Die neue Designsprache von Kia polarisiert. Den einen ist sie zu futuristisch, die anderen stören sich an der scharfkantigen Linienführung. Aber was man den Koreanern zugute halten muss: Ihre Elektroautos fallen auf im Straßenverkehr. Das gilt auch für den neuen EV4, einen 4,43 Meter langen Hatchback, mit dem Kia seit kurzem in der Golf-Klasse wildert, genauer gesagt dem ID.3 von Volkswagen Konkurrenz macht. Und dem jüngst facegelifteten Opel Astra – um mal zwei der direkten Wettbewerber in dem Marktsegment zu nennen. Allzu viele davon gibt es nicht mehr. Denn die elektrische Kompaktklasse dominieren inzwischen SUVs, aufgebockte Steilheck-Fahrzeuge vom Kaliber eines Skoda Elroq (4,49 Meter Länge) oder eines BMW iX1 (4,50 Meter). Die machen mehr her und wer nicht mehr so gelenkig ist, hat mit Ein- und Ausstieg hier weniger Probleme.
Auch Kia fährt ganz gut damit und ist mit dem kompakten EV3 , dem mittelgroßen EV5, dem extragroßen EV9 und mit dem Niro Hybrid sowie den konventionell angetriebenen Modellen Stonic und Sportage in der Fahrzeugkategorie gleich mit mehreren SUVs vertreten. Demnächst kommt mit dem EV2 auch noch ein City-SUV mit Elektroantrieb hinzu. Daneben leistet man sich aber auch noch das eine oder andere Kompaktfahrzeug in klassischer Manier. Den Ceed-Nachfolger K4 mit Verbrennungskraftmaschine für die Traditionalisten – und den EV4 für eine Klientel, die eher der Zukunft zugewandt ist. Dazu passt das futuristische Design dann wieder ganz gut.

Auf einer Länge von 4,43 Meter bietet der Kia EV4 eine Menge Platz auch für die Passagiere in der zweiten Sitzreihe. Die geringe Fahrzeughöhe sorgt dafür, dass sich der Stromverbrauch auch bei höheren Geschwindigkeiten im Rahmen hält. Fotos: Rother
Wir durften das Modell mehrere Wochen durch das winterliche Deutschland bewegen. Über 2000 Kilometer auf Autobahnen, Landstraßen und im Stadtverkehr kamen dabei zusammen. Und mehrere Tage lang herrschten dabei eisige Temperaturen. Aber der Kia EV4 schlug sich nicht nur tapfer, mit Verbräuchen um die 20 kWh/100 km und Reichweiten zwischen 350 und 400 Kilometern. Für ein Elektroauto mit einem 81,4 kWh großen Akku in der Ausführung „Earth“ war das unter den Witterungsbedingungen ein durchaus respektabler Wert. An den ersten Tagen mit Temperaturen um die 10 Grad Celsius wies der smarte Bordcomputer sogar (theoretische) Reichweiten von über 500 Kilometer aus. Da kann man nicht meckern.
Raumwunder in der Kompaktklasse
Verantwortlich war dafür sicher auch die naturgemäß bessere Aerodynamik eines klassischen Hatchback im Vergleich zu einem SUV: Während der SUV lediglich 1,48 Meter hoch baut, stellt sich ein EV3 fast zehn Zentimeter höher in den Fahrtwind. Der EV5 ist sogar 20 Zentimeter höher – entsprechend schlechter sind cW-Wert und Stromverbrauch. Da beißt die Maus keinen Faden ab, so sind die Gesetze der Physik. Entsprechend niedriger hockt der Fahrer im EV4 hinter dem Lenkrad, ohne dass etwa die Übersicht leidet. Dank großer Türen gelingt der Ein- und Ausstieg vorne wie hinten ohne Verrenkungen – die aktuelle Vorliebe der Deutschen für die teils martialischen Hochbau-Kombis kam man da eigentlich kaum mehr nachvollziehen.

Die Raumökonomie ist hervorragend, der Bedienkomfort hoch, der Stromverbrauch niedrig: Der Kia EV4 weiß vor allem auf der Fernstrecke zu begeistern. Nur die Darstellung des Straßennetzes auf dem Navi-Bildschirm könnte etwas feingliedriger sein.
Zumal im EV4 niemand über Platzmangel klagen kann. Dank eines langen Radstands von 2,80 Metern kommt weder vorne noch in der zweiten Reihe Platzangst auf. Im Gegenteil: Hinten kommen sich die Passagiere eher in einem Fahrzeug der Mittel- als in einem der Kompaktklasse vor. Mit einem Wort: Der EV4 ist ein echtes Raumschiff. Obendrein mit einem Kofferraum, der 435 Liter fasst – da bietet der EV3 mit 460 Litern nur unwesentlich mehr. Der Kofferraum hat zudem einen doppelten Boden, was das Verstauen des Ladekabels erleichtert.
Strom laden mit maximal 128 kW
Einen Frunk unter der Frontaube haben wir jedenfalls nicht vermisst – dafür aber die Möglichkeit, die Rücksitzbank ähnlich wie im neuen EV2 verschieben zu können, wenn trotz voller Bestuhlung mal mehr Platz für das Gepäck benötigt werden sollte. Und bei allen Komfortfeatures, die der EV4 in Earth an Bord hat: Dass sich die Türen bei der Annäherung an das Fahrzeug automatisch öffnen, beim Verlassen aber nicht automatisch wieder schließen, fanden wir verwunderlich. Immerhin machen die nach außen aufgeklappten Türgriffe dem Fahrer deutlich, dass sich die Pforten nicht selbständig verriegeln. Ansonsten bestünde Gefahr, dass zurückgelassene Gegenstände im Fahrzeuge an einer Raststätte neue Besitzer findet.

Immerhin hält der Kia EV4 die maximale Ladeleistung eine Weile, so dass es spätestens nach einer halben Stunde weitergehen kann.
Apropos Raststätte: Die haben wir auf einer Fernfahrt von Köln nach Braunschweig im Schneegestöber mehrfach aufsuchen müssen. Um die Scheinwerfer zu reinen, auf denen sich unterwegs Pappschnee festgesetzt hatte, was zu einer allmählichen Verdunkelung der Fahrbahn führte. Und natürlich zur Stromaufnahme. Im Unterschied zum EV9 setzt Kia beim EV4 (wie auch beim EV5 und kommenden EV2) aus Kostengründen noch auf ein 400-Volt-Bordnetz. An einem mit Gleichstrom betriebenen Schnelllader sind deshalb maximal 128 kW drin. Immerhin wird diese Leistung eine ganze Weile gehalten, so dass spätestens nach einer halben Stunde der Akku wieder zu 80 Prozent gefüllt ist. Damit kann man leben, am Elektriker-Stammtisch angeben allerdings nicht.
Zahlreiche Extras treiben den Preis
Das Fahrverhalten selbst ist völlig unkritisch. Die Lenkung des Fronttrieblers ist zwar etwas schwammig und der Wendekreis mit elf Metern nicht unbedingt stadttauglich – der heckgetriebene ID.3 oder der Skoda Elroq kommen mit fast zwei Metern weniger aus. Aber dafür ist der Fahrkomfort ordentlich und die Bremsleistung auch auf rutschigem Untergrund ordentlich. Diverse Assistenzsysteme warnen den Fahrer ohnehin bei allzu großem Übermut. Und die Höchstgeschwindigkeit ist auf 170 km/h limitiert. Das passt alles für ein Fahrzeug mit einer Spitzenleistung von 150 kW (204 PS) und einer Dauerleistung von 50 kW oder 68 PS: Der EV4 ist als „Earth“ kein Racer, sondern ein bodenständiger elektrischer Cruiser, der viele Annehmlichkeiten zu einem ordentlichen Preis bietet.

An den eingefahrenen Klappgriffen erkennt man, ob die Türen verriegelt sind. Automatisch lassen sich diese öffnen – schließen nicht.
Für die Version „Earth“ mit 81,4 kWh-Akku sind 45.540 Euro hinzulegen, 43.240 Euro sind es bei gleicher Akkukapazität für die Basisausstattung „Air“. Hinzu kämen hier wie da noch etliche Ausstattungspakete, um den Kia EV auf das Komfort-Niveau des Testwagens zu heben. LED-Scheinwerfer stecken darin ebenso wie die elektrische Heckklappe, die Sitzheizung im Fond sowie die Wärmepumpe: Als Billigmarke geht Kia schon lange nicht mehr durch.
Demnächst gibt es den EV4 sogar in GT-Ausführung, mit 215 kW starkem Allradantrieb, Halbschalen-Sportsitzen, virtuellem Schaltgetriebe und synthetischem Motorsound für Motorsport-Begeisterte. In der Version stößt das „Raumschiff“ sicher auch preislich in ganz neue Dimensionen vor.