Hamburgs E-Scooter-Pionier Egret verspricht mit dem neuen Egret Unit das Rundum-sorglos-Paket für den urbanen Alltag: satte 1.890 Watt Spitzenleistung, ein innovativer Zentral-Gepäckträger und bis zu 100 Kilometer Reichweite im Eco-Modus zum fairen Kurs von 799 Euro UVP. Klingt auf dem Papier nach der perfekten Alternative zum Auto und dem nervigen Warten auf unpünktliche Busse. Wir haben den Hamburger Flitzer über mehrere Wochen durch den Alltag gescheucht – auf der schnellen Fahrt zum Supermarkt über entspannte ins Grüne bis hin zum morgendlichen Sprint zum Bahnhof. Am Ende hinterlässt der Unit bei uns allerdings gemischte Gefühle, denn neben grandiosen Stärken offenbart er auch ein paar echte Nervfaktoren.

Bärenstarker Schub, aber nervöser Daumen im S-Modus

Schon beim ersten Druck auf den Daumenhebel wird klar, dass im Egret Unit ordentlich Dampf, sorry: Drehmoment steckt. Der verbaute Power-Boost-Motor wuchtet bis zu 38 Newtonmeter Drehmoment auf den Asphalt und zieht selbst steile Steigungen von bis zu 32 Prozent hoch – die Höchstgeschwindigkeit am Berg sinkt dann aber schnell von 22 auf 6 km/h. Allerdings ist der sportliche S-Modus extrem giftig programmiert: Wer den Daumengas-Schalter nicht mit absolutem Feingefühl streichelt, wird fast ruckartig nach hinten gerissen. Da kann einem Anfänger schon einmal der Schrecken in die Glieder fahren. Gerade beim Anfahren an der Ampel oder im dichten Stadtverkehr erfordert das Ansprechverhalten einige Eingewöhnungszeit, da der Grat zwischen sanftem Dahingleiten und wildem Bocken recht schmal ausfällt.

Auf der Piste spielt das Fahrwerk dagegen seine Trümpfe aus. Die Federung an Vorder- und Hinterachse bügelt zusammen mit den extrabreiten Zehn-Zoll-Luftreifen Unebenheiten, Gullydeckel und Kopfsteinpflaster in der Innenstadt erstaunlich souverän glatt. Trotz der robusten Gravel-Optik sollte man sich abseits der Straße jedoch nicht zu viel zutrauen. Auf typischen Feldwegen mit tiefem, losem Schotter stößt das Profil schnell an seine Grenzen. Der Egret Unit ist durch und durch ein Asphalt- und Pflaster-Gefährt und fühlt sich auf festen Untergründen deutlich wohler. Wer öfter Offroad unterwegs ist, findet im Egret GT mit 13-Zoll-Rädern und einstellbarer Doppelfederung (ab 1899 Euro) möglicherweise den besseren Mobilitäts-Partner.

Seilzug-Nostalgie statt hydraulischer E-Bike-Präzision

Ein echter Dämpfer für sportlich orientierte Fahrer ist die Bremsanlage. Anstelle moderner hydraulischer Scheibenbremsen (wie bneim Egret GT) setzt Egret beim Unit auf mechanische Seilzüge. Wer regelmäßig auf dem E-Bike unterwegs ist und einen knackigen, klar definierten Druckpunkt gewohnt ist, empfindet die Verzögerung schnell als teigig und schwer dosierbar. Zieht man sachte am Hebel, passiert gefühlt zu wenig; packt man beherzter zu, blockieren die Stopper recht unvermittelt. Bei einem E-Scooter dieser Leistungsklasse und diesem Gewicht hätten hydraulische Stopper für ein deutliches Plus an Sicherheit und Fahrkomfort gesorgt.

Das größte Manko im intermodalen Alltag ist zweifelsohne das stattliche Kampfgewicht von satten 27,7 Kilogramm. Das sorgt während der Fahrt zwar für eine wunderbar satte und vibrationsarme Straßenlage, wird beim Tragen aber zur echten Qual. Den zusammengeklappten Roller über die Ladekante in den Kofferraum unseres Polestar 3 zu wuchten, glich jedes Mal einem kleinen Krafttraining im Fitnessstudio. Am Bahnhof Hennef wurde es nicht besser: Wer den 28-Kilo-Koloss durch die Treppenunterführung wuchten und anschließend in das enge Zugabteil der S-Bahn bugsieren muss, verflucht schnell jedes einzelne Gramm.

Erschwerend kommt hinzu, dass der zertifizierte Akku fest im Rahmen verbaut ist. Für alle, die wie viele junge Berufstätige oder Studierende in einer Mietwohnung im dritten Stock ohne Aufzug wohnen, ist das ein echtes K.-o.-Kriterium. Niemand schleppt nach Feierabend freiwillig fast 28 Kilo drei Stockwerke hoch, nur um den Roller im Flur an die Steckdose zu hängen. Hier wäre ein extern entnehmbarer Akkublock ein gewaltiger Alltagsgewinn gewesen.

Smarte Alltagshelfer: Center Rack, Blinker und Top-Verarbeitung

Dafür entschädigt der Egret Unit mit praxisnahen Detaillösungen, die man bei der Konkurrenz oft vergeblich sucht. Das absolute Highlight ist das serienmäßige Center Rack auf dem Mittelrahmen: Bis zu zehn Kilogramm Gepäck wie Sixpacks, Rucksäcke oder Werkzeuge lassen sich mittig und tief verzurren. Dadurch bleibt das Fahrverhalten selbst voll beladen super stabil, ohne dass eine baumelnde Lenkertasche die Lenkung destabilisiert.

Ein dickes Lob verdient auch das Lichtsystem mit hellen, integrierten Blinkern an Front und Heck. Gerade beim Linksabbiegen im innerstädtischen Feierabendverkehr – nicht überall hat es Fahrradwege – gibt das enorme Sicherheit, weil beide Hände fest am Lenker bleiben können. Auch die gesamte Verarbeitung, die Passgenauigkeit der Teile und die Individualisierungsmöglichkeiten per Style-Kit sind ansprechend.

Unterm Strich ist der Egret Unit ein bärenstarker, hervorragend verarbeiteter E-Kickscooter, der die klapprigen Leihroller der einschlägigen Sharing-Dienste in allen Belangen meilenweit hinter sich lässt. Für einen regulären Preis von 799 Euro bekommen Käuferinnen und Käufer verdammt viel Substanz, massive Power und echten Nutzwert geboten. Wer ebenerdig wohnt oder eine Garage samt Stromanschluss besitzt und nicht täglich den Spurt über Bahnhofstreppen antreten muss, findet im Unit ein langlebiges, erstklassiges Pendler-Gefährt. Für den schnellen, intermodalen Mix aus Treppenhaus, Kofferraum und überfüllter S-Bahn ist der Hamburger aber schlicht eine Nummer zu schwer geraten. Ohne regelmäßiges Training in der Muckibude geht der Spaß schnell flöten – und man nimmt für die Fahrt in die Stadt doch wieder lieber das Fahrrad.

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