„Wenn ich mit dem gewohnten Blick auf eine Situation schaue, zeigt sich mir diese, wie ich sie kenne. Um sie neu, frisch und anders zu erleben, muss ich die Perspektive wechseln.“ Dieser weise Gedanke des Philosophen und Pädagogen Hugo Kükelhaus (1900-1984) bringt es auf den Punkt: Man kann ein Problem nicht mit der Sichtweise lösen, die zu diesem Problem geführt hat.
Genau dieser Perspektivwechsel tut in der aktuellen, oft hitzigen Debatte um die Antriebswende Not. Wer mit den Maßstäben der alten Verbrenner-Welt auf Elektroautos schaut, sieht oft nur Ladezeiten und Reichweitenangst. Doch was passiert, wenn man den Blickwinkel ändert? Wir haben das ausprobiert – auf einer Testfahrt durch das malerische Rheingau und die kurvigen Straßen des Taunus. Unser Begleiter für diesen mentalen Neustart: Der neue Kia EV2, ein in Europa entwickelter und produzierter B-Segment-SUV.

Der Kia EV2 ist schon für 26.600 Euro zu haben. Mit der neuen Elektroauto-Förderung ist die Marke von 20.000 Euro nicht mehr fern.
Schon beim ersten Kontakt am Fuß des Taunus lädt der vollelektrische EV2 dazu ein, gewohnte Kategorien über Bord zu werfen. Mit einer Länge von kompakten 4,06 Metern wirkt der Fronttriebler auf den ersten Blick wie ein klassisches Stadtauto. Doch der erste Eindruck täuscht. Dank des langen Radstands von 2.565 Millimetern und der cleveren Elektroplattform E-GMP bietet er ein Raumangebot, das man sonst eher in größeren Fahrzeugklassen vermutet und auch auf der Rücksitzbank nur wenig hinter dem deutlich größeren und rund 9000 Euro teureren Kia EV3 zurücksteht.
Kia EV2 in Kürze
Antriebsleistung: 108 kW (146 PS) mit Standardbatterie, 99,5 kW (135 PS) mit Langstreckenbatterie;
Batteriekapazität: 42,2 kWh (Standard) oder 61,0 kWh (Langstrecke);
Reichweite (WLTP kombiniert): 317 km mit 42,2-kWh-Akku, 453 km mit 61,0-kWh-Akku;
Max. Ladeleistung: 11 kW AC, 22 kW optional ab Ausstattungslinie Earth; 118 kW DC;
Länge / Breite / Höhe (mm): 4.060/1.800/1.575;
Preise: Ab 26.600 Euro für die Basisversion „Light“ mit der 42,2-kWh-Batterie.
Die Variante mit großem Akku startet bei 33.490 Euro in der Ausstattung „Air“.
Besonders pfiffig wird es bei der Variabilität: Gegen einen Aufpreis von 300 Euro lässt sich der EV2 als Viersitzer konfigurieren, bei dem die beiden hinteren Einzelsitze um 80 Millimeter in Längsrichtung verschoben werden können und deren Rückenlehnen neigungsverstellbar sind. Wer also auf dem Rückweg von der Weinprobe im Rheingau noch ein paar Kisten Riesling einladen möchte, kann das Gepäckraumvolumen flexibel auf bis zu 403 Liter erweitern. Hinzu kommt ein 15-Liter-Frunk unter der vorderen Haube – ein cleveres Detail, das in dieser Fahrzeugklasse derzeit einzigartig ist.
Himmlische Ruhe und ein rollender Konzertsaal
Ein weiterer Aspekt, der beim Perspektivenwechsel immens hilft, ist die unglaubliche Laufruhe des kleinen Stromers. Wer meint, kleine Autos (auch die mit Elektroantrieb) seien automatisch lauter und unkomfortabler, wird hier eines Besseren belehrt. Die Kia-Ingenieure haben sich enorm viel Mühe gegeben und ein ganzes Paket an Maßnahmen gegen das Eindringen von Geräuschen in die Kabine des kleinen Stromers geschnürt. Mit akustisch optimierten „Silent-Reifen“, speziell entwickelten Teppichen, Radhaus-Dämmungen und einer Isolierverglasung bleibt die Hektik der Welt zumindest akustisch weitgehend draußen.

Der Kia EV2 ist ein Kleinwagen, aber seine Ausstattung teilt er mit den größeren Brüdern: Alles, was EV3, EV4 und EV5 bieten, ist auch hier erhältlich. Obendrein gibt es serienmäßig ein Panorama-Glasdach, das sich sogar elektrisch öffnen lässt. Was will man mehr?
Diese himmlische Stille bildet die perfekte Bühne für ein absolutes Ausstattungs-Highlight: das grandiose Premium-Soundsystem von Harman-Kardon, das optional ab der Ausstattungslinie Earth erhältlich ist. Mit seinen acht Lautsprechern inklusive Zentrallautsprecher und Subwoofer verwandelt es den extrem leisen Innenraum in einen rollenden Konzertsaal, der für einen satten, lebendigen Klang sorgt. Dieses klanggewaltige Extra, das perfekt auf das Auto zugeschnitten wirkt, sollte man sich als Teil des 1160 Euro teuren Technologie-Pakets (das auch einen Autobahn-Fahrassistenten enthält) unbedingt gönnen!
Effizienz trifft auf Kurvendynamik
Auf den gewundenen Landstraßen des Taunus und durch das wildromantische Wispertal zeigt der EV2 dann, dass ein Umdenken auch richtig Spaß machen kann. Unser Testwagen – das 99,5 kW (135 PS) starke „Earth“-Modell mit der großen Batterie wuselt überaus flott durch enge Kehren und macht das Rangieren in engen Gassen zum Kinderspiel. In 9,5 Sekunden erreicht er Tempo 100, auf der Autobahn hört der Vorwärtsdrang erst bei 161 km/h auf. Noch einen Tick dynamischer ist die Variante mit kleinem Akku, der Kia einen 108 kW (146 PS) starken Elektromotor spendiert hat. Tempo 100 ist damit schon nach 8,7 Sekunden erreicht. Auf solche Werte kommen in der alten Verbrenner-Welt nur Sportwagen.
Aber wer stromert, liebt die entspannte Fortbewegung. Dazu passt perfekt das clevere „i-Pedal 3.0“-System des Kia für ein geschmeidiges One-Pedal-Driving. Es erhöht nicht nur den Komfort, sondern speist in Bergab-Passagen – die es im Taunus reichlich gibt – durch die effiziente Rekuperation auch fleißig Energie in den Akku zurück. Entsprechend niedrig fallen die Stromverbräuche aus.

Fahrten auf kurvenreichen Landstraßen wie denen im Listertal können auf mit einer Antriebsleistung von 135 PS durchaus Spaß machen, wenn Fahrwerk und Lenkung des Autos so gut abgestimmt sind wie im Kia EV2. Fotos: Kia
Der Blick auf den Bordcomputer sollte selbst eingefleischte Skeptiker zum Umdenken zwingen. Der kombinierte Stromverbrauch nach WLTP liegt je nach Ausführung bei lediglich 15,1 bis 16,3 kWh pro 100 Kilometer. Und die Stromverbräuche liegen erfreulicherweise nicht weit von der Realität entfernt. Am Ende unserer Testfahrt zeigt die Verbrauchsanzeige im Bordcomputer sogar einen Wert von 14,5 kWh/100km – das kann sich sehen lassen. Die Langstreckenversion mit der 61-kWh-Batterie kommt so auf eine durchaus beeindruckende Reichweite von bis zu 453 Kilometern. Und mit der Standardbatterie von 42,2 kWh Kapazität sind so immerhin bis zu 317 Kilometer drin.
Neue Lösungen für alte Probleme – auch beim Preis
Das vielleicht überzeugendste Argument für Kükelhaus‘ geforderten Perspektivwechsel ist jedoch das Laden. Kia stattet den EV2 als erstes seiner Modelle optional mit einem 22-kW-Bordlader für das Wechselstromladen (AC) aus. Damit reichen maximal drei Stunden an der Wallbox oder am öffentlichen „Schnarchlader“ in der Nacht, um den 61kWh-Akku vollständig zu laden. Der Variante mit dem kleinen Akku reichen dafür sogar nur gut zweieinhalb Stunden.
Am Schnelllader zieht der EV2 Gleichstrom mit bis zu 118 kW Leistung und füllt den Akku in rund 30 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Dank der „Plug-and-Charge“-Funktion funktioniert das Starten des Ladevorgangs an kompatiblen Säulen im übrigen automatisch – vorausgesetzt, die Ladekarte von Kia Charge (Monatsgebühr von 4,99 Euro aufwärts) ist im Fahrzeug hinterlegt.

Die 300 Euro Aufpreis für die Viersitz-Anlage lohnen. Die Rücksitzbank lässt sich dann um acht Zentimeter verschieben, die Neigung der Lehnen um 14 Grad verändern. Das Ladevolumen steigt so von 362 auf 403 Liter, bei umgelegter Rücksitzbank sind es 1201 Liter.
Ein weiteres pfiffiges Feature ist die „Vehicle-to-Load“-Funktion (V2L). Der EV2 dient auf Wunsch als mobile 230-Volt-Stromquelle mit bis zu 3,6 kW Leistung. So lässt sich problemlos eine mobile Kaffeemaschine betreiben oder das E-Bike aufladen.
Preise ab 26.600 Euro für das Basismodell
Und was kostet der Spaß? Auch hier lädt der Stromer zum Perspektivwechsel ein: Der Einstieg in die elektrische SUV-Welt beginnt beim Kia EV2 bereits bei einem überaus attraktiven Preis von 26.600 Euro. Dafür gibt es die Basisausführung „Light“ mit dem 42,2-kWh-Standardakku und der stärkeren E-Maschine. Die günstigste Variante des EV2 mit großem Akku kostet wenigstens 33.490 Euro.
Das klingt erst einmal nach einem saftigen Aufpreis für die höhere Kapazität des Stromspeichers. Allerdings sind in der „Air“-Ausführung auch zahlreiche sinnvolle Ausstattungen enthalten, die beim Basismodel extra kosten oder gar nicht erhältlich sind. Wie etwa die Batterieheizung, elektrische Fensterheber, Dachreling, Zweizonen-Klimaanlage sowie die Möglichkeit, eine Anhängerkupplung zu montieren. Das könnte sich also rechnen, wenn man den EV2 nicht nur als Zweitwagen für den Stadtverkehr einzusetzen.

Für den Wochenendausflug mit der Familie in die Weinberge im Rheingau reichen Reichweite und Platzangebot des Kia EV2 allemal.
Unser Fazit nach der Testfahrt fällt entsprechend positiv aus. Der hübsch gestylte Kia EV2 ist mehr als nur ein neues Einstiegsmodell. Er ist eine Einladung, die Elektromobilität mit frischem Blick zu betrachten. Durch seine smarte Raumausnutzung, eine hochwertige Ausstattung, die himmlische Ruhe im Innenraum sowie die effizienten Antriebe und nicht zuletzt durch den fairen Preis zeigt er, dass die Zukunft des Fahrens nicht in Einschränkungen, sondern in cleveren, neuen Perspektiven liegt. Philosoph Kükelhaus hätte seine Freude daran gehabt. Und Volkswagen wird sich strecken müssen, um mit dem VW ID.Cross mithalten zu können.