Die Stadtverwaltung der norwegischen Hauptstadt hat sich ein hehres Ziel gesetzt: Bis zum Frühjahr 2024 sollen durch Oslo nur noch Taxen fahren dürfen, die keine Emissionen verursachen. Die weder Stickoxide, noch Kohlenwasserstoff oder Kohlendioxid ausstoßen. Diesel, Benziner, Hybridautos – nichts geht mehr. Ab 2025 auch nicht mehr für Privatleute: Die Neuzulassung von Autos mit Verbrennungsmotor ist dann verboten.

Beschlossen wurde das bereits im Frühjahr vergangenen Jahres. Damit es dann an den öffentlichen Ladestationen im Stadtgebiet nicht zu langen Warteschlangen kommt, wird derzeit in der europäischen Kapitale der Elektromobilität das Angebot mit Rekordtempo ausgebaut. Und man probiert neue Ladetechniken aus, um den Fahrern der Elektro-Taxen das Hantieren mit Ladekabeln und Steckern zu erparen.

Ladeleistung von bis zu 75 Kilowatt

Jaguar hat nun 25 Exemplare seines i-Pace nach Oslo gebracht, die mit Hilfe des US-Unternehmens Momentum Dynamic aus Malvern in Pennsylvania für das induktive Aufladen der Batterie fit gemacht wurden. Bei ihren Einsätzen als Taxen sollen sie sich gewissermaßen an den Warteplätzen am Flughafen oder vor dem Hauptbahnhof selbständig aufladen, wenn die Autos auf Fahrgäste warten. Das Besondere daran: Der Wechselstrom fließt mit einer Ladeleistung von bis zu 75 Kilowattstunden von einer im Boden vergrabenen Spule über einen fünf bis sieben Zentimeter Luftspalt hinweg zu einer zweiten im Fahrzeugboden, wo er von einem Onboard-Lader in Gleichstrom umgewandelt und der Batterie zugeführt wird (siehe Grafik).

Lange Ladepausen, in denen der Fahrer keine Aufträge übernehmen kann, werden auf diese Weise vermieden. Und auch im Winter, der in Norwegen immer noch sehr kalt und nass sein kann, macht sich niemand mehr Hände oder Hosen am Ladekabel schmutzig. Besser noch: „Die bei dem Ladevorgang entstehende Hitze wird vom Wärmetauscher des Jaguar aufgenommen und zum Heizen des Fahrgastraums und der Batterie genutzt“, erzählt Stephen Boulter, der bei Jaguar verantwortliche Projektleiter, im Gespräch mit EDISON über einen Nebeneffekt des induktiven Ladens. Dadurch erreiche das System insgesamt eine Effizienz von über 90 Prozent und sei damit nur geringfügig geringer als beim Laden mit Kabel und Stecker. Boulter: „Es geht nicht so viel Energie verloren, wie immer behauptet wird.“ Und das sollte auch helfen, die Akzeptanz von Elektroautos speziell bei Gewerbetreibenden wie Taxifahrern zu erhöhen: Bei einer kabelgebundenen Lösung ginge ihnen kostbare Einsatzzeit und damit Einnahmen verloren.

Ladetechnik bei Linienbussen erprobt

Bis zum Jahresende sollen in Oslo die Montagearbeiten abgeschlossen sein, werden in der norwegischen Kapitale die Jaguars die neue Ladetechnik testen, die sich nach Angaben des Herstellers in den USA bereits bei elektrisch angetriebenen Linienbussen und Lieferwagen bewährt hat. Auch bei Tests, die Jaguar in den vergangenen Monaten in Großbritannien durchführte, habe sich die Technik bei jedem Wetter, ob trocken oder nass, als sicher und zuverlässig bewiesen, versichert Boulter.

Mit sicherem Abstand
Der Strom wird bei dem System von Momentum Dynamics mit bis zu 75 Kilowatt von der Bodenplatte ins Auto übertragen – über einen Luftspalt von etwa fünf Zentimeter hinweg.

Induktives Laden ist bei Smartphones, elektrischen Zahnbürsten oder Bohrmaschinen oder Computermäusen bereits gelebte Praxis. In der Autoindustrie hat sie sich bislang nicht durchsetzen können: BMW hat im vergangenen Jahr eine Lösung für das kontaktlose Laden des Plug-in-Hybrid 530e nach nur einem Jahr „Testphase“ wieder vom Markt genommen. Angeblich wegen geringer Nachfrage nach dem rund 3200 Euro teuren Extra, das nur eine Ladeleistung von 3,2 Kilowatt bot. Ein Akku mit einer Speicherkapazität von 90 Kilowattstunden wie im Jaguar i-Pace wäre damit erst nach einer Ladezeit von 30 Stunden wieder voll.

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Bei BMW hat man sich vom kontaktlosen Laden aber auch deshalb verabschiedet, weil, wie es damals auf Anfrage von EDISON hieß, die „Standardisierung einer herstellerübergreifenden Induktiv-Ladeschnittstelle noch nicht absehbar ist und die Errichtung von öffentlich zugänglichen Induktiv-Ladestellen nur für BMW i Elektrofahrzeuge für Betreiber kein wirtschaftlich sinnvoller Ansatz ist.“

Vorerst nicht für Privatanwendungen

Die Ladezonen in Oslo werden ausschließlich von den umgerüsteten Jaguar-Taxen genutzt werden können. Und Boulter erwartet auch so bald keinen Ladestandard – oder eine schnelle Verbreitung. „Aber es ist ein interessanter Versuch für alle Beteiligten – nicht nur für uns. Wir werden viel erfahren über das Nutzungsverhalten und die ganze Kette von Prozessen, die mit Ladevorgängen dieser Art verbunden sind.“

Und das unzählige Male am Tag: Während sie in der Warteschlange auf dem Taxistand vorrücken, werden die Stromer von einem Lade-Pad zum nächsten wandern. Das sei eine andere Anwendung als bei BMW, wo die Technik nur dem komfortablen Laden eines Autos in der privaten Garage ging. Für derartige Lösungen im öffentlichen Raum sieht auch Boulter keine Notwendigkeit. Zumindest vorerst nicht. „Wenn es aber irgendwann Standard werden sollte und jemand die Infrastruktur dafür aufbaut, werden wir ganz vorne sein.“

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