Die Corona-Krise hat das öffentliche Leben in Deutschland fast zum Erliegen gebracht und den Straßenverkehr auf das Notwendigste – den Gütertransport – reduziert. Deutlich ablesen lässt sich dies auch an der Zahl der Ladevorgänge an den 38.750 öffentlichen Stromtankstellen im Land, die das Start-up CIRRANTiC auf seinem „Charging Radar“ hat. Zusammen mit den Experten des Analysehauses THEON Data Solutions werden in dem „Charging Radar“ die Daten aus dem europäischen Ladenetz mit Hilfe einer intelligenten Software ausgewertet. Dies hilft beispielsweise Ladeinfrastrukturbetreibern und Mobilitätsanbietern bei der optimalen Ausgestaltung ihrer Produkte.

Bis zu 70 Prozent weniger Ladevorgänge

Nach den CIRRANTiC-Zahlen wurden vor Ausbruch der Coroan-Epidemie monatlich etwa 40.000 Ladevorgänge gezählt – aktuell sind es etwa 60 Prozent weniger. „Allein im Laufe der zurückliegenden Woche haben ein Drittel weniger Elektroautos Strom geladen als in den Wochen zuvor“, berichtet Ludwig Hohenlohe, der geschäftsführende Gesellschafter von THEON Data. „Tendenz weiter fallend“.

Besonders deutlich fällt mit rund 70 Prozent der Rückgang an den Schnellladestationen entlang der Autobahn aus. Das Geschäft dort, heißt es im Ionity-Konsortium, sei seit Verhängung der Reisebeschränkungen aufgrund der Corona-Epidemie regelrecht in die Knie gegangen.

Corona könnte Elektromobilität einbremsen

Das ist die Augenblicks-Aufnahme. Inzwischen stellt sich aber in Expertenkreisen immer lauter die Frage, wie es nach dem Abklingen der Corona-Seuche mit der Elektromobilität weitergeht. „Die klimapolitischen Schönwetterstrategien der Vergangenheit sind erst einmal obsolet“, äußerte Alexander Eisenkopf, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Verkehrspolitik an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen in der „Welt am Sonntag“. Der wissenschaftliche Berater des Bundesverkehrsministeriums erwartet, dass Elektromobilität und Klimaschutz unter dem Eindruck der Krise „deutlich an Priorität verlieren“ werden. Zunächst werde es darum gehen müssen, die Wirtschaft wieder anzukurbeln und die erwartete Rezession abzumildern.

Derzeit stehen praktisch alle Autowerke in Europa still – um die Mitarbeiter vor einer Infektion mit dem Corona-Virus zu schützen, aber auch, weil die Nachfrage nach Neufahrzeugen in den vergangenen zwei Wochen massiv eingebrochen ist. Allein in Deutschland sanken die Neuzulassungen von Personenwagen insgesamt um 10,8 Prozent, bei Fahrzeugen der gehobenen Mittelklasse – die vorzugsweise als Geschäftswagen geordert werden – um fast 23 Prozent. In ganz Europa gingen die Verkäufe im Februar zwar nur um 7,4 Prozent zurück, aber seitdem hat sich die Situation in den Ländern der Union durch die Corona-Seuche dramatisch verschlechtert. Kein Wunder: Wenn es um die Existenz geht, denkt niemand an den Kauf eines neuen Wagens. Und nach der Krise, steht zu befürchten, werden Privatleute erst einmal kein Geld mehr dafür haben.

Einbruch bei Neuzulassungen erwartet

Für das Gesamtjahr erwarten die Experten von RBC Capital Markets bereits jetzt schon ein Minus von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr – Stand heute. Dabei weiß niemand, wie lange die Werksschließungen andauern werden. Bei Volkswagen überlegt man deshalb bereits, in einigen Werken ersatzweise medizintechnische Geräte herzustellen.

ID3 Produktion bei Volkswagen Sachsen im Werk Zwickau
Vorübergehend geschlossen
Auch im VW-Werk Zwickau, wo das Elektroauto ID.3 produziert wird, stehen seit 19. März die Bänder still. Wie lange, kann derzeit niemand sagen. Foto: Volkswagen / Oliver Killig

„Es ist klar, dass dies die schlimmste Krise ist, die die Automobilindustrie je getroffen hat“, weiß Eric-Mark Huitema, der Generaldirektor der ACEA, des europäischen Verbands der Automobilhersteller. „Mit dem Stillstand der gesamten Produktion und der effektiven Schließung des Einzelhandelsnetzes stehen nun die Arbeitsplätze von rund 14 Millionen Europäern auf dem Spiel.“ Er forderte starke und koordinierte Maßnahmen auf nationaler und EU-Ebene, um den Kollaps der Branche zu verhindern.

Werden CO2-Flottenziele aufgeweicht?

So diskutiert der Verband in Brüssel mit der EU-Kommission bereits über eine Verschiebung der neuen strengen CO2-Flottengrenzwerte. Bis 2021 sollten die Neufahrzeuge, die neu in den Verkehr gebracht werden, im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen. Andernfalls würden drastische Strafzahlungen fällig.

Zurzeit sieht es nicht danach aus, dass sie das Ziel in diesem Jahr bereits schaffen werden. Das zeigen die durchschnittlichen monatlichen Emissionswerte, die JATO Dynamics für das vergangene Jahr aus den Neuzulassungen ermittelt hat. Demnach blieb der Flottenschnitt in den ersten acht Monaten 2019 relativ konstant – bei Werten um die 126 Gramm CO2 /km. Im Oktober sank der Durchschnittswert auf 121,1 g CO2/km im Oktober – um dann im Dezember noch einmal kräftig anzusteigen: „Die Hersteller“, so die Schlussfolgerung der JATO-Experten, „haben kurz vor Jahresende wegen der drohenden Strafzahlungen noch Lagerbestände mit hohen CO2-Emissionen zugelassen.“

Zum Jahreswechsel wurde jedoch deutlich erkennbar eine Trendwende eingeleitet. Um die Flottenziele zu erreichen, wollten die Autohersteller in den kommenden Monaten eigentlich in großer Zahl Elektroautos und Fahrzeuge mit einem wiederaufladbaren Hybridantrieb auf den Markt bringen. Doch mit den Corona-bedingten Werksschließungen gilt nun auch für die Stromer ein Auslieferungsstopp. Die Lieferzeiten könnten sich dadurch um mehrere Monate bis ins Jahr 2021 verlängern.

VDA will sich diese Woche äußern

Volkswagen-Chef Herbert Diess hat zwar in den vergangenen Woche eine Aufweichung oder Verschiebung der CO2-Flottenziele abgelehnt („Wir sind auf gutem Weg, die Flottenziele aufgrund der guten Auftragslage für unsere Elektroautos und Hybride zu erreichen“). Aber auch er musste einräumen, dass das weitere Kundenverhalten derzeit nicht absehbar ist.

Beim Verband der Automobilindustrie (VDA) hält man sich bei dem Thema CO2-Flottenziele noch bedeckt. Im Laufe der Woche werde es dazu ein Statement geben, hieß es dazu in Berlin auf Anfrage von EDISON.

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2 Kommentare

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    Vor der Corona-Krise hatte die Automobilindustrie Probleme mit der Lieferbarkeit von Batteriezellen.
    Wenn es weniger Autonachfrage gibt, könnte die gleiche Menge an Zellen auf in weniger Autos verteilt werden.
    Es wäre z.B. möglich bei Fahrzeugen wie dem VW ID.3 früher große Batterien anzubieten, da VW weniger Elektroauos verkaufen muss um die Flottenziele für 2020 zu erreichen.

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  2. Avatar

    Kann es auch daran liegen, das Ionity 79 cent verlangt? Man kann hoffen, dass die es langsam kapieren und den Wucherpreis ändern.

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