„Elektromobilität für alle“ fordert die Kia-Werbung, natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn schließlich geht es den Marketingstrategen nicht um die Klimarettung, sondern um den Verkauf des neuen Kia EV2 – des neuen Einstiegsmodells der Koreaner aus dem slowakischen Žilina. Dort produzieren sie seit mittlerweile 20 Jahren erschwingliche Autos für den europäischen Markt. Der EV2 ist nach dem Kia EV4 der zweite Stromer aus der dortigen Produktion. Und der erste, der voll und ganz auf die hiesigen Verkehrsverhältnisse – und den Geldbeutel europäischer Kunden – zugeschnitten ist: Schon mit 26.600 Euro oder eine monatliche Leasingrate von 239 Euro ist man dabei.

Wer die aktuelle E-Auto-Förderung der Bundesregierung beansprucht und den maximalen Förderbetrag von 6000 Euro als Anzahlung in den Topf wirft, kann den Kia auch schon für einen Monatsbeitrag von unter 130 Euro durch die Landschaft bewegen und dabei erfahren, wie alltagstauglich Elektromobilität in Deutschland mittlerweile ist.

Ganz lässig
Das Laden eines Elektroautos will erklärt sein. Aber hat man die Feinheiten erst einmal begriffen, weiß man die Ladepause durchaus zu schätzen. Reichweitenangst? Kommt dank smarter Ladeplanung auch auf Fahrten mit dem Kia EV2 nicht mehr auf.

Marcus D., 32, fährt bislang einen Verbrenner, für den „EcoBoost“ sorgt dabei ein Benziner mit drei Zylindern. Ein Elektroauto war für den IT-Spezialisten aus dem Rheinland bislang keine Option, obwohl zwischen seinem Wohnort und Arbeitsplatz nur wenige Kilometer liegen. Aber die steigenden Benzinpreise haben auch ihn ins Grübeln gebracht – ein Elektroauto ist für ihn längst kein Tabu mehr. Zumal die Ehefrau bereits ein Auto mit Hybridantrieb fährt. Und da Probieren bekanntlich über Studieren geht, haben wir ihn einfach mal ans Steuer unseres himmelblauen Testwagens gesetzt.

Verschiebbare Sitze auch im Fond

Sein erster Eindruck: Mit einer Länge von 4,06 Metern ist der Kia EV2 zwar über 30 Zentimeter kürzer als sein aktueller Hatchback aus (inzwischen eingestellter) saarländischer Produktion – aber dafür deutlich geräumiger. Und bei unserem Testobjekt in der Ausstattungslinie „Earth“ lassen sich die beiden Einzelsitze im Fond auch noch um acht Zentimeter vor und zurück schieben, um entweder mehr Raum für die Füße oder mehr Platz im Kofferraum zu gewinnen. „Ganz schön praktisch – das kann meiner nicht“, zollt Marcus dem pfiffigen, aber leider aufpreispflichtigen Feature des Kia EV2 Anerkennung.

Ganz entspannt
Tester Marcus zeigten sich vom niedrigen Geräuschlevel, dem großzügigen Platzangebot und der Dynamik des Elektroantriebs angetan.

Auch hinter dem Lenkrad findet er sich nach kurzer Einführung in die Kia-typischen Feinheiten wie dem Startknopf im Fahrhebel schnell zurecht. Noch schnell erklärt, wozu die Wippen hinter dem Lenkrad gut sind (nämlich zur Einstellung der Rekuperation bis hin zum Ein-Pedal-Fahren – „wow“) – und schon kann es losgehen. Schon auf den ersten Metern überrascht der kräftige Anzug und das beinahe lautlose Fahren. Auch die komfortable Fahrwerksabstimmung kommt bei dem E-Auto-Novizen gut an. Aber der Blick auf die Reichweitenanzeige sorgt für eine gewisse Nervosität: Übergeben hatten wir den Stromer mit einem Füllstand von nur noch 16 Prozent – der Bordcomputer versprach da noch eine Rest-Reichweite von 36, bei guter Führung von 45 Kilometern. Also geht es erst einmal zur nächsten Schnellladesäule.

Strom laden mit maximal 120 kW

Das Navi zeigt eine ganze Reihe davon in der Umgebung an, wir entscheiden uns für die Ladestation von EnBW am nächsten Supermarkt. Weil dort gleich acht Ladepunkte mit Leistungen von bis zu 300 kW zur Verfügung stehen. Und weil sich dort die Ladepause mit Einkäufen verbinden lässt – so geht keine Zeit verloren. Instinktiv möchte Marcus einen der „dicken“ 300-kW-Charger ansteuern. Aber unser Kia EV2 kann Gleichstrom mit maximal 118 kW aufnehmen, also wählen wir eine der beiden 150 kW-Lader. Die Ladeklappe vorne rechts macht die Anfahrt leicht. Aber auch das Laden selbst macht unter Anleitung keine Probleme: Ladekabel anstecken, EnBW-Ladekarte vorhalten – und schon fließt der Strom. Ehefrau Leonie nutzt die Zeit für eine Besorgung, während Marcus die E-Mails checkt. Ladestress sieht anders aus.

Maßarbeit 
Mit einer Länge von 4,06 Metern und einer Reichweite von 317 Kilometern ist der Kia EV2 das perfekte Pendlerfahrzeug. Fotos: Rother
Maßarbeit
Mit einer Länge von 4,06 Metern und einer Reichweite von 317 Kilometern ist der Kia EV2 das perfekte Pendlerfahrzeug. Fotos: Rother

25 Minuten später ist der Akku des Kia bereits zu 80 Prozent gefüllt, sind die Einkäufe im Kofferraum verstaut – Zeit, weiterzufahren. Über einen kurzen Abschnitt Landstraße geht es zur nächsten Autobahnauffahrt – man möchte wissen, wie sich der Kia dort schlägt. Eine Spitzenleistung von 108 kW oder 146 PS sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h verheißen nicht unbedingt sportliche Fahrerlebnisse. Immerhin ist Tempo 100 schon in weniger als neun Sekunden erreicht – und die Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn auf 100 km/h limitiert. Und zahlreiche Baustellen im Raum Köln/Bonn lassen ohnehin nicht mehr als 130 km/h zu. Das junge Paar ist sich deshalb schnell einig: Das passt schon.

Assistenzsysteme nerven

Eher nerven sie die zahlreichen Warnungen der diversen Assistenzsysteme an Bord des Kia: Der Versuch, sie während der Fahrt abzuschalten, führt zu heftiger Bimmelei – und einer gefährlichen Ablenkung vom Verkehrsgeschehen. Aber auch diese Lektion ist schnell gelernt: Wen das betreute Fahren nervt, konfiguriert die Systeme vor Fahrtantritt nach seinen Wünschen und legt die Einstellung auf der Sterntaste am Lenkrad ab. Nach jedem Neustart reicht dann ein Knopfdruck – und dann ist (weitgehend) Ruhe im Karton.

Mit Ecken und Kanten 
Die neue Designsprache von Kia - "Opposites United" oder Vereinte Gegensätze - polarisiert. In die Fachwerkkulisse von Stadt Blankenberg im Siegtal fügt sie sich beim kleinen EV2 allerdings sehr gut ein. Hier wünscht man sich eher einen kleineren Wendekreis
Mit Ecken und Kanten
Die neue Designsprache von Kia – „Opposites United“ oder Vereinte Gegensätze – polarisiert. In die Fachwerkkulisse von Stadt Blankenberg im Siegtal fügt sie sich beim kleinen EV2 allerdings sehr gut ein. Hier wünscht man sich eher einen kleineren Wendekreis

Ja, neue Autos – egal, ob mit Elektro- oder konventionellem Antrieb – brauchen inzwischen etwas Eingewöhnung. Wofür allerdings weniger der Fahrzeughersteller als vielmehr die in der EU-Kommission versammelten Regulierungsfanatiker verantwortlich sind. Aber Kia macht es seinen Kunden vergleichsweise leicht. Auch indem man nicht alles über den Touchscreen steuert, sondern Tasten für die besonders häufig genutzten Funktionen vorhält.

Mutige Aufpreispolitik

Großen Anklang findet bei unserem E-Auto-Novizen auch das im Testwagen verbaute Soundsystem von Harman Kardon und die Möglichkeit, den im Akku gespeicherten Strom über einen Adapter auch zum Laden externen Elektrogeräte wie eines Laptops oder einer Kühlbox zu nutzen. Hier zeigt sich denn aber auch schnell, dass Kia längst kein Billiganbieter mehr ist und seine Kunden beim EV2 mit einem ausgeklügelten Paketprogramm in höhere Ausstattungslinien zu locken versucht.

Wer trägt eigentlich noch Hut?
Die Hutablage des Kia EV2 ist eigentlich eine Platzverschwendung. Ihre Befestigung (unter anderem mit Haken für das Gestänge der Kopfstützen davor) ist umständlich. Und wenn man den Laderaum komplett nutzen will, liegt sie nur herum. Also: Weg damit.

Nicht nur, dass unsere „Frostblau“ genannte Lackierung einen Aufpreis (390 Euro) erfordert. Die verbauten Leichtmetall-Räder im 18-Zoll-Format erfordern das 990 Euro Design-Paket, der V2L-Adapter wiederum das 1390 Euro teure „Winter-Connect-Paket“ (das unter anderem eine Wärmepumpe inkludiert). Dieses wiederum ist erforderlich, um das 1190 Euro teure „Technology-Paket“ buchen zu können, das unter anderem das exzellente Soundsystem von Harman Kardon beinhaltet. Und wer unterwegs und daheim Wechselstrom statt mit 11 mit 22 kW aus dem Netz ziehen möchte, zahlt nicht nur 990 Euro Aufpreis, sondern muss obendrein das genannte Winterpaket ordern.

So kommt eines zum anderen. Und am Ende steht wie bei unserem Testwagen ein Endpreis von 37.530 Euro auf der Rechnung. Wer gar mit einem größeren Akku liebäugelt – alternativ bietet Kia den EV2 auch mit einem 61 kWh fassenden Stromspeicher an, kann inklusive allem Zip und Zap (wie einem Glasdach) auch schnell bei über 44.000 Euro landen. Für ein Elektroauto, das sich im Kleinwagen-Segment tummelt, ist das schon eine Größenordnung, die Novizen wie Marcus D. erst einmal verkraften müssen. Zum spontanen Besuch beim Kia-Händler konnten wir ihn am Ende der Testfahrt noch nicht motivieren. Hohe Benzinpreise hin oder her.

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