Sie sind ganz schön mutig bei Hyundai. Oder selbstbewusst, je nach Lesart. Neue Fahrzeuge präsentiert die Autoindustrie der Journaille – und der wachsenden Schar der sogenannten Influencer – im Winter üblicherweise in südlichen Gefilden. In Nizza oder Saint Tropez an der Cote d’Azur, in Marbella oder Barcelona in Südspanien. Auch Mallorca wird gerne als Veranstaltungsort genommen, wenn gen Jahresende die Temperaturen hierzulande Richtung Nullpunkt sinken und die Wahrscheinlichkeit von Regenfällen steigt. Im Süden Europas hingegen besteht auch dann noch eine gute Chance auf Sonnenschein und trockene Straßen, somit die Möglichkeit, die Fahrzeuge unter idealen Bedingungen zu präsentieren und vor laufenden Kameras im besten Licht erscheinen zu lassen.

Und was macht Hyundai? Lädt uns zur Präsentation des jüngst facegelifteten Ioniq 6 auf eine Abenteuer-Tour nach Osteuropa ein. Dorthin, wo Ende November bereits Temperaturen um den Gefrierpunkt herrschen und die Wahrscheinlichkeit von Schneefällen und vereisten Straßen nicht gering ist. Bedingungen also, bei denen sich Elektroautos alles andere als wohl fühlen.

Raus in die Kälte 
Elektroautos lieben frühsommerliche Temperaturen, Temperaturen um den Gefrierpunkt schmecken ihnen nicht. Der Hyundai Ioniq 6 schlägt sich auf der Testfahrt von Kroatien nach Polen trotzdem achtbar, dank eines großen Akkus und hoher Ladeleistung.
Raus in die Kälte
Elektroautos lieben frühsommerliche Temperaturen, Temperaturen um den Gefrierpunkt schmecken ihnen nicht. Der Hyundai Ioniq 6 schlägt sich auf der Testfahrt von Kroatien nach Polen trotzdem achtbar, dank eines großen Akkus und hoher Ladeleistung.

Und statt uns mit den Autos wie üblich auf eine zweistündige Tour rund um das Hotel zu schicken, sollen wir mit der überarbeiteten Elektro-Limousine im Laufe des Testtags eine Strecke von 850 Kilometer bewältigen: Von Zagreb nach Krakau, von Kroatien über Ungarn, Slowenien, Österreich, die Slowakei und Tschechien bis rauf in die heimlich Hauptstadt Polens. Laut Google Maps sollte die Fahrt mit dem Hyundai Ioniq 6 durch sechs Länder in acht Stunden und 53 Minuten zu bewältigen sein. Unter idealen Bedingungen, versteht sich. Und ohne Staus und Ladestopps. Wie lange werden wir wohl brauchen?

Akkukapazität und Ladegeschwindigkeit steigen

Wir fahren dem neuen Ioniq 6 immerhin zu dritt, um uns unterwegs abwechseln und dadurch die Belastungen für den Piloten etwas abmildern zu können. Und unser weißes Testmobil in der Ausführung N-Line hat immerhin Allradradantrieb und eine Antriebsbatterie an Bord, deren Speicherkapazität im Modelljahr 2026 von 77,4 auf 84 kWh angewachsen ist. Etwa 680 Kilometer sollen damit ohne Ladepause möglich sein, 66 Kilometer mehr als zuvor. Damit würden wir mit einem Ladestopp irgendwo in der Slowakei auskommen. Und der Ladestopp würde auch noch kürzer ausfallen als mit dem aktuellen Modell. Denn die maximale Ladeleistung des Fahrzeugs haben sie in Korea ebenfalls angehoben, von 240 auf nun 260 kW. Maximal 18 Minuten soll es nun dauern, um den Ladestand des Akkus auf 80 Prozent anzugeben – oder fünf Minuten, um 100 Kilometer Reichweite zu gewinnen. Das kann sich sehen lassen.

Kleiner Grenzverkehr 
Kontrolliert wird am Grenzübergang von Slowenien nach Ungarn nur noch sporadisch, die Station ist entsprechend heruntergekommen. Ganz im Unterschied zu unserem Hyundai Ioniq 6, der durch ein Facelift neuen Glanz bekommen hat.
Kleiner Grenzverkehr
Kontrolliert wird am Grenzübergang von Slowenien nach Ungarn nur noch sporadisch, die Station ist entsprechend heruntergekommen. Ganz im Unterschied zu unserem Hyundai Ioniq 6, der durch ein Facelift neuen Glanz bekommen hat.

Das gilt auch für das Fahrzeug selbst: Das Facelift hat dem Auto gut getan. Die Designer haben die Karosserie durch neue Stoßfänger um vier Zentimeter gestreckt, mit neuen Pixel-Scheinwerfern und einer sportlichen Frontschürze geschärft und durch den Verzicht auf den zweiten Heckspoiler entschlackt, was dem Auge des Betrachters gut tut, ohne den hervorragenden Luftwiderstands-Beiwert von 0,21 zu beeinträchtigen. Auch der Innenraum hat eine Auffrischung erhalten, mit neuen Türverkleidungen, neuen hochwertigen Sitzbezügen und einer neugestalteten Mittelkonsole, wo Direktwahltasten eine Steuerung etwa der Klimaanlage auch ohne Umwege über Untermenüs auf dem Touchscreen erlauben. Platz ist nach wie vor reichlich vorhanden – ganz entspannt werfen wir uns am frühen Morgen in Zagreb in den Berufsverkehr und lassen uns vom Navi zur kroatisch-ungarischen Grenze leiten.

Ladeinfrastruktur im Osten noch lückenhaft

Antriebstechnisch hat sich beim Facelift nichts geändert, die beiden PSM-Maschinen an Vorder- und Hinterachse leisten weiterhin 239 kW oder 325 PS, auch das Drehmoment im Sportmodus von 605 Newtonmetern wurde nicht verändert. Warum auch? Bei einer Spitzengeschwindigkeit von 185 km/h ist ohnehin Schluss. Und hier im Osten sind – wie in den meisten Ländern der EU mit Ausnahme von Deutschland – ohnehin nur maximal 130 km/h auf der Autobahn erlaubt. Und unser Ziel ist es, möglichst weit mit einer Akkuladung zu kommen. Wir schalten deshalb bald in den Eco-Modus, gleiten entspannt durch die Landschaft und erfreuen uns an den Annehmlichkeiten, die der Ioniq 6 bietet. Wie ein erstklassiges Soundsystem und die Möglichkeit, den Laptop an der Steckdose mit bis zu 100 Watt laden zu können.

Kurze Pause 
Der Ioniq 6 lädt seit dem Facelift Gleichstrom inzwischen mit bis zu 270 kW. Und der Akku kann manuell vorkonditioniert werden.
Kurze Pause
Der Ioniq 6 lädt seit dem Facelift Gleichstrom inzwischen mit bis zu 270 kW. Und der Akku kann manuell vorkonditioniert werden.

Den ersten Ladestopp legen wir trotzdem etwas vorzeitig ein, noch in Kroatien und bei einem Ladestand von über 50 Prozent. Weil zum einen der Frühstückskaffee drückt und zum anderen, weil die nächste Schnellladesäule von Ionity erst im österreichischen Parndorf auf uns wartet: Die Ladeinfrastruktur im Osten ist aktuell mit der in Deutschland noch nicht zu vergleichen. Künftig will Ionity auch in Osteuropa alle 120 bis 150 Kilometer mit Schnellladesäulen präsent sein und sogar Ladeleistungen von bis zu 600 kW anbieten. Rund 1,5 Milliarden Euro will Ionity dafür locker machen. Aber der Ausbau des Ladenetzes braucht Zeit – wir müssen uns damit begnügen, was bereits verfügbar ist.

Abkürzung über die schneebedeckte Tatra

Reichweitenangst kommt trotzdem im Fahrzeug zu keinem Zeitpunkt auf. Auch nicht am frühen Abend, als wir uns an der tschechisch-polnischen Grenze verfahren und unfreiwillig einen Abstecher zum legendären Jablunkapass in den schneebedeckten Beskiden machen. Für die Weiterfahrt über die Autobahn gen Kattowitz reicht der Stromvorrat anschließend nicht mehr, eine weitere Ladepause wollen wir nicht einlegen. Wir entscheiden uns deshalb für eine Abkürzung durch die Berglandschaft der Hohen Tatra.

Auf allen vieren
Um einen Ladestopp zu sparen, wählten wir eine Abkürzung über die Landstraße. Wir verloren Zeit, gewannen aber viele neue Einsichten. Vor allem über die Vorteile eines Allradantriebs in der Winterzeit. Fotos: Dani Heyne für Hyundai
Auf allen vieren
Um einen Ladestopp zu sparen, wählten wir eine Abkürzung über die Landstraße. Wir verloren Zeit, gewannen aber viele neue Einsichten. Vor allem über die Vorteile eines Allradantriebs in der Winterzeit. Fotos: Dani Heyne für Hyundai

Schnee ist hier am Vortag niedergegangen, entsprechend zäh fließt der Verkehr über die kurvenreichen Landstraßen. Das senkt zwar den Stromverbrauch, kostet aber Reisezeit: Als wir am Abend in schließlich Krakau ankommen, müssen wir uns sputen, um noch ein Abendessen zu erhalten. Mit einer Restkapazität noch von zwölf Prozent und einem Durchschnittsverbrauch von 25,8 kWh auf 100 Kilometer rollen wir nach knapp zehn Stunden Fahrt und insgesamt 910 zurückgelegten Kilometern in die Tiefgarage unseres Hotels, in der es erfreulicherweise ein halbes Dutzend Wallboxen (von Porsche) gibt. Und der Ladestrom wird hier auch noch kostenlos abgegeben. Na also, geht doch.

Der neue Hyundai Ioniq 6 kommt übrigens im Frühjahr in den Handel, zu Preisen um die 45.000 Euro für das heckgetriebene Basismodell mit 63 kWh m Handel. Für das Modell mit Allradantrieb und N-Line-Ausstattung dürften rund 10.000 Euro mehr fällig werden – die exakten Preise werden erst in ein paar Wochen bekannt gegeben.

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