Elektroautos und Nobelhersteller – dieses Thema schlägt derzeit hohe Wellen. Der Ferrari Luce wurde zum medialen Flop und dominierte tagelang die Social-Media-Posts. Kaum besser erging es der Elektro-Studie des Jaguar Type 00. Das sorgt für viel Druck auf Bentley und seinen neuen Mittelklasse-Crossover – den ersten mit reinem Elektroantrieb.
Keine Überraschung ist vor dem Hintergrund, dass die Designer eine konventionelle Formensprache gewählt haben, um ihre Kunden bei der Stange zu halten. Der Bentley Torcal ist mehr Rolls-Royce Cullinan als Ferrari Luce. Der fünf Meter lange Crossover steht massiv da und hat alle Insignien eines rollenden Statussymbols des britischen Autobauers: lange Motorhaube, betont ausgeprägte Schulterlinie und ein breites Heck mit einer Lichtergrafik mit kristallinen Elementen. Die Front ist vor allem bei Dunkelheit eine Schau, da sich im Kühlergrill eine Ansammlung von beleuchteten Diamantkristallen befindet, die über der Straße zu schweben scheinen.

Der aktuelle, maximal teilelektrifizierte Luxus-SUV aus Crewe ist mit einer Länge von 5,12 Meter schon ein mächtiges Fahrzeug, das zwischen 2,4 und 2,8 Tonnen auf die Waage hievt. Der Torcal dürfte ihn in jeder Beziehung nochmals übertreffen. Auch beim Preis.
„Seit 107 Jahren sind Bentleys außergewöhnliche Automobile – mit souveränen Fahrleistungen, herausragendem Komfort, exquisiter britischer Handwerkskunst unter Verwendung ausgewählter Materialien und einem emotionalen Sound. Unser neues Fahrzeug setzt in allen relevanten Bereichen Maßstäbe und könnte das wohl durchdachteste Auto in unserer Geschichte sein“, sagt Bentley-Chef Frank-Steffen Walliser.
Gleiche Plattform wie im Porsche Cayenne Electric
Die Abmessungen des Torcal sind zwar eindrucksvoll, aber nicht übermäßig mächtig, wie es bei einem 5,50 Meter Schiff der Fall wäre. Das erklärt sich aus der Technik-Verwandtschaft des Bentleys zum Porsche Cayenne Electric. Beide nutzen die Plattform PPE 41 C (Premium Platform Electric).
Das merkt man auch am Innenraum. Trotz des mächtigen Äußeren thront man im Torcal nicht wie auf einem Kutschbock, sondern sitzt tiefer und fühlt sich so mit dem Fahrzeug verbunden und auch im Fond sitzt es sich bequem. Beim Infotainment fällt die konzeptionelle Ähnlichkeit erneut ins Auge. Statt eines rotierenden Zentralbildschirms blickt man auf einen großen Touchscreen, der am unteren Ende schwungvoll gebogen in die Mittelkonsole übergeht.

So viel steht immerhin schon fest: Auch am Heck des Torcal prangt das geflügelte Bentley-Logo, das an die Flugzeugmotoren erinnern soll, die Firmengründer Walter Owen Bentley zu Beginn des 20. Jahrhunderts konstruierte. Foto: Bentley
Wir finden, dass das Bentley Rotating Display aus dem Continental GT und Flying Spur auch dem Torcal-Interieur eine besondere Note gegeben hätte. Doch das Geschäftsmodell und die daraus resultierenden Skalierungseffekte machen diesem Ansinnen einen Strich durch die Rechnung. Das sieht man auch am gekrümmten Instrumenten-Monitor.
Doch eines haben sich die Briten nicht nehmen lassen: die Verwendung feiner Materialien. Ein Hartplastik-Ambiente würden sich die Fans der Edelmarke beim kleinen Bruder des Bentayga nicht gefallen lassen. Also sitzt man im Torcal auf feinem Leder, tastet nach hochwertigen Holzapplikationen, klickenden Tasten und unterschäumten Flächen. Wer will, kann statt Leder auch Merino-Wolle oder statt Holz gebürstetes Aluminium wählen.
Knapp 500 Kilometer Reichweite
Aus der Leistung und der Technik macht die Truppe aus Crewe noch ein großes Geheimnis. Die Architektur-Bruderschaft mit dem Cayenne Electric und die Tatsache, dass der Torcal eine Reichweite von 300 Meilen, also über 480 Kilometern, hat, lassen jedoch einige Rückschlüsse zu. Da sich weder die Batterietechnik noch die Zellchemie radikal verändert haben, gehen wir davon aus, dass im Bentley die gleichen Akkus verbaut sind wie im Cayenne. Das bedeutet eine Kapazität von 113 Kilowattstunden, Pouch-Zellen und 800-Volt-Technik. Auch der 22-kW-Onboard-Lader sollte beim Briten von Beginn an Bord sein.

Mit dem Porsche Cayenne teilt der vollelektrische Bentley Torcal die Plattform und sicher auch die Geländegängigkeit. Foto: Porsche
Das Fahrwerk dürfte wie beim Cayenne eine Kombination aus adaptiver Zweikammer-Luftfederung, verstellbaren Dämpfern und einer Hinterachslenkung sein. Interessant ist, wie die Bentley-Ingenieure das Gewicht des Torcal aufgrund der Ausstattung und die Bentley-typischen Dynamik- sowie Komfortattribute umsetzen werden. Mit einer bloßen Anpassung der Software wird es nicht getan sein.
Und die Leistung? Auch da breiten die Manager aus Crewe noch das Tuch des Schweigens aus. Der Cayenne Turbo Electric markiert aktuell mit 850 kW / 1.156 PS die Spitze der Baureihe aus Zuffenhausen. Ganz so scharf dürfte der Brite vorerst nicht daherkommen.
Surreale Felsformationen lieferten den Namen
Bleibt zum Schluss noch der Name. Der ist doppeldeutig. „Wie schon der Bentayga, der Bacalar und der Batur zuvor hat auch der Torcal seinen Namen von einer bemerkenswerten Natursehenswürdigkeit. El Torcal de Antequera in Andalusien, Spanien, ist eine beeindruckende Kalksteinlandschaft aus übereinanderliegenden Felsformationen, Klippen und Labyrinthen, die von der Natur über Millionen von Jahren geformt wurde und sich bis heute weiterentwickelt“, heißt es bei Bentley.
Also soll das E-SUV eine Weiterentwicklung der Marke sein. Aber mit genügend Leistung für ein entspanntes Vorankommen. Denn das Wort „Torcal“ leitet sich ebenfalls vom lateinischen „torquere“ ab, was „drehen“ bedeutet, und ist der Wortstamm, auf den auch das englische Wort „Torque“ zurückgeht – zu deutsch Drehmoment. Damit sind die Vorgaben verbal gegeben und die Latte liegt hoch. Mal sehen, ob der Torcal diesen Vorschusslorbeeren gerecht wird. Am Abend des 23. September wird in London der Schleier über dem neuen Modell gelüftet. Danach werden wir schlauer sein.