(Update 6. August) So eine Show hatte es in der Autoindustrie schon lange nicht mehr gegeben. Mercedes sperrte Mitte Mai für die Weltpremiere seines Elektrosportlers AMG GT Viertürer in Downtown Los Angeles an ganzes Brückenareal und donnerte mit Volldampf durch die Nacht. Der erste Auftritt des elektrischen Hypercars sollte Aufmerksamkeit und Rückenwind für einen Viertürer bringen, den die Konkurrenz von Porsche (Taycan) und Audi (e-tron GT), Tesla (Model S Plaid) oder Xiaomi (SU7 Ultra) schon lange im Programm hat. Jetzt schlagen die Affalterbacher mit ihrem Angebot zurück.

Die AMG-Antwort hat es in sich und kontert mit scharfem Design und einer Spitzenleistung im Topmodell von bis zu 860 kW oder 1169 PS. Für AMG ist der elektrische Sportwagen aber mehr als ein neues Modell. Der GT ist das erste Serienauto auf der neuen AMG.EA-Architektur und die Nagelprobe für die elektrische Zukunft der Marke. „Das Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé verschiebt Leistungsgrenzen und liefert die Emotion, die unsere Fans von einem AMG erwarten“, sagte bei der Weltpremiere Mercedes-Chef Ola Källenius, der früher in Affalterbach das Zepter in der Hand hielt.

Kampfansage
Mercedes‑AMG GT 53 4‑Türer Coupé heißt das neue 115.430 Euro teure Einstiegsmodell der Baureihe. Mit einer Spitzenleistung von 400 kW (544 PS) absolviert der vollelektrische Sportwagen den Sprint aus dem Stand auf 100 km/h in 3,5 Sekunden. Bilder: MB
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Mercedes‑AMG GT 53 4‑Türer Coupé heißt das neue 115.430 Euro teure Einstiegsmodell der Baureihe. Mit einer Spitzenleistung von 400 kW (544 PS) absolviert der vollelektrische Sportwagen den Sprint aus dem Stand auf 100 km/h in 3,5 Sekunden. Bilder: MB

Das Herzstück des 5,04 Meter langen Elektro-AMGs sind die Axial-Fluss-Motoren von der britischen Mercedes-Tochter Yasa, die AMG jetzt zur elektrischen Motorenschmiede macht. Bei einem klassischen Radial-Fluss-Motor verläuft der Magnetfluss radial zur Drehachse. Beim Axial-Fluss-Motor läuft er entlang der Achse. Die Vorteile: Die Maschinen bauen besonders flach, sind leicht und haben eine extrem hohe Leistungsdichte.

Drei Axial-Fluss-Motoren für höchste Dynamik

Die vordere E-Maschine ist nur knapp neun Zentimeter breit, die beiden hinteren messen jeweils rund acht Zentimeter. Das zeigt schon, wohin die Reise bei AMG geht: Nicht die maximale PS-Zahl zählt, sondern das Paket und die Dynamik – längs sowie quer. Da geht es um das Gewicht und eine kompakte Bauweise, um diese Komponenten im Sinne der Agilität zu platzieren.

Schon die allradgetriebene Einstiegsversion 53 lockt den sportlich interessierten Fahrer mit einer Leistung von 400 kW (544 PS) und einem maximalem Drehmoment von 800 Newtonmeter. Das Topmodell AMG GT 63 4Matic+ offeriert mit 860 kW (1.169 PS) und 2.000 Nm noch mehr Dynamik. Um diese Kraft auch auf die Straße zu bringen, müssen die drei E-Maschinen – zwei hinten, eine vorn – perfekt harmonieren.

Power-Stromer
Das Herzstück des 5,04 Meter langen Elektro-Coupés sind die Axial-Fluss-Motoren von der britischen Mercedes-Tochter Yasa.

Die hintere High Performance Electric Drive Unit vereint hier zwei Axial-Fluss-Motoren, zwei Siliziumkarbid-Inverter und ein kompaktes Eingang-Planetenradgetriebe. Vorn arbeitet ein einzelner Axial-Fluss-Motor mit Stirnradgetriebe sowie eine Disconnect Unit. Diese Kupplung trennt den vorderen Antrieb bei niedriger Last ab, sodass keine Schleppverluste entstehen. Wird Leistung oder Traktion benötigt, ist die Vorderachse wieder da.

Bis zu 300 km/h schnell

So spurtet der 63er GT aus dem Stand in 2,4 Sekunden auf 100 km/h und knackt in gerade einmal 6,8 Sekunden die 200er-Marke. Der GT 55 ist mit 2,8 Sekunden bis 100 km/h und 9,0 Sekunden bis 200 km/h kaum langsamer. Mit dem Drivers Package liegt die Höchstgeschwindigkeit jeweils bei 300 km/h. Beim 53er GT ist auch mit AMG „Drivers Package“ schon bei 250 km/h Schluss.

Interessant ist nicht nur der Sprintwert, sondern wie lange AMG seine Maximalleistung abgeben kann. Beim GT 63 dauert der Boost bis zu 63 Sekunden, beim GT 55 immerhin noch 55 Sekunden. Zusätzlich lässt sich in den Fahrprogrammen Comfort, Sport und Sport+ per Zug an beiden Lenkradwippen kurzfristig mehr Leistung abrufen, als im aktuellen Fahrprogramm vorgesehen ist: beim GT 63 bis zu 110 kW, beim GT 55 bis zu 50 kW.

Akku mit 106 kWh Kapazität

Doch Fahrleistungen sind das eine – die Fahrbarkeit etwas anders und daher müssen die Akkus mitspielen. Deren Kapazität liegt bei 106 Kilowattstunden, gepaart mit 800-Volt-Architektur aufgeteilt in 18 Modulen mit 2.660 Rundzellen und einer direkten Ölkühlung jeder einzelnen Zelle. Die Zellen sind 105 Millimeter hoch und messen 26 Millimeter im Durchmesser. Die Idee dahinter: Je kürzer der Weg vom Zellkern zur Oberfläche, desto schneller wird Wärme abgeführt.

Den hätte er gerne 
Unser Autor durfte bei der Weltpremiere in Los Angeles das elektrische Hypercar für kurze Zeit schon einmal in Besitz nehmen.
Den hätte er gerne
Unser Autor durfte bei der Weltpremiere in Los Angeles das elektrische Hypercar für kurze Zeit schon einmal in Besitz nehmen.

Das Kühlmittel ist ein elektrisch nichtleitendes Öl, das jede Zelle umströmt. Laut Mercedes beträgt die Kühlleistung im Batteriesystem mindestens 20 kW, während konventionelle Systeme in der Regel bei fünf bis acht kW liegen. Hinzu kommen Aluminium-Zellgehäuse, Full-Tab-Technik, eine NCMA-Kathode und eine siliziumhaltige Anode.

Strom laden mit bis zu 600 kW

Das hilft auch bei der Reichweite. AMG GT 55 und 63 kommen mit einem Verbrauch zwischen 17,9 und 21 kWh/100 km auf eine WLTP-Reichweite von rund 700 Kilometer. Das ehemals versprochene Megawatt-Laden ist aktuell nur eine Wunschvorstellung, bei 600 kW ist Schluss. Heißt, von zehn auf 80 Prozent steigt der Ladestand des Akkus in 11 Minuten. 70 kWh sind am Highpower-Charger in zehn Minuten aufgenommen, 41 kWh in fünf Minuten. Damit lässt der Stromer aus Affalterbach die Konkurrenz aus Zuffenhausen hinter sich, die mit maximal 320 kW Strom nachladen kann.

Damit die gigantische Motorleistung auf die Fahrbahn gebannt werden kann, ist der knapp 2,5 Tonnen schwere Allradler mit einem Hightech-Fahrwerk unterwegs. So ist in dem Elektro-Viertürer ein Luftfahrwerk mit semi-aktiver Wankstabilisierung, dreifach schaltbaren Luftfedern und hydraulisch vernetzten Dämpfern verbaut. Auch die Aerodynamik ist ausgeklügelt. Zwei aktive Venturi-Elemente im Unterboden fahren geschwindigkeitsabhängig aus, vorn ab 120 km/h, mittig ab 140 km/h, und erhöhen so den Abtrieb.

Der Spaß beginnt schon bei 115.430 Euro

Dazu kommen ein aktiver Heckspoiler, ein aktiver Heckdiffusor und Airpanels an der Front. Die Räder helfen bei der Reichweite: Die aerodynamisch optimierten 21-Zoll-Felgen bringen bis zu 14 Kilometer Reichweite, zusammen mit entsprechenden Reifen sogar bis zu 30 Kilometer.

Innen geht es ebenso sportlich wie außen zu und Dank des Radstands von 3,04 Metern lässt es sich ohne Hochsteckfrisur auch im Fond sitzen. Der Kofferraum fasst 415 Liter, vorn kommt ein 41-Liter-Frunk hinzu. Um Emotionen zu wecken, simuliert das System im Modus AMG FORCE S+ einen kernigen V8-Sound und simulierte Zugkraftunterbrechungen bei Schaltvorgängen.

Digitale Kommandozentrale
 Drei Bildschirme sind im Cockpit des Viertürers zu einer riesigen Informationseinheit zusammengefügt. Da weiß man gar nicht, wohin man als Fahrer oder Beifahrer zuerst hinschauen soll - und an welchem Rad man als nächstes dreht.
Hollywood lässt grüßen
Drei Bildschirme sind im Cockpit des Viertürers zu einer riesigen Informationseinheit zusammengefügt. Da weiß man gar nicht, wohin man als Fahrer oder Beifahrer zuerst hinschauen soll – und an welchem Rad man als nächstes dreht.

Das fahrerorientierte Cockpit ist eine digitale Kommandozentrale. Ein 10,2 Zoll großes Kombiinstrument und ein 14,0 Zoll großer Zentralbildschirm sind zu einer Einheit zusammengefasst. Optional kommt ein 14,0-Zoll-Display für den Beifahrer hinzu. Als Software-Basis dient das Betriebssystem MB.OS, garniert mit mehreren KI-Diensten, darunter ChatGPT, Microsoft Bing und Google Gemini. Mit der grafischen Opulenz verwandelt sich das AMG-Infotainment in eine Spielkonsole, an der der Pilot alles im Blick hat: Energiefluss, Aerodynamikstellung, Temperaturen, Reifendaten und Rennstreckenwerte.

Beim Preis orientiert sich Mercedes-AMG am Verbrenner-Vorgänger: Der Basispreis für den 600 kW starken GT 55 beträgt in Deutschland 154.700 Euro, für den 860 kW starken GT 63 sind wenigstens 196.350 Euro zu überweisen. Wer nicht so viel Geld aufbringen kann: Das neue „Einstiegsmodell“ GT53 mit 400 kW (544 PS) Antriebsleistung und identischer Akkukapazität gibt es bereits für 115.430 Euro. Er ist damit sogar 8000 Euro günstiger als ein Mercedes EQS 500 4matik, der noch mit 400-Volt-Architektur daherkommt.

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1 Kommentar

  1. Rene

    Ich kann das Thema „Emotionen“ langsam nicht mehr hören, ganz ehrlich.

    Ich dachte ja immer, es geht den PS-Fans um Drehmoment. Anscheinend geht es eben doch nur darum, durch viel Krach aufzufallen.

    In Wahrheit müsste die Aussage also wohl lauten „wenn niemand den Krach hört und ich nicht lautstark auffalle, dann erhalte ich keinen Impuls für mein mickriges Selbstbewusstsein“.

    Ich würde sagen: Wir sehen uns im Museum, im Saal neben den Saurier-Skeletten.

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