Der Weg zum „Lade-Talk“ ist über 400 Kilometer lang und führt von Köln zur Messe nach Nürnberg. Audi hat dort seinen ersten „Charging Hub“ errichtet – einen Ladepark der luxuriösen Art, mit stylisher Warte-Lounge, Photovoltaik-Anlage und sechs 320 kW-Ladern, die sich per App reservieren lassen. Als wir mit unserem Stromer im Schneetreiben auf den weißen Kubus zurollen, dockt dort gerade ein Audi e-tron GT mit Heilbronner Zulassungen an – ein Werkswagen, wie der Fachmann erkennt. Am Steuer eine junge Frau in dunklem Gewand und mit hellem Lachen: Christiane Zorn, die Leiterin des Produktmarketing der Audi AG. Die Antriebswende, merken wir bald, treibt sie auch ganz persönlich um.

Hallo Frau Zorn, die Lackierung Ihres Autos erinnert mich an meine Bundeswehr-Zeit. Sind Sie getarnt unterwegs?

Dieses Fahrzeug muss man definitiv nicht verstecken. Der Farbton heißt Taktikgrün. Ich finde ihn sehr schick.

Und ganz flott, vermute ich mal.

Richtig. Das ist ein Audi RS e-tron GT, mit 646 PS im Boost-Modus und einer Beschleunigung von 3,3 Sekunden auf Tempo 100. Die elektrische Speerspitze in unserem Portfolio.

PS sind doch nicht mehr aktuell – Kilowatt sind die neue Währung.

Das stimmt, aber ich finde die Zahl so schön und viele unserer Kunden denken noch in PS.

Wie lange fahren Sie den RS schon?

Schon eine ganze Weile. Ich habe das Glück, dass ich aufgrund meiner Funktion als Leiterin Produktmarketing der AUDI AG regelmäßig und früh neue Autos fahren und erproben darf. Das gibt mir einen zusätzlichen Einblick, den ich direkt mit unseren Entwicklern austauschen kann. Mein RS e-tron GT ist einer der ersten von 20 Fahrzeugen unserer internen Testwagenflotte. Ich habe ihn bekommen, noch ehe wir die ersten Autos an Kunden und Kundinnen ausgeliefert haben.

Da sind also schon etliche Tausend Kilometer zusammengekommen?

Genau – der Fahrspaß und die Dynamik des Fahrzeugs sind einmalig. Ich hatte zwischendurch noch einen Audi Q4-etron Sportback. Und vorher durfte ich einen Audi e-tron Sportback fahren.

Man kann also sagen;: Sie sind schon elektrisiert?

Das bin ich in der Tat. Wer einmal elektrisch gefahren ist, will nicht mehr zurück auf einen Verbrenner. Der Audi e-tron GT ist ein fantastisches Auto…

Charging Hub Nürnberg
Nicht nur Audi-Fahrer können an der exklusiven Ladestation Strom tanken und sich während der Ladepause einen Kaffee ziehen.

Das müssen Sie natürlich sagen.

Ich meine das aber auch ganz persönlich, aufgrund meiner Fahrten und Erfahrungen auch an den Wochenenden. Ich komme gebürtig aus Kirchhausen in der Nähe von Heilbronn – die Böllinger Höfe, wo das Auto gebaut wird, sind nur einen Katzensprung entfernt.

Ihr Vater war schon bei Audi beschäftigt. Sie sind mit der Marke also aufgewachsen, auch mit PS-starken Autos, die in Neckarsulm gebaut werden. Fiel Ihnen die Umstellung auf die Elektromobilität da nicht schwer?

Überhaupt nicht. Ich fahre sehr gerne Auto, liebe das dynamische Fahren. Und da ist ein Auto mit einer so beeindruckenden Beschleunigung natürlich perfekt. Und auf der Autobahn kommt der Audi e-tron GT, zumal in der RS-Ausführung, aufgrund der hohen Antriebsleistung auf sehr respektable Geschwindigkeiten. Ein Elektroauto darf kein Verzichtsmobil sein, es muss begeistern.

Einige Ihrer Kollegen haben anfangs mit der Antriebswende aber mächtig gefremdelt, kann ich mich erinnern.

Das kann ich gar nicht nachvollziehen. Für uns bei Audi ist klar: Die Zukunft ist elektrisch. Auch viele meiner Kollegen sind mit elektrischen Fahrzeugen unterwegs. In unserer Tiefgarage im Audi-Werk haben wir inzwischen viele Möglichkeiten, ein Elektroauto untertags zu laden. Ich bin in München „Laternenparkerin“, habe keine eigene Garage – da ist das sehr komfortabel.

Von München nach Ingolstadt und zurück sind es etwa 160 Kilometer. Da reicht die Lademöglichkeit im Werk in der Tat. Und auf längeren Strecken?

Da nutze ich den e-tron Charging Service. Mit der dazugehörigen Karte kann ich europaweit über 310.000 Ladepunkte nutzen. Damit hatte ich noch nie ein Problem, Strom zu bekommen. Zumal der e-tron Routenplaner im Navi auf der Langstrecke die optimalen Ladestopps empfiehlt. Und wenn man sich danach richtet, kriegt man auch immer die volle Ladeleistung, weil der Akku automatisch vortemperiert wird und der Audi e-tron GT eine Ladeleistung von bis zu 270 kW ermöglicht.

Der e-tron GT ist ein sportliches Fahrzeug, der Stromverbrauch kann da je nach Witterung und Fahrweise schon mal gen 30 Kilowattstunden steigen. Die Reichweite schrumpft dann allerdings auf nur etwa 300 Kilometer. Das reicht Ihnen?

Natürlich hängt es wie immer stark von an der Fahrweise und der Witterung ab, aber ja, das reicht mir. Und es ist manchmal gar nicht schlecht, auf einer langen Tour zwischendurch eine Pause einzulegen und auch als Fahrerin Energie zu tanken. Das ist dann ein sehr entspanntes Reisen.

Entspannter reisen
„Man kann den Ladepunkt buchen – und dann wird dieser eine Viertelstunde freigehalten..“

Sofern einen nicht die Reichweitenangst plagt – die Sorge, mit leerem Akku in einsamer Landschaft zu stranden.

Ich kann nachvollziehen, dass mancher E-Auto-Neuling davon am Anfang geplagt wird. Aber mit ein wenig Gewöhnung an die neue Technik legt sich das schnell. Das Auto hilft ja auch, Lademöglichkeiten zu finden. In einem elektrischen Audi ist man nicht auf sich allein gestellt.

Hier an dem neuen Charging Hub kann ich einen Ladepunkt ja sogar reservieren.

Das ist fantastisch. Man kann den Ladepunkt buchen – und dann wird dieser eine Viertelstunde freigehalten. Das erleichtert die Planbarkeit enorm.

Werden wir also in Zukunft mehrere dieser Charging Hubs von Audi mit dieser Technik sehen?

Die Eröffnung unseres Charging Hub in Nürnberg ist ein voller Erfolg. Im nächsten Schritt geht es jetzt darum, die Akzeptanz und das Nutzungsverhalten unserer Kunden und Kundinnen im Realbetrieb zu testen. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das Konzept bewährt und wir bald auch weitere Schritte diskutieren werden. Zumal die Auslastung hier schon in den ersten Wochen sehr hoch ist – ganz bewusst können hier auch Fahrer anderer Marken ihre Elektroautos laden, nicht nur von Audi. Und Kunden anderer Marken können die Ladezeit natürlich auch dafür nutzen, um sich über Audi und unsere Produkte zu informieren.

Es ist also eher ein Marketingtool als ein neues Geschäftsfeld – der Verkauf von Ladestrom?

Nein, das ist nicht die Zielsetzung der Einrichtung. Wir verkaufen Autos, keinen Strom. Zur Skalierung der Elektromobilität ist eine entsprechende Ladeinfrastruktur ausschlaggebend. Da leisten auch wir als Hersteller unseren Beitrag.

„Keine Frau möchte ein reines Frauenauto fahren.“

Christiane Zorn über die besondere Affinität der Frauen zur Elektromobilität

Viele Menschen fremdeln auch noch mit der neuen Antriebstechnik. Wie holt man die ab, wie gewinnt man sie für den Elektroantrieb?

Indem man ihnen die Gelegenheit gibt, die begeisternde Technik zu erfahren, selbst zu erleben, etwa auf einer längeren Probefahrt. Dann trauen sich viele, den nächsten Schritt zu tun.

Tun sich Frauen da vielleicht leichter? In der historischen Betrachtung war das Auto für die Männer immer auch so etwas wie eine Abenteuer-Maschine, die Lärm machen musste.

Es geht hier ja grundsätzlich um Veränderung. Und die ist nicht immer leicht. Außerdem konzipieren wir ja keine Autos nur für Frauen. Und wohl keine Frau möchte ein reines Frauenfahrzeug fahren.

Das war auch nicht die Frage.

Ich glaube, dass es kein Geschlechterthema ist. Elektroautos sprechen nach meiner Feststellung und nach unseren Daten Frauen und Männer gleichermaßen an.

Die aktuelle TV-Werbung für den e-tron GT hebt aber schon stark auf die Zielgruppe Frau ab.

Wir machen prinzipiell keine geschlechterspezifische Werbung: Die Gesellschaft ist divers und bunt, das zeigen wir auch in unserer Kommunikation. Wir definieren die Marke darüber, wofür sie steht und konzentrieren uns darauf, unsere zukunftsgerichtete Haltung zu kommunizieren.

Strom zum Sondertarif
Mit dem e-tron Charging Service von Audi kostet die Kilowattstunde nur 31 Cent. „Da sollte man sich fragen, ob man sich nicht doch besser vertraglich bindet, statt immer ad hoc zu laden.“ Fotos: Marian Lenhard

Egal ob Mann oder Frau, Frau oder Mann: Viele Menschen tun sich mit der Antriebswende auch noch sehr schwer, weil sie primär durch die Politik und die Klimadebatte getrieben wird und der Umstieg auf den Elektroantrieb abgesehen vom Emissionsverhalten im Augenblick mehr Nach- als Vorteile bietet. Etwa was die Alltagstauglichkeit, auch die Kosten anbetrifft.

Die CO2-Vorteile sind elementarer Bestandteil bei der Transformation hin zur Elektromobilität. Der Klimawandel bewegt immer mehr unserer Kunden, speziell die jungen Zielgruppen. Sie wollen einen Beitrag leisten, die Welt besser und nachhaltiger zu gestalten.

Das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Aber was würden Sie noch als Argument für das Elektroauto in die Waagschale werfen?

Auf jeden Fall das Fahrerlebnis. Die geringe Geräuschkulisse, der enorme Fahrkomfort. Wie groß die Unterschiede sind, merke ich immer wieder, wenn ich mal wieder mit einem Verbrenner unterwegs bin. Ich komme jedenfalls entspannter am Ziel an, wenn ich mit meinem Audi e-tron GT unterwegs bin.

Die Elektromobilität leidet derzeit nicht nur unter den Lieferproblemen, sondern auch unter den steigenden Stromkosten. An manchen Schnellladesäulen wird inzwischen ein Euro pro Kilowattstunde aufgerufen.

Das ist in der Tat ein Thema. Aber mit unserem e-tron Charging Service sind es nur 31 Cent, beispielsweise beim Laden im High-Power-Charging-Netzwerk IONITY. Da sollte man sich fragen, ob man sich nicht doch besser vertraglich bindet, statt immer ad hoc zu laden. Und natürlich ist es das Komfortabelste, wenn man zu Hause an der Wallbox lädt – womöglich mit Strom, der mit einer eigenen Photovoltaik-Anlage produziert wird.

Die Nachfrage nach Elektroautos wird derzeit von der Politik über Kaufzuschüsse befördert. Wie lange braucht es die noch? Sehen Sie schon Anzeichen für eine Eigendynamik?

Die Umweltprämien spielen derzeit sicher eine Rolle. Aber wir sehen auch schon eine starke Eigendynamik in der Absatzentwicklung: Die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit spielen für unsere Kunden eine wachsende Rolle. Immer mehr Menschen sind bereit, für nachhaltige und nachhaltig hergestellte Produkte entsprechend zu bezahlen. Der Audi e-tron GT beispielsweise ist mit einem Nettolistenpreis von über 85.000 Euro ja nicht durch die Umweltprämie förderfähig. Doch sein Konzept überzeugt die Kunden und die Nachfrage nach dem Modell ist hoch. Und das gilt auch für den e-tron 55 quattro, den wir mit der Audi Elektro-Prämie fördern.  

„Bis 2027 werden wir all unsere Kernsegmente vollelektrisch aufstellen.“

Christiane Zorn über die Elektrifizierung der Audi-Modellpalette

Um die große Welle loszutreten, bräuchte Audi aber noch Elektroautos unterhalb des Q4 e-tron.

Bis 2027 werden wir all unsere Kernsegmente vollelektrisch aufstellen.

Vor bald drei Jahren hat Audi mit dem AI:ME die Studie für eine Art vollelektrischen A2-Nachfolger präsentiert. Der gefiel mir ganz ausgezeichnet.

Mir auch. Wir sehen uns derzeit alle Marktsegmente an, vom A-Segment aufwärts.

2024/2025 wird VW einen ID.2 auf den Markt bringen. Die Basis könnten Sie für einen A2 oder Q2 e-tron nutzen.

(Lacht) Lassen Sie sich überraschen. Ich kann Ihnen versprechen, dass wir in den kommenden Jahren extrem spannende Elektroautos bringen werden. Das Schöne an meiner Funktion ist, dass ich die künftigen Modelle mitgestalten darf und so sehr früh Einblicke in die Projekte bekomme.

Wo werden wir denn in künftigen Audi-Fahrzeugen Ihren Einfluss sehen?

Das Produktmarketing hat die Aufgabe, Brücken zwischen den Märkten und Regionen und den Baureihen und der Technischen Entwicklung zu schlagen. Wir bringen die Kundenstimme in die Projekte ein und definieren Anforderungen aus Kunden- und Marktsicht.

Zum Beispiel?

In Zukunft werden Konnektivität und Digitalisierung immer wichtiger. Das Fahrzeug wird zum „Experience Device“, das ganz neue Erlebnisse bietet. Unsere Kunden in China beispielsweise sind auf diesem Gebiet noch weiter als in Europa, sie sind im Übrigen auch jünger. Da müssen wir im Produktmarketing sicherstellen, dass diese Erwartungen von unseren Fahrzeugen erfüllt werden.

Entspannt plaudern
„Es ist manchmal gar nicht schlecht, auf einer langen Tour eine Pause einzulegen und auch als Fahrerin Energie zu tanken.“

Derzeit gibt es einen Trend weg von Lederausstattungen, hin zu Sitzbezügen aus recyceltem Plastikmüll. Auch in China?

Nachhaltigkeit ist ein globaler und wichtiger Trend. Und aus allen Regionen kommt der Wunsch, auch lederfreie Interieurs anzubieten. Sei es aus Stoff, aus Velours oder anderen nachhaltigen Materialien. Allerdings sehen wir auch Unterschiede zwischen den Märkten und Regionen: Stoff wird zum Beispiel von unseren Kunden in China als nicht ganz so wertig wahrgenommen wie in Europa.

Das expressivere Design der jüngsten Modelle ist auch der stärkeren Fokussierung auf den größten Markt in Asien geschuldet?

Wir schauen uns natürlich an, welches Modell für welchen Markt primär gedacht ist: Wo liegt der Volumenschwerpunkt für ein Fahrzeug? Und wenn dieser stärker in den USA oder China liegt, erhalten die Anforderungen der Kollegen und Kolleginnen aus diesem Markt natürlich einen höheren Stellenwert. Uns geht es darum, ein Fahrzeug nicht nur aus der Zentrale und aus unserer deutschen Perspektive heraus zu entwickeln, sondern die Märkte zu involvieren. Das ist mir persönlich auch extrem wichtig. Daraus ergeben sich immer wieder spannende Diskussionen.

Auf welchen Markt ist der e-tron GT primär ausgerichtet?

Wir haben bei dem Modell einen sehr hohen US- und Europa-Anteil.

„Das Fahrzeug wird zum „Experience Device“.

Christiane Zorn über die Weiterentwicklung des Autos

„Vorsprung durch Technik“: Der Audi-Claim ist mittlerweile 50 Jahre alt. Wo wird Audi im Zeitalter der Elektromobilität den Vorsprung suchen?

Nicht bei den klassischen Werten aus dem Autoquartett, wie Motorleistung und Höchstgeschwindigkeit. Wir leben Vorsprung, in dem wir eine Haltung zeigen und gemeinsam einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Zukunft leisten.

Dann fällt die Technik unter den Tisch? Oder wird der Claim umformuliert in „Fortschritt durch Technik“?

Fortschritt ist immer gut. Das treibt uns bei Audi an. Ein neuer Claim kommt für uns aber nicht in Betracht.

Wie schwer ist es denn, einen Vorsprung zu erarbeiten oder auch nur zu erhalten, wenn der Antrieb eines Audi e-tron GT mit dem des Porsche Taycan weitgehend identisch ist und der Q4 e-tron die Plattform mit dem VW ID.3 teilt?

Das ist doch nicht neu – Plattformen und Module hat Audi auch früher schon mit Konzernmarken geteilt. Trotzdem erkennt man einen Audi sofort. Die Autos fahren sich wie ein Audi und fühlen sich auch wie ein Audi an. Es ist wichtig, die Synergien zu nutzen, die wir im Konzern haben. Das gilt für die Hardware wie für die Software. Daher hat Volkswagen im letzten Jahr das Softwareunternehmen CARIAD gegründet. Aber es ist genauso wichtig, die DNA der Marken zu erhalten, beispielsweise im Bedienkonzept der Fahrzeuge. Und wenn ich den e-tron GT fahre, muss ich sagen: Da haben unsere Ingenieure einen Top-Job gemacht. Ich fühle mich in diesem Auto immer sofort wie zuhause.

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