Am „Carfriday“ ist rund um den Nürburgring in der Eifel die Hölle los. Schon auf den Zufahrtsstraßen kommt es zu langen Staus, auf dem Ring-Boulevard herrscht Verkehrschaos. Für gläubige Christen ist der Karfreitag ein stiller Feiertag, der sie an das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz erinnert. Auch für die europäische Autotuner-Szene ist es ein Feiertag – zum inoffiziellen Start in die Saison. Und den begehen sie gerne laut. Sie lassen die Motoren aufheulen und die Auspuffanlagen knallen was das Zeug hält und der Gesetzgeber so gerade noch zulässt. Die Benzinpreise bewegen sich gerade auf Rekordniveau? Ist an dem Tag dem Publikum völlig egal.

Uns im Alpine A390 allerdings auch, denn unser Auto fährt elektrisch. Mit seiner Antriebsleistung von 400 PS stellt es dabei so manchen getunten BMW und auch einen Toyota GR Yaris Aero Performance in den Schatten. Und mit einer Beschleunigung in 4,8 Sekunden auf Tempo 100 kann der fünftürige Fastback zumindest mit dem Basismodell eines Porsche 911 Carrera mithalten. Allerdings demonstriert der Franzose seine Stärken lautlos.

Aufgalopp
Auf dem Ringboulevard macht der fünftürige Fastback von Alpine eine gute Figur, auf der Nordschleife scheiden sich die Geister.

Das eine oder andere Handy wird durchaus gezückt, als wir im Schritttempo durch die Straßen von Nürburg rollen. Aber das ist wohl eher der knalligen Lackierung des Sportwagens in „Bleu Vision“ geschuldet, die dieser mit den Klassikern der Marke und dem (noch konventionell angetriebenen) Alpine A110 der Neuzeit teilt. Und der Tatsache, dass der Alpine A390 gerade erst auf den Markt gekommen und von den meisten Menschen noch nie auf der Straße gesehen wurde. Doch die Neugierde legt sich zumindest rund um den Nürburgring schnell.

Chancenlos in der „Grünen Hölle“

Auf dem Parkplatz vor der Zufahrt zur Nordschleife werden wir von den Motorsportfans eher geduldet als akzeptiert. Lediglich der Fahrer eines Tesla Model 3 Performance streckt uns den Daumen raus. Der Rest wendet sich schnell wieder ab und beugt sich über den heißen Motor seines Zweier-BMW oder VW Polo GTI, der kurz zuvor noch im Renntempo über die Nordschleife gehetzt worden war. Ein elektrischer Alpine wird in Tuner-Kreisen nicht als Konkurrenz wahrgenommen.

Fast wie Caracciola 
Mit ordentlich Schwung und festem Griff geht der Alpine in die nach dem Rennfahrer benannte Steilkurve. Wir nehmen sie innen.
Fast wie Caracciola
Mit ordentlich Schwung und festem Griff geht der Alpine in die nach dem Rennfahrer benannte Steilkurve. Wir nehmen sie innen.

Zu Recht oder zu Unrecht? Da hilft wohl nur die Probe aufs Exempel – und eine Runde auf dem Ring. Eine Spitzenleistung von 295 kW und ein maximales Drehmoment von 661 Newtonmeter sind in jedem Auto-Quartett immerhin starke Werte. Aber bei einem Leergewicht von über 2,1 Tonnen haben die drei Elektromotoren des Alpine A390 auch einiges zu schultern und wegzutragen. Das haben wir schon auf den kurvenreichen Landstraßen der Eifel gemerkt. Wie macht sich das erst auf der knapp 21 Kilometer langen Nordschleife bemerkbar, über 300 Höhenmeter und in den legendären 73 Kurven der „Grünen Hölle“?

Start mit Launch Control

Kurz zögern wir mit Blick auf den regen Verkehr und den hohen Eintrittspreis von 35 Euro pro Runde. Doch dann geben wir uns einen Ruck, lösen das Ticket und reihen uns auf der Döttinger Höhe in die Wagenschlage vor dem Schlagbaum hinterm „Devils Diner“ ein. Vor uns ein paar Porsche und BMWs, hinter uns eine Corvette. Das kann heiter werden. Also schnell vom „Normal“ in den Sport-Modus gewechselt und das Ticket vorgehalten. Nun gilt es, nun kann der Alpine zeigen, was in ihm steckt. Mit dem linken Fuß die Bremse getreten, mit dem rechten das Fahrpedal aufs Bodenblech gedrückt – und der rechte Daumen auf der roten OV („Overtake“)-Taste am Lenkrad – es kann losgehen: Der Alpine A390 ist startklar.

Ein wenig Formel-1-Feeling 
Ein ähnliches Lenkrad wie im Renault Megane E-Tech findet sich auch im Alpine A390. Den Unterschied machen die rote OV -Taste  und der blaue RCH-Drehschalter aus. Die rote Taste sorgt für zusätzlichen Schub, der blaue Alu-Drehknopf regelt die Rekuperation.
Ein wenig Formel-1-Feeling
Ein ähnliches Lenkrad wie im Renault Megane E-Tech findet sich auch im Alpine A390. Den Unterschied machen die rote OV -Taste und der blaue RCH-Drehschalter aus. Die rote Taste sorgt für zusätzlichen Schub, der blaue Alu-Drehknopf regelt die Rekuperation.

Als sich die Schranke hebt, schießen wir mit einem gewaltigen Satz nach vorne, die Fahrzeuge hinter uns werden schnell kleiner. Tiergarten und Hohenrain sind schnell abhakt, von früheren Sportfahrer-Lehrgängen wissen wir, wie die Schikane zu nehmen ist. Im Streckenabschnitt Hatzenbach ist es mit der Leichtfüßigkeit aber erst einmal vorbei – der Alpine drängt in der Kurvenkombination nach außen. Also runter vom Fahrpedal. Da taucht auch die Corvette schon wieder im Rückspiegel auf, zusammen mit einer Horde aus Porsche-Modellen der hochgezüchteten Art.

Gewicht und hoher Aufbau als Handicap

Pierre Gasley, der für Alpine in der Formel 1 startet, würde jetzt in den Kampfmodus gehen und seine Position zu verteidigen suchen. Wir setzen hingegen den Blinker rechts und geben die Piste für den Überholverkehr frei. Und so geht es uns immer wieder auf der Strecke: Auf der Geraden macht der Fastback mächtig Dampf (oder Strom), in den Kurvenpassagen kommt er schnell an seine Grenzen. Wegen seines hohen Gewichts und eines relativ hohen Aufbaus: Der Scheitelpunkt des A390 liegt in 1525 Millimeter Höhe, die Bodenfreiheit beträgt üppige 152 Millimeter. Ein Porsche 911 GT3 liegt 300 Millimeter tiefer und kauert auch nur 110 Millimeter über dem Asphalt. Vor allem: Er wiegt fast 700 Kilogramm weniger als der Franzose.

Stromer willkommen
Die Ladestation von Total Energy am Ring-Boulevard gibt Gleichstrom mit bis zu 300 kW her – der Alpine begnügt sich mit 150 kW.

Im direkten Duell sind wir da chancenlos, auch ganz abgesehen vom Trainingsstand. Da helfen auch nicht der fein abgestimmte Allradantrieb, die direkte Lenkung und das patentierte Active Torque Vectoring-System an der Hinterachse, das die Antriebskräfte über die beiden Elektromotoren in Kurvenabschnitten blitzschnell und unabhängig voneinander auf die Räder verteilt. Es verstärkt die Kontrolle und erhöht die Sicherheit, bringt im Kampf mit hochgezüchteten Sportwagen konventioneller Bauart aber nicht den entscheidenden Vorteil.

Ein wenig vielleicht beim Beschleunigen aus dem Bergwerk und dem Klostertal, aber weder im Brünnchen noch im Pflanzgarten – wir werden von den meisten anderen ambitionierten „Touristenfahrern“ aus Deutschland, Schweden und Großbritannien gnadenlos abgestraft und durchgereicht. Zumal unser Stromer zum Schutz des Akkus schon bei 200 km/h abgeregelt wird.

Stromverbrauch erfreulich niedrig

Die einzige positive Überraschung liefert der Blick auf den vielsagenden Bordcomputer, als wir nach gut zehn Minuten die Piste verschwitzt und mit 300 Grad heißen Bremsscheiben wieder verlassen: Trotz forcierter Fahrt hat sich der Energieverbrauch in Grenzen gehalten. Beim Start war der Akku zu 86 Prozent gefüllt – am Ende der wilden Hatz‘ mit einem Durchschnittsverbrauch von 33,4 kWh/100 km noch zu etwas mehr als 50 Prozent. Die Fahrt zur Schnellladesäule am Ring-Boulevard hätten wir uns da eigentlich sparen können. Wir gingen aber einmal mal mehr auf Nummer Sicher – und packten für alle Eventualitäten auf der Heimfahrt noch rasch ein paar Elektronen in den Akku.

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Alpine A390 GT

Antrieb: Drei Elektromotoren mit einer Systemleistung von 295 kW oder 400 PS;
Fahrleistungen: 0-100 km/h in 4,8 Sekunden, 0-1000 Meter in 24,1 Sekunden. Topspeed: 200 km/h
Batterie: Lithium-Ionen-Akku (NMC) mit 89 kWh Kapazität;
Verbrauch: 20,4 kWh/100 km nach WLTP-Norm; 25,7 kWh/100 km im Test;
Reichweite: 497 km nach WLTP-Norm im Drittelmix mit 21“-Rädern, bis zu 410 km im Test;
Maximale Ladeleistung DC: 150 kW, 11 kW AC (22 kW gegen Aufpreis);
Preis: Ab 67.500 Euro; Testwagen: 74.000 Euro;

Die kurze Ladepause gab auch Gelegenheit, ein Fazit des Ausflugs zu ziehen: Ja, der Alpine A390 ist ein feines sportives Reisefahrzeug mit ausreichend Kraft, um auf Landstraßen durch Druck auf die Overtake-Taste für Erstaunen und extrem kurze Überholvorgänge zu sorgen. Aber beim kommenden 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring wäre er chancenlos – solange dort ähnlich PS-starke Benziner zugelassen sind. Auch der kommende, 345 kW oder 470 PS starke und bis zu 220 km/h schnelle Alpine A390 GTS dürfte daran nichts ändern.

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