufs Papier geworfen. Dabei gilt es allerdings, den für die Marke charakteristischen Linien treu zu bleiben. Da fängt es dann an, für den Designer schwer zu werden – ganz unabhängig von der Antriebstechnik. Fotos: Kia
Ein weit verbreitetes Klischee räumt der Designchef allerdings energisch ab: Dass den Designern bei Elektroautos durch den Wegfall des Verbrennungsmotors völlige Freiheit geschenkt werde. „Das ist ein Klischee“, sagte Samson. Denn auch Elektroautos seien vollgepackt mit Technik. „Das Fehlen eines Kühlergrills macht die Sache nicht einfacher. Es ist einfach ein Loch weniger in der Fahrzeugfront,“ so Samson. Er verweist dabei auch auf die vielen technischen Anforderungen, die sich durch den Fußgängerschutz und die Optimierung der Aerodynamik ergeben. Samson: „Ich habe bereits eine Reihe Elektroautos und auch Verbrenner entworfen – die Herausforderungen waren immer die gleichen.“
Innenraum: Bitte nicht für alles ein Untermenü
Auch beim Interieur verfolge Kia einen pragmatischen Weg und behält physische Tasten nach Möglichkeit bei. Samson plädiert für eine gesunde Balance und kritisiert den Trend zur reinen Touch-Bedienung bei alltäglichen Funktionen: „Ich finde es zum Beispiel nicht sehr intuitiv, dass man ins Untermenü des Bordcomputers gehen muss, um das Handschuhfach zu öffnen. Das ergibt wenig Sinn.“ Für ihn gehe es darum, die Dinge nicht unnötig zu komplizieren, „anstatt alles zwanghaft zu digitalisieren, nur weil es möglich ist.“