Bentley-CEO Frank-Steffen Walliser bringt es auf den Punkt. „Der Torcal ist in erster Linie ein Bentley.“ Die Optik verleiht den Worten Substanz. Das E-SUV ist rund fünf Meter lang, wirkt aber flacher und gestreckter als ein klassisches Luxus-Crossover. Langer Radstand, kurze Überhänge und eine weit nach vorn gezogene Motorhaube, deren Linie sich durch die gesamte Flanke zieht. Flächen und klare Linien statt verspielter Lichtkanten. „Aufrechte Eleganz“ lautet eines der Prinzipien der Formensprache.
Ganz ohne Effekte geht es im Jahr 2026 natürlich nicht. Der Diamond-Kühlergrill ist beleuchtet und bei Dunkelheit scheinen die dreidimensionalen Kristalle zu schweben. Schwebende Diamanten statt klassischer Kühlergrill-Lamellen. Das Heckdesign ist dagegen zurückhaltender. Die Rückleuchten sitzen außen und ziehen sich als schmale horizontale Bänder in die breiten hinteren Kotflügel.

Mit etwa fünf Metern Länge ist der Torcal rund zwölf Zentimeter kürzer als der Standard-Bentayga, hat aber einen um drei Zentimeter längeren Radstand. Entsprechend gravitätisch rollt der Bentley Torcal um die Kurve. Fotos: Bentley
Die große, fast senkrechte Heckklappe hat eine kleine Heckscheibe. Der Torcal ist zudem das erste Serienmodell mit dem modernisierten Bentley-Emblem, bei dem die Flügel schärfer, kantiger und deutlich reduzierter gestaltet sind. Mit etwa fünf Metern Länge ist der Torcal rund zwölf Zentimeter kürzer als der Standard-Bentayga, hat aber einen um drei Zentimeter längeren Radstand. Entsprechend großzügig fallen die Platzverhältnisse aus.
Walnuss, Wolle und Schalter wie in alten Zeiten
Innen unterscheidet sich der Torcal deutlich vom Porsche Cayenne. Das fängt schon bei den Displays an. Das zentrale OLED-Display ist geschwungen. Dazu kommen ein AR-Head-up-Display, eine Gesichtserkennung und das Smartphone als Fahrzeugschlüssel. Wichtig: Physische Schalter bleiben für wichtige Funktionen. Im Fond lässt sich die Dreiersitzbank erstmals bei Bentley elektrisch umklappen.
Die Materialien müssen den Erwartungen der Bentley-Kundschaft entsprechen. Das erspart einem Hartplastik wie im Innenraum des Cayenne Electric. Neu und Geschmacksache sind optionale Bezüge aus 100 Prozent Merinowolle. Hinzu kommen Dekore aus bis zu 1.000 Lagen nachhaltig beschaffter Walnuss-Reststücke und Recyclingpapier.
Künstliche Sound-Symphonie
Nicht alle sind Fans eines künstlichen Motorenklangs. Die Bentley-Entwickler verstanden das als Herausforderung. Die „Bentley Dynamic Symphony“ ist kein simples synthetisches V8-Imitat. Musiker spielten unter anderem Schlagzeug, Bratsche und Bassgitarre ein; kleine Unregelmäßigkeiten blieben bewusst erhalten. Der Klang reagiert auf Drehmomentanforderung und Geschwindigkeit, wird im Sport-Modus intensiver und lässt sich komplett abschalten. Sogar Blinker- und Bediengeräusche stammen aus real aufgenommenen Klängen. Als akustische Referenz dient der Rhythmus des legendären 6,8-Liter-V8-Triebwerks. Der Sound dient damit als zusätzliche Rückmeldung über das Verhalten des Autos – das Ohr wird zum weiteren Sensor.

Hartplastik wie im Innenraum des Cayenne Electric sucht man im Bentley vergeblich. Geschmacksache sind optionale Bezüge aus 100 Prozent Merinowolle. Hinzu kommen Dekore aus bis zu 1.000 Lagen nachhaltig beschaffter Walnuss-Reststücke und Recyclingpapier.
Die vier Fahrmodi verändern nicht nur den Antrieb und das Fahrwerk. Bentley, Comfort, Sport und Refresh steuern auch Licht, Klang, Klima, Luftstrom und Displayinformationen. Comfort kann fast alle nicht notwendigen Anzeigen ausblenden, Refresh erhöht Frischluftzufuhr und Helligkeit. Elektrische Türen, 25 Radar-, Kamera- und Sensorsysteme, trainierbares Parken und automatisches Zurücksetzen auf engen Straßen zeigen die technische Tiefe.
Kraft ist nicht alles
Bentley bringt den in der Slowakei produzierten Torcal zunächst in zwei Versionen. Das Basismodell hat 604 kW / 821 PS und ein Drehmoment von 1.194 Newtonmetern. Die Fahrleistungen enttäuschen nicht: In nur 3,4 Sekunden beschleunigt das rund 2,7 Tonnen schwere E-SUV von null auf 100 km/h und erreicht 250 km/h. Der Torcal S kommt mit Launch Control, 653 kW / 888 PS und 1.350 Nm und schafft den Standardsprint in 2,9 Sekunden und hat eine Höchstgeschwindigkeit von 260 km/h. Kraft ist nicht alles. „Eine noch brutalere Beschleunigung wird von vielen Kunden eher als unangenehm empfunden“, heißt es bei Bentley.

Der vollelektrische Bentley Torcal teilt die Plattform mit dem Porsche Cayenne, ist aber deutlich weniger sportlich abgestimmt.
Die Technik basiert auf derselben PPE-Architektur wie beim Porsche Cayenne Electric und teilt mit ihm wesentliche Komponenten. Zwei permanenterregte Synchronmaschinen sorgen für angemessenen Vortrieb. An der Hinterachse arbeitet ein Sperrdifferenzial mit je einer Lamellenkupplung an jeder Abtriebswelle, vorne setzt Bentley auf ein offenes Differenzial. Die 800-Volt-Batterie besteht aus 192 Pouch-Zellen. Bemerkenswert: Der Akku hat eine Nettokapazität von 113 Kilowattstunden. Beim Cayenne Electric ist dieser Wert noch als Bruttowert angegeben. Die Energie reicht für bis zu 600 Kilometer WLTP-Reichweite. Der Torcal lädt mit bis zu 400 kW Gleichstrom. Der Ladestand wächst von zehn auf 80 Prozent in 16 Minuten. So lassen sich in sieben Minuten 161 Kilometer Reichweite nachladen.
Serienmäßig mit Allradlenkung
Das Grundprinzip des Fahrwerks stammt aus dem Konzernregal und entspricht Porsches Active Ride aus dem Cayenne Electric, wurde für Bentley aber verändert und neu abgestimmt. Beim Torcal kommen Luftfedern und Zweiventildämpfer, bei denen sich die Zug- und Druckstufe getrennt regeln lassen, zum Einsatz. Querstabilisatoren sind nicht vorhanden. Deren Funktion übernehmen die aktiven Dämpfer, die mit je einer Motor-Pumpen-Einheit pro Achse verbunden sind. Die britischen Techniker haben den Ölquerschnitt im Dämpfer gegenüber der Porsche-Variante vergrößert. Damit erreichen sie eine größere Spreizung zwischen den einzelnen Fahrmodi.
Hinzu kommt eine serienmäßige Allradlenkung mit bis zu fünf Grad an der Hinterachse. Der Wendekreis beträgt lediglich 11,1 Meter. Optional gibt es Carbon-Silicon-Carbide-Bremsen mit 440-Millimeter-Scheiben vorn und 410 Millimetern hinten. Für Frank-Steffen ist klar: „Die Wahrheit liegt auf der Straße.“ Das wird aber ab dem Frühjahr 2027 nicht ganz günstig. Obwohl der Torcal unterhalb des Bentayga positioniert sein wird, gehen wir von einem Einstiegspreis von etwa 200.000 Euro aus.