Der Winter ist wahrlich nicht die beste Zeit für Fahrrad-Tests. Zumindest nicht in unseren Breiten. Tagelange Regenfälle haben die Flüsse im Tal über die Ufer treten lassen. Und auf den Trails in den Höhenlagen reiht sich Pfütze an Pfütze, wühlen sich die Stollenreifen tief in den Schlamm. Mit dem Ergebnis, dass Fahrer und Bike spätestens nach einer Viertelstunde aussehen wie Sau und nach der Rückkehr von der Runde eine ordentliche Dusche benötigen.

Trotzdem haben wir jeden Kilometer genossen – mit dem enzianblauen Flyer Goroc TR:X 8.63 XC. Die E-Bikes der Schweizer Edel-Bikeschmiede sind per se schon immer besondere Leckerbissen für Zweirad-Enthusiasten. Aber dieses vollgefederte E-Bike – ein zweirädriges SUV mit 26 Kilogramm Gewicht – bot noch ein ganz besonderes Schmankerl: Für Trittunterstützung sorgt hier nicht einer der bekannten Mittelmotoren von Panasonic oder Bosch, sondern die nagelneue „Motor Gearbox Unit“ (MGU) von Pinion in der Ausführung C1.12. Der innovative Antrieb war die Sensation auf der Fahrradmesse Eurobike des Jahres 2023 – ausgezeichnet mit einem Innovation-Award.

Technisches Wunderwerk 
Die MGU E1.12 von Pinion vereint einen 600 Watt starken Mittelmotor mit einem Zwölfgang-Getriebe. Übertragen werden die Kräfte aufs Hinterrad über einen Zahnriemen und zwei gleich große Kettenblätter an Radnabe und Tretkurbel.
Technisches Wunderwerk
Die MGU E1.12 von Pinion vereint einen 600 Watt starken Mittelmotor mit einem Zwölfgang-Getriebe. Übertragen werden die Kräfte aufs Hinterrad über einen Zahnriemen und zwei gleich große Kettenblätter an Radnabe und Tretkurbel.

Das Besondere daran: Ein Elektromotor mit 600 Watt Leistung ist hier mit einem 12-Gang-Getriebe zu einer Baugruppe verkoppelt. Eine Kettenschaltung kann deshalb entfallen, ebenso die sorgsame Schmierung von Kette und Schaltwerk nach schweren Geländeeinsätzen oder Fahrten im Dauerregen. Denn die MGU ist gut gekapselt und die Kraftübertragung erfolgt über einen anspruchslosen und dank Zugsträngen aus Carbon besonders langlebigen Zahnriemen von Gates.

Schalten auch im Stand und halbautomatisch

Geschaltet wird elektrisch, ganz einfach durch kurzes Antippen einer beiden Schalthebel auf der rechten Lenkerseite – innerhalb von 0,2 Sekunden, wie der Hersteller verspricht. Und dazu muss noch nicht einmal eine Tretpause eingelegt werden. Auch nicht unter Last. Und eine Smart-Shift-Funktion hilft dem Fahrer obendrein bei der Gangwahl: Wenn beispielsweise auf einer Bergab-Passage nicht getreten wird, schaltet das System je nach Geschwindigkeit automatisch um zwei oder drei Gänge herunter, so dass man direkt den passenden Gang parat hat, wenn es wieder bergauf geht. Die gewünschte Trittzahl kann man über die „FIT E-Bike“-Control App voreinstellen – nicht nur E-Autos, auch E-Bike sind mittlerweile voll vernetzt.

Die Ingenieure von Pinion in Denkendorf haben in ihre MGU also eine Menge Gehirnschmalz in ihre neue MGU gesteckt, die das einst im Entwicklungszentrum von Porsche in Weissach erdachte Zentralgetriebe mit einem (selbst entwickelten) bürstenlosen Elektromotor mit 600 Watt Maximalleistung koppelt, Um das E-Bike möglichst gut auszubalancieren und Antriebsverluste zu minimieren: Zwischen Motor und Schaltung gibt es oft Reibungsverluste. Weil die Schaltsysteme mit den starken Antrieben oft überfordert sind oder ganz einfach, weil zwischen dem Antrieb am Tretlager und der Kettenschaltung am Hinterrad zu große Abstände liegen. Soweit die Theorie.

Voll geländegängig 
Das Flyer Goroc TR:X 8.63 zählt zu den SUVs unter den E-Bikes. Es bietet viel Komfort, einen kräftigen Antrieb, ordentlichen Federweg sowie eine hohe Traglast von bis zu 150 Kilometer - für Fahrer und Gepäck. Fotos: Rother
Voll geländegängig
Das Flyer Goroc TR:X 8.63 zählt zu den SUVs unter den E-Bikes. Es bietet viel Komfort, einen kräftigen Antrieb, ordentlichen Federweg sowie eine hohe Traglast von bis zu 150 Kilometer – für Fahrer und Gepäck. Fotos: Rother

Und wie schlägt sich das nach Angaben der Hersteller „revolutionäre“ Konzept in der Praxis? Eine gewisse Skepsis war zu Testbeginn durchaus vorhanden. Zunächst einmal aufgrund des relativ hohen Gewichts der MGU: In der Zwölfgang-Ausführung schlägt sie mit immerhin über vier Kilogramm zu Buche. Zum Vergleich: Die „Drive Unit“ CX der Performance-Baureihe von Bosch mit ebenfalls 85 Newtonmetern Drehmoment wiegt inzwischen keine drei Kilogramm mehr. Klar: Das Gewicht des Schaltwerks kommt hier noch obendrauf. Bei einem Deore XT-Schaltwerk von Shimano sind das dann noch mal 280 Gramm. Und mit einer Speicherkapazität von 700 Wattstunden ist auch der im Flyer Goroc TR:X verbaute Akku kein Leichtgewicht. Weder der aus Karbon gefertigte Rahmen noch die leichten Schwalbe-Reifen im 29-Zoll-Format vom Typ „Johnny Watts“ können das Mehrgewicht der Antriebseinheit kompensieren.

In „Fly“ besteht Fluggefahr

Das merken wir denn auch schnell auf den ersten Kilometern: Das Flyer fährt sich im Gelände etwas behäbig, auch wenn das Hinterrad leichter ist, weil dort kein Schaltwerk mehr „hängt“ oder auf der Nabe lastet. Wie ein echtes SUV halt. Was möglicherweise aber auch an dem relativ langen Radstand des Flyer Goroc liegt Immerhin ist die Sitzposition recht sportlich, sprich: frontlastig. Auch dadurch dreht das Hinterrad auf schlammigem Untergrund auch schnell durch und rutscht weg. Insbesondere dann, wenn mit „Fly“ gerade der stärkste Unterstützungsmodus „Fly“ anliegt und sich die Kräfte sehr direkt, fast schon stürmisch entfalten. Wer nicht aufpasst, kann da tatsächlich schnell fliegen – nämlich aus dem Sattel.

Alles im Griff 
Über die kompakte Schaltzentrale am Lenker werden die Unterstützungsstufen des Antriebs gewählt, die Lichtanlage (sofern vorhanden) aktiviert oder auch eine Anschubhilfe - wenn es bergauf einmal so steil wird, dass man besser absteigt.
Alles im Griff
Über die kompakte Schaltzentrale am Lenker werden die Unterstützungsstufen des Antriebs gewählt, die Lichtanlage (sofern vorhanden) aktiviert oder auch eine Anschubhilfe – wenn es bergauf einmal so steil wird, dass man besser absteigt.

Allerdings wird der „Fly“-Modus auch eher selten gebraucht – „Flow“ und Flex“ (mit 180 bzw. 280 Prozent Unterstützung) reichen im Bergischen Land völlig aus, zumal es das Getriebe dem Fahrer mit einer enorm große Bandbreite von bis zu 600 Prozent sehr leicht macht, eine gelenkschonende Trittfrequenz zwischen 60 und 100 Umdrehungen pro Minute zu finden. Auch weil man die Kadenz über die App ganz nach seinem persönlichen Geschmack und Fitnesslevel einstellen kann. Und in den mittleren Unterstützungsstufen ist der Motor auch deutlich feiner dosierbar, baut dieser wesentlich sensibler seine Kräfte auf. Über die App lässt sich sogar einstellen, in welchem Gang das Fyler nach einem Stopp anfahren soll.

Faszinierender Tanz der Zahnräder

Vor allem weiß das zweiwellige Stirnradgetriebe aufgrund einer ausgeklügelten Sensorik immer, welcher Druck gerade auf den Kurbeln lastet, mit welcher Drehzahl diese bewegt werden – und wie die Ritzel gerade zueinander stehen. Bei diesem semi-automatischen Schalten greifen sie deshalb sauber und ohne Knacken ineinander. Zip – und der nächsthöhere oder -tiefere Gang ist drin. Lediglich beim Wechsel von Gang 4 auf 5 und von Gang 8 auf 9 dauert es einen Tick langsamer, weil hier konstruktionsbedingt gleich zwei Zahnradpaare gleichzeitig gewechselt werden. Man gewöhnt sich allerdings schnell daran – das Fahrvergnügen leidet kein bisschen darunter.

Augenweide 
Die MGU von Pinion fügt sich harmonisch in den Rahmen des Flyer Goroc ein. Wer den Ständer nicht braucht, kann noch einmal einige Gramm Gewicht einsparen - wenn er das E-Bike unterwegs einfach an Bäumen "parkt"
Augenweide
Die MGU von Pinion fügt sich harmonisch in den Rahmen des Flyer Goroc ein. Wer den Ständer nicht braucht, kann noch einmal einige Gramm Gewicht einsparen – wenn er das E-Bike unterwegs einfach an Bäumen „parkt“

Etwas skeptisch waren wir auch im Hinblick auf die Akustik von Motor und Getriebe: Wo Zahnräder aus gehärtetem Stahl ineinander greifen, entstehen schon mal mahlende Geräusche. Tatsächlich ist die Pinion MGU E1.12 kein ausgesprochener Leisetreter. Insbesondere in den leichtesten vier Gängen nicht, wenn der Power-Motor sehr hoch dreht und vernehmlich vor sich hinsurrt. In den höheren Gängen nimmt die Geräuschkulisse vom Tretlager allerdings deutlich ab – dafür rauscht kräftig der Wind in den Ohren, denn der Hilfsantrieb sorgt dafür, dass auch bergauf schnell Geschwindigkeit aufgenommen werden kann.

Flyer mit feinen Komponenten

Über der Beschäftigung mit dem technischen Wunderwerk hätten wir fast das Drumherum vergessen – das Fyler-Bike und seine feinen Komponenten. Das FOX-Fahrwerk mit 130 Millimeter Federweg vorne bügelt zwar nicht sämtliche Unebenheiten weg, wenn es über Stück und Stein geht. Es sorgt allerdings dafür, dass die Schläge nicht zu heftig auf Handgelenke das Gesäß durchschlagen. Und die Vierkolben-Scheibenbremsen des Typs XT von Shimano mit 200 Millimeter großen Scheiben vorn und hinten sorgen für eine kräftige Verzögerung wenn man sie braucht.

Alles im Blick 
Das kompakte FIT-Farbdisplay zeigt auf zwei Zoll gestochen scharf alles an Informationen, was ein E-Biker wissen muss.
Alles im Blick
Das kompakte FIT-Farbdisplay zeigt auf zwei Zoll gestochen scharf alles an Informationen, was ein E-Biker wissen muss.

Es gibt Anschraubpunkte für Schutzbleche und einen Gepäckträger, ja sogar einen ausklappbaren Ständer. Letzterer stört beim Biken im Wald ein wenig, ist aber im Alltag sicher hin und wieder hilfreich. Über zwei Monkey-Links vorn und hinten lässt sich bei Bedarf eine Lichtanlage anklipsen. Und wem der 700 Wh-Akku im Unterrohr nicht reicht, kann für 785 Euro einen „Range Extender“ mit zusätzlichen 535 Wh Kapazität ordern, der an die Stelle der Trinkflasche rückt bzw. klickt. Geladen wird mit einem FIT Fast Charger mit fünf Ampere bei 48 Volt – spätestens nach einer Stunde ist der Akku wieder voll.

Fast 9000 Euro für ein zweirädriges SUV

Das Flyer Goroc TR:X 8.63 XC hat viel zu bieten und das in erstklassiger Verarbeitungsqualität: Bis zu 150 Kilogramm kann es bei Bedarf schultern. Das hat natürlich alles seinen Preis: Für unser blaues Testbike hätten wir 8.999 Euro hinlegen müssen. Da wird der eine oder andere Kaufinteressent schon schlucken. Aber dafür gibt es eine komfortable Fahrmaschine mit einem wegweisenden Antriebskonzept, das sicher bei jeder Rast auf einer Jausenstation oder im Biergarten für neidische Blicke sorgen wird. Auch dafür werden SUVs – ob mit zwei oder vier Rädern – ja wohl gekauft: Um Eindruck zu schinden.

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