Mit einer brachialen Systemleistung von 585 PS, knackigem Elektro-Punch und einer rein elektrischen Alltagsreichweite von rund 90 Kilometern will das knapp 2,5 Tonnen schwere Luxus-SUV von Mercedes-AMG den Spagat zwischen emissionsfreier Urbanität und unverdünnter AMG-Fahrdynamik meistern. Wir haben die Modellpflege in einem ersten Test auf Herz und Nieren geprüft.
Unter der mächtigen Motorhaube des Mercedes AMG-GLE 53 Hybrid 4Matic+ – so die komplette Modellbezeichnung – arbeitet eine gründlich überarbeitete Version des bekannten 3,0-Liter-Reihensechszylinders, die jetzt auf die Bezeichnung M256 Evo hört und für die künftige Euro 7-Abgasnorm gerüstet wurde. Der kräftige Turbobenziner leistet isoliert bereits 330 kW (449 PS) und stellt ein Drehmoment von 560 Nm bereit. Die Ingenieure haben dem Triebwerk trotz der schärferen Abgasnorm eine spürbar sportlichere Leistungskurve im oberen Drehzahlbereich verpasst.

In den USA dürfte das überarbeitete SUV mit Hybridantrieb gut ankommen – in Europa hat sich das Antriebskonzept eigentlich überholt.
Das eigentliche Festspiel beginnt jedoch beim Zusammenspiel mit dem Elektroantrieb: Im Getriebe sitzt eine 400-Volt-E-Maschine, die 135 kW (184 PS) sowie ab der ersten Umdrehung ein massives Drehmoment von 480 Nm beisteuert. Dazu kommt der auf 7,5 Kilowatt erstarkte elektrische Verdichter, der dem großen Abgasturbolader des Reihensechszylinders zusätzlich Beine macht.
Elektromotor eliminiert das Turboloch
In der Praxis resultiert diese Paarung in einer Systemleistung von 430 kW (585 PS) und einem imposanten maximalen Drehmoment von 750 Nm. Tritt man das Fahrpedal durch, eliminiert der Elektromotor das klassische Turbolochs komplett. Der Katapultstart von 0 auf 100 km/h gelingt im 53er Hybrid in beeindruckenden 4,5 Sekunden – das ist nochmals zwei Zehntelsekunden fixer als beim nicht hybridisierten Vorgänger. Der Vortrieb endet erst bei elektronisch eingefangenen 250 km/h.

Dank überarbeiteter Ansauganlage, modifizierter Abgasführung und gezielter AMG-Auspuffabstimmung behält der Reihensechszylinder seinen heiseren, emotionalen Ton und erfreut vor allem beim Ausdrehen mit einer überraschend sportlichen Note.
Erfreulich für Enthusiasten: Trotz Teil-Elektrifizierung verkommt die Akustik keineswegs zu kurz oder gar Stille. Dank überarbeiteter Ansauganlage, modifizierter Abgasführung und gezielter AMG-Auspuffabstimmung behält der Reihensechszylinder seinen heiseren, emotionalen Ton und erfreut vor allem beim Ausdrehen mit einer überraschend sportlichen Note.
Akku trägt den SUV bis zu 90 Kilometer weit
Dass der Mercedes-AMG GLE 53 Hybrid die Bezeichnung „Plug-in“ ernst nimmt, beweist der Blick auf die Batterietechnik. Die rein elektrische WLTP-Reichweite liegt je nach Karosserieform bei 88 bis 91 Kilometern für das SUV und 90 bis 93 Kilometern für das Coupé. Im reinen E-Modus beschleunigt der Koloss völlig lautlos auf bis zu 140 km/h. Sollte unterwegs spontan volle Leistung gefordert werden, genügt ein beherzter Kick-down, um den Sechszylinder im Bruchteil einer Sekunde wieder zum Leben zu erwecken. Über das Programm „Battery Hold“ lässt sich der Ladezustand zudem für spätere Umweltzonen konservieren.

In schnell gefahrenen Kehren harmonieren die feinfühlige, direkte Lenkung und der vollvariable AMG-Allradantrieb sehr gut. Fotos: MB
Beim Laden liegt der AMG auf Basis der Mercedes Hybrid-Architektur weiterhin weit vorne im Plug-in-Segment: Neben dem serienmäßigen 11-kW-AC-Onboard-Lader verbauen die Affalterbacher auf Wunsch einen DC-Schnellladeanschluss mit bis zu 60 kW Ladeleistung. Damit erstarkt der entladene Akku an einer öffentlichen Schnellladesäule in knapp 20 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Ein Wert, der, vor allem mit Blick auf das immer dichtere innerstädtische Schnellladenetz, nicht nur für mehr Ladekomfort, sondern auch für deutlich höhere Nutzungsraten des E-Antriebs sorgen dürfte.
Um das durch den Hybrid beachtlich gesteigerte Fahrzeuggewicht weiterhin ordentlich im Zaum zu halten, hat AMG das Luftfahrwerk Ride Control+ mit adaptiver Dämpfung tiefgreifend überarbeitet. Eine verfeinerte Software-Kalibrierung sorgt für eine spürbar breitere Spreizung der Fahrprogramme: Im Comfort-Modus federt der GLE sanft über verunglückten Asphalt hinweg, während im Sport-Plus-Modus die Aufbaudämpfung wirklich strammgezogen wird, um selbst kleinste Wankbewegungen des hohen und schweren SUV-Aufbaus effektiv zu unterbinden. In schnell gefahrenen Kehren harmonieren die feinfühlige, direkte Lenkung und der vollvariable AMG-Allradantrieb sehr gut. Das neu abgestimmte ESP greift etwas feinfühliger ein und lässt dem Fahrer auf Wunsch ausreichend Leine.
MBUX-Superscreen als Standard
Im Innenraum zündet AMG ein Feuerwerk aus Digitalisierung und Luxus. Dominierendes Element ist der serienmäßige MBUX Superscreen, der drei 12,3-Zoll-Displays unter einer durchgehenden Glasfläche vereint, inklusive eines separaten Bildschirms für den Beifahrer. AMG-spezifische Anzeigestile rücken Telemetriedaten, Ladezustände und den zentralen Drehzahlmesser ins Blickfeld. Selbst die einstig edel im Armaturenbrett montierte IWC-Uhr lässt sich nun als digitaler Zeitmesser einblenden.

Wo früher ein sauber eingefasster Doppelscreen und edel gearbeitete Lüftungsdüsen in einem Zierteil saßen, das sich über die ganze Breite des Armaturenbretts spannte, bleiben heute viel schwarzer Display-Kunststoff und überladen wirkende Leucht-Luftausströmer.
Womit wir auch beim größten Problem des neuen Mercedes-Benz GLE 53 AMG Hybrid wären: Wie seine zivilen GLE-Brüder ordnet er nach dem zweiten großen Facelift viel dem Digitalen unter. Wo früher ein sauber eingefasster Doppelscreen und edel gearbeitete Lüftungsdüsen in einem mächtigen Zierteil saßen, das sich über die ganze Breite des Armaturenbretts spannte, bleiben heute viel schwarzer Display-Kunststoff und eher überladen wirkende Leucht-Luftausströmer.
Der Preis hat sich gewaschen
Wer nicht tief in die Manufaktur-Preisliste eintaucht und für über 11.000 Euro edle Nappaleder für den Power-SUV aussucht, der dürfte sich angesichts der gebotenen Qualität des kunstledernen Interieurs in Bezug auf den aufgerufenen Preis von wenigstens knapp 130.000 Euro fragen, wo hier der Fortschritt versteckt sein soll. Immerhin: Eine echte Wohltat für die Ergonomie ist das AMG Performance Lenkrad. Auf Kundenwunsch kehren die galvanisierten Wippen und Walzen aus Metall für die Lautstärke- und Menübedienung zurück und lösen die unpräzisen Touch-Slider ab.
Der Mercedes-Benz GLE 53 AMG Hybrid demonstriert eindrucksvoll, dass die Hybridisierung eines Performance-Modells nicht nur ein Feigenblatt sein muss. Durch die Kombination aus 449 Verbrenner-PS und dem spontanen 135-kW-Elektro-Boost bietet der knapp 2,5 Tonnen schwere SUV-Bolide einen gewaltigen und verzögerungsfreien Antritt. Zusammen mit der praxistauglichen Elektro-Reichweite von rund 90 Kilometern, der schnellen 60-kW-Gleichstrom-Lademöglichkeit und der feingeschliffenen Fahrwerksdynamik bildet der 53er Hybrid nach der Modellpflege ein vielseitiges und ausgewogenes Angebot in der sportlichen SUV-Oberklasse. Benzinverbräuche bei entladener Batterie um die zwölf Liter SuperPlus im Alltagsverkehr muss man sich allerdings leisten können.