Michael Fleiss, Chefstratege bei Volvo Cars, hält sich nicht mit Bescheidenheit auf, wenn er über das neueste Modell der Marke spricht. „Das Auto ist wie ein Gamechanger“, sagt er über den neuen Volvo EX60. Ein Blick in das technische Datenblatt des für 2026 angekündigten Modells untermauert diesen Anspruch eindrucksvoll. Volvo plant das SUV in drei Leistungsstufen, die den Premium-Anspruch der Marke neu definieren.
Angriff mit 680 PS und 800 Volt
Das Topmodell (P12 AWD) markiert die absolute Spitze: Mit 500 Kilowatt (680 PS) Systemleistung und gewaltigen 790 Newtonmetern Drehmoment sprintet das SUV in nur 3,9 Sekunden auf Tempo 100. Ein riesiger 117-kWh-Akku ermöglicht dabei Reichweiten von bis zu 810 Kilometern nach WLTP-Norm.
Doch auch der Einstieg ist potent: Der heckgetriebene P6 startet mit 275 kW (374 PS) und einer 83-kWh-Batterie, was bereits für 620 Kilometer Reichweite genügt. Die goldene Mitte bildet der P10 AWD mit 375 kW (510 PS). Allen Modellen gemein ist die neue 800-Volt-Architektur. Sie erlaubt Ladeleistungen von bis zu 370 kW. An einer entsprechenden Schnellladesäule lässt sich der Akku in rund 18 Minuten füllen, in nur zehn Minuten kann Strom für 340 Kilometer nachgeladen werden.

Der Deutsche ist im September 2025 als Chief Strategy und Product Officer zu Volvo Cars zurückgekehrt. Für den Autobauer war der Maschinenbauingenieur bereits zwischen 2012 und 2021 tätig, zuletzt als Leiter der Antriebsentwicklung. Zwischen 2021 und 2025 leitete er Aurobay, das Joint Venture von Volvo, Geely und Renault, das inzwischen Teil von Horse Powertrain ist. Fotos: Thorsten Weigl
Besonders interessant für den Markt: Volvo will die Preisparität erreicht haben. Der rein elektrische EX60 soll „genauso teuer wie ein Plug-in Hybrid“ sein, betont Fleiss, und wurde nicht im Hinblick auf staatliche Förderungen kalkuliert.
Die Lehren aus dem „Software-Hell“
Der Weg hierhin war steinig. Fleiss gibt offen zu, dass die Entwicklung des großen Bruders EX90 „eine Geburt nicht ohne Probleme“ war. Software-Schwierigkeiten verzögerten die Roadmap um zwei Jahre. Doch dieses Tal der Tränen sei durchschritten: „Die Probleme haben wir jetzt alle gelöst“, versichert Fleiss.
| Volvo EX 60 | P6 Electric (RWD) | P10 AWD Electric | P12 AWD Electric |
| Antrieb | Heckantrieb (1 E-Motor) | Allrad (2 E-Motoren) | Allrad (2 E-Motoren) |
| Leistung | 275 kW (374 PS) | 375 kW (510 PS) | 500 kW (680 PS) |
| Drehmoment | 480 Nm | 710 Nm | 790 Nm |
| Beschleunigung (0-100 km/h) | 5,9 s | 4,6 s | 3,9 s |
| Höchstgeschwindigkeit | 180 km/h | 180 km/h | 180 km/h |
| Batteriekapazität (Brutto) | 83 kWh | 95 kWh | 117 kWh |
| Reichweite (WLTP kombiniert) | 620 km | 660 km | bis zu 810 km |
| Max. Ladeleistung (DC) | 320 kW | 370 kW | 370 kW |
| Ladedauer (DC 10-80%) | ca. 18-26 Min. | ca. 18 Min. | ca. 19 Min. |
| Anhängelast | 2.000 kg | 2.400 kg | 2.400 kg |
Der Volvo EX60 wird in drei Antriebsversionen angeboten, gestartet wird ab Sommer mit dem P6 und P10. Der P12 folgt zum Jahresende
Der EX60 profitiert nun als erstes Volumenmodell vollumfänglich von der neuen Architektur als „Software-defined Vehicle“. Die Elektronik wurde radikal zentralisiert: Ein „Core Computer“ steuert Infotainment und Assistenzsysteme, während zwei Zonen-Computer mechatronische Aufgaben übernehmen. Während Konkurrenten wie Ford oder Volkswagen laut Fleiss an dieser Umstellung noch arbeiten oder gescheitert sind, sagt er selbstbewusst: „Wir haben es“.
Das Raum-Paradoxon: Außen 60er, innen 90er
Der EX60 basiert auf der neuen Plattform SPA3, die als reine „Batterie-technische Plattform“ konzipiert ist. Da Komponenten wie das Klimaaggregat in den ehemaligen Motorraum wandern, bietet der EX60 bei ähnlichen Außenmaßen wie der aktuelle XC60 einen Innenraum, der eher dem größeren 90er-Segment entspricht.

Das zentrale Infodisplay über die Mittelkonsole haben die Designer zur besseren Bedienbarkeit um 90 Grad gedreht, stellt der Autor bei der ersten Sitzprobe im neuen Volvo EX60 fest. Platz bietet der Elektro-Crossover reichlich – und noch ein paar Überraschungen mehr.
Die Maße bestätigen dies: Bei einer Länge von 4,80 Metern und einer Breite von knapp 1,90 Metern bietet der Wagen viel Platz. Der Kofferraum fasst 634 Liter, bei umgeklappter Rückbank sogar bis zu 1647 Liter. Zusätzlicher Stauraum findet sich im „Frunk“ unter der Fronthaube (58 bis 85 Liter). Auch als Zugfahrzeug taugt der Stromer: Bis zu 2400 Kilogramm Anhängelast sind beim Allradmodell möglich.
Das Comeback des Volvo-Kombis
Vielleicht noch spannender als das SUV selbst ist die strategische Kehrtwende, die Fleiss im Gespräch mit EDISON andeutet: Die Rückkehr des traditionellen Volvo-Kombis – künftig aber mit elektrischem Antrieb. Lange Zeit galt dieses Segment intern als Nische, doch „wir brauchen den Wagen“, stellt Fleiss klar.
Der Impuls kommt überraschenderweise auch aus China, wo der Kombi zunehmend als „sportliches Luxusfahrzeug“ entdeckt wird. Technisch sei die Hürde nun niedrig: „Ein Top-Hat zu machen ist nicht so zeitaufwendig“, erklärt Fleiss. Aus der bestehenden Basis einen Kombi zu entwickeln, koste vergleichsweise wenig Zeit und Geld. Fans der klassischen schwedischen Silhouette dürfen also hoffen: Die Ära der Volvo-Kombis ist noch nicht vorbei – sie wird nur gerade erst elektrifiziert.