Auf der neuen IAA Mobility in München wurden in diesem Jahr nicht nur Autos gezeigt. Zwei Hallen auf dem Messegelände und einige Stände in den „Open Spaces“ im Stadtgebiet waren auch dem Fahrrad gewidmet. Genauer gesagt, den Herstellern von E-Bikes und den Produzenten der elektrischen Antriebe, die in der neuen Fahrradgattung verbaut sind. Platzhirsch in Europa ist Bosch – die Mittelmotoren das Stuttgarter Traditionsunternehmen sind in etwa 70 Prozent aller „Pedelecs“ verbaut, die hier montiert werden.

Claus Fleischer lenkt die jüngste Sparte der Bosch-Gruppe, die der 54-jährige Maschinenbau-Ingenieur und begeisterte Radfahrer – Jahresfahrleistung 6000 Kilometer – mit aus der Taufe hob. „Das E-Bike“, sagt er, „ist eines der cleversten und nachhaltigsten Verkehrsmittel der heutigen Zeit – und ein wesentlicher Bestandteil der Mobilität der Zukunft.“ Wie diese Zukunft – und auch die der E-Bikes – aussehen könnte, haben wir bei einer Begegnung in München zu klären versucht.

Herr Fleischer, wir stehen vor einem Rekordjahr: Nie zuvor wurden so viel E-Bikes verkauft wie in den ersten neun Monaten dieses Jahres. Und auf der IAA Mobility waren sogar zwei Hallen dem Fahrrad gewidmet. Das hätten Sie sich wohl auch nicht träumen lassen, als Sie 2009 bei Bosch das Geschäftsfeld E-Bike-Systems aus der Taufe gehoben haben, oder?

So konkret nicht, aber wir hatten damals schon die Megatrends vor Augen: Urbanisierung, demographischer Wandel – die Menschen werden älter. Auch war schon damals zu erkennen, dass das Thema Umwelt an Bedeutung gewinnen würde.

Trotzdem waren E-Bikes damals eher etwas für die Nische.

Das stimmt. Der Markt für Elektrofahrräder war winzig klein und E-Bikes waren nur etwas für Menschen, die im Alter mobil bleiben wollen. Die Fahrräder standen damals in der Ecke des fast schon Peinlichen.

Und heute stehen sie auf der IAA und werden mit Begeisterung auch von Jugendlichen bewegt.

Unser Team war damals schon der Meinung, dass aus dem E-Bike mehr werden kann, wenn man das Thema sportlicher, dynamischer, cooler präsentiert.  Über die Weiterentwicklung der City-, Touren- und Trekking-Räder kamen dann die ersten Mountainbikes mit Motor. Dann hatten wir die Idee zu  „Uphill Flow“…

…um zu vermitteln, dass nicht nur bergab Spaß machen kann. ..

…sondern auch bergauf, ja. Und aus Uphill-Flow wurde dann ein grundsätzlicher Flow: Mit einem E-Bike ist man nicht über-, aber auch nicht unterfordert – ich fühle mich einfach gut damit. Das haben wir auf das gesamte E-Bike-Fahren übertragen. Mit der elektrischen Trittunterstützung nehmen wir den Menschen die Ausreden weg, warum es mit dem Fahrrad zu weit, zu hoch, zu anstrengend ist.

Lastenräder im Stadtverkehr
„Sollten wir die Städte jetzt nicht umbauen – weg von kostbarem Verkehrsraum für überwiegend statische Fahrzeuge hin zu Zonen für Fußgänger und Fahrradfahrer?“ Foto: Bosch

Sie hatten also den richtigen Riecher.

Wenn man sich auf der IAA Mobility – die ja noch das Wörtchen Auto im Namen trägt – umschaut, dann kann man den Eindruck gewinnen. Das Wort Automobil besteht ja aus zwei Teilen: Auto und mobil. Aber eigentlich ist das Auto die meiste Zeit statisch – es steht die größte Zeit des Tages herum, entweder auf einem Parkplatz oder im Stau. Daraus ergibt sich die Frage: Sollten wir die Städte jetzt nicht umbauen – weg von kostbarem Verkehrsraum für überwiegend statische Fahrzeuge hin zu Zonen für Fußgänger und Fahrradfahrer? Mit großen Parkhäusern außerhalb der Stadt und schnellen Bahnverbindungen und Fahrradstraßen in die City. Ich denke, das kommt so. Und das E-Bike ist ein wichtiges Element bei diesem Wandel. 

Wie viele Antriebssysteme für E-Bikes hat Bosch inzwischen produziert?

 Schon einige – und ich hoffe, dass auch noch viele folgen werden.

Geht’s ein wenig genauer?

Die Zahlen haben wir noch nie kommuniziert. Wir tun etwas für unsere Kunden, verjüngen auch die Marke Bosch – sie ist jetzt in Lebensbereichen bekannt, wo sie nie zuvor war. Wir sind im Auto, produzieren Haushaltsgeräte, Energie- und Gebäudetechnik und Mobilitätslösungen verschiedener Art – und nun auch im Bereich Freizeit, Lifestyle und Sport.  

„Wir sind nach Zahlen eher ein Rundungsfehler

Claus Fleischer über den Anteil der Sparte E-Bike Systems am Umsatz der Bosch-Gruppe

Aber den Bereich Automotive haben Sie mit Ihrem Bereich aber noch nicht überholt?

Ganz sicher nicht. Wir sind nach Zahlen eher ein Rundungsfehler und Imagefaktor (Lacht). Unsere Imagewerte sind stärker als unsere Geschäftszahlen.

Jetzt machen Sie sich mal nicht zu klein. Bosch e-Bike Systems ist Marktführer, wenn man sich anschaut, welche Fahrradhersteller ihre Antriebe einbauen. Und die Produktfamilie ist über die Jahre auch kräftig gewachsen.

Wir haben mit dazu beigetragen, dass sich die Elektrifizierung des Fahrrades in den letzten Jahren auf fast alle Fahrradtypen ausdifferenziert hat, das stimmt. Schauen Sie sich hier um. Wir sind in City- und in Mountainbikes zu finden, haben eine Linie für Cargobikes – für jeden Anwendungszweck ist etwas dabei. Wir haben mit einem Motor angefangen – inzwischen haben wir vier im Portfolio. Und ganz neu ist unser smartes System – mit Motor, Akku, Display und der eBike-Flow-App, mit Over-the-Air-Updates und individualisierbaren Fahrmodi. Demnächst bringen wir noch das Connect-Modul mit GPS-/GSM-Empfänger. Damit wird das e-Bike wie das Auto zu einem Teil des Internets der Dinge: Physische und digitale Erlebnisse verschmelzen miteinander.  

Welches Segment wächst derzeit am stärksten?

Das größte Segment ist nach wie vor das der City- und Tourenräder. Aber die stärksten Zuwächse gibt es bei SUVs.

Auch auf zwei Rädern?

Mountainbike mit E-Antrieb 40 Prozent aller neu verkauften Fahrräder haben einen elektrischen Hilfsantrieb. Claus Fleischer von Bosch E-Bike-Systems erklärt, wohin die Reise führt. E-Bikes

Ja, bei den Hybriden aus Mountainbike und Trekking-Rad. Es hat einen Gepäckträger, Schutzbleche, Licht und einen Ständer, aber auch breite Reifen und große Bremsen. Das ist das Beste aus zwei Welten. Das SUV ist komfortabel, fährt sich gut – und sieht cooler aus als ein Trekking-Rad.

Braucht es noch eine weitere Spreizung des Angebots bei den Antrieben?

Vorstellen kann man sich das durchaus – bei Autos und bei Akkuschraubern sieht man ja ähnliche Entwicklungen. Das Angebot fächert sich immer weiter aus, weil es immer mehr Anwendungen gibt. Die Newtonmeter haben wir jetzt ausgereizt – mehr Drehmoment kriegen sie bei den aktuellen gesetzlichen Bestimmungen nur schwierig unter.

Es gibt schon Antriebe, die mehr Drehmoment bieten als die 85 Newtonmeter bei der aktuellen Performance Linie CX.

Ja, kann man machen. Aber alle haben 250 Watt Nenndauerleistung. Mehr ist auch fahrbar nicht zu übertragen. Und nach unserem Verständnis braucht man nicht mehr Leistung und Newtonmeter. Es ist wichtiger, dass man die vorhandenen Kräfte ordentlich regelt und kontrolliert. Und die Reichweite ist mit den aktuellen Akkus normalerweise auch völlig ausreichend – viel mehr kriegt man auch nicht schön ins Unterrohr verbaut.

Wer braucht denn überhaupt ein E-Bike mit 750 Wattstunden?

Mir persönlich reicht eine Batterie nicht, wenn ich am Wochenende in den Alpen fahre. Ich fahre dabei schon mehr als eineinhalb Batterien leer.  

Vernetzt und Digital
Bosch hat auf der Eurobike im September eine neue Generation seines E-Bike-Systems vorgestellt. Ähnlich wie die Software in Elektroautos werden sich damit auch die E-Bikes über eine Funkverbindung aktualisieren und um neue Funktionalitäten erweitern lassen: „Das e-Bike wird zu einem Teil des Internets der Dinge: Physische und digitale Erlebnisse verschmelzen.“ Foto: Bosch 

Ihr neuer Power Tube 750 ist aber auch 4,4 Kilogramm schwer.

Für den Touren-E-Biker, der nicht auf jedes Gramm achtet, ist dies natürlich ideal. Es gibt aber auch E-Biker, die leichtere und agilere Bikes wollen. Deshalb geht es auch in die andere Richtung –Akkus mit 625, 500 und 400 Wattstunden. Und auch bei den Antrieben arbeiten wir daran, dass diese nochmals kleiner und leichter werden.

Was ich gerne hätte...

Wäre ein Antrieb mit Rekuperation?

Nein, ein Akku, der schneller Strom aufnimmt.

Interessante Frage. Unser schnellster Lader leistet sechs Ampere, aber die meisten Fahrradhersteller legen Ladegeräte mit zwei oder vier Ampere bei. Und im Fachhandel fragt kaum jemand nach stärkeren Ladeleistungen. Das hat uns auch überrascht, dass der Fast Charger nicht zum Kassenschlager wurde. Nur Hotels und Biergärten fragen den nach. Mehr Ladeleistungen sollten man auch schon mit Rücksicht auf die Alterung der Akkus nicht bieten.

Das Interesse an Antrieben mit Rekuperation wäre größer?

Zumindest wird dem Thema in einschlägigen Foren mehr Raum gewidmet.

Wer aktuell ein neues E‑Bike sucht, hat die Wahl sich zwischen diversen Antrieben mit unterschiedlichen Charakteristika. Wir erläutern, für welchen Fahrertyp sich welcher Antrieb eignet - und warum Drehmoment nicht alles ist. E-Bikes

Was würde eine Rekuperation denn bringen?

Nichts. Selbst bergab lässt man das Rad ja sehr lange rollen, ehe mal anfängt zu bremsen. Wenn der Antrieb rekuperieren würde, käme man schneller zum Stillstand. Dann müsste man wieder treten. Hinzu kommt, dass der Entladestrom beim Fahren höher ist als der Ladestrom, den man über eine Rekuperation hereinbekäme. Also würde in die Batterie wenig an Energie hineingepumpt. Mit viel Aufwand käme man auf eine Rückgewinnung von höchstens drei Prozent der Energie. Da spart man viel mehr, wenn das E-Bike statt im Turbo- öfter mal im Tour-Modus bewegt würde. Also: Der Reichweitengewinn rechtfertigt nicht den technische Aufwand, den wir für eine Rekuperation betreiben müssten.

Also Haken dahinter. Bleibt es beim Mittelmotor?

Ja. Wir sind von Effizienz getrieben. Und ein Mittelmotor hat mit der Schaltung hinten den besten Wirkungsgrad in jedem Betriebspunkt. Und damit holt man aus dem Akku die größte Reichweite.

Vor drei Jahren hat Bosch ein ABS-System eingeführt. Größere Stückzahlen hat bislang auch das etwas klobige Design des Systems verhindert. Werden wir bald ein kompakteres System sehen?

Sie sind ja visionär. Darüber können wir nächstes Jahr reden.

Und worüber im Jahr darauf – bei der nächsten IAA vielleicht?

Das smarte System werden wir Stück für Stück anreichern, um Produkte und digitale Dienste. Da wird im nächsten Jahr schon eine ganze Menge kommen. Auch die eBike-Flow-App wird sich stetig anreichern: Digital ist in den nächsten Jahren noch viel zu erwarten.

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2 Kommentare

  1. Jan Dijkstra

    Ich kann mich auch noch gut an die Zeit erinnern, wo E-Bikes eher ein Nischenprodukt war. Mittlerweile sind diese ebenso üblich wie normale Fahrräder. Ich möchte mir demnächst auch ein eigenes E-Bike zulegen. Am besten lasse ich mich dafür in einem Radgeschäft umfassend beraten.

    https://www.radler.co.at/baden/

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  2. Enzingmüller Kurt

    die E-Bike-Welt ist ja schön und gut, auch wenn sich schon wieder die Maßlosigkeit einschaltet. schön und gut für die gesunden, jungen, alerten Werbetypen (wie auch Ihre Bilder zeigen). Gewiss, es gibt auch ältere Biker…
    Aber wo bleiben in diesen Zukunftsfantasien die Kranken, Behinderten -auch unter Jüngeren, die auf ein (Kraft-)Fahrzeug angewiesen sind. „Autos raus aus der Stadt“ kann immer nur ein Teilaspekt sein. Schon jetzt werden (seit EU-Regelung) Parkerlaubnisse für Behinderte äusserst restriktiv gehandhabt . Mit Integration hat das nichts mehr zu tun. Ich erlebe als Betroffener einen immer mehr brutalisierten Verkehr – auch von E-Bikern. Das kann keine Zukunft sein.

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