176 Sterne haben wir gezählt. Nein, nicht während der Sonnenfinsternis, sondern am hellichten Tag. Auch nicht am Himmel, sondern am Boden, während einer kurzen Pause am Schloss Dätzingen. Für Ortsunkundige: Das Schloss im klassizistischen Stil liegt im Landkreis Böblingen, etwa 20 Kilometer vom Mercedes „Center of Excellence“ entfernt. Dort hatten wir am Morgen ein Exemplar der neuen C-Klasse von Mercedes-Benz übernommen. Der komplett neuen und vollelektrischen C-Klasse der Baureihe W 520 wohlgemerkt, nicht das jüngst aufgewärmte Modell der Baureihe W 206, der weiterhin maximal teilelektrifiziert fährt.

Auch der funkelt durchaus, unter anderem mit einem beleuchteten „Zentralstern“ im klassischen Kühlergrill. Aber bei weitem nicht so stark wie sein prädestinierter Nachfolger. Und dabei sind nicht allein die „Visier-Optik“ des Tagfahrlichts gemeint, das anderen Autofahrern im Rückspiegel signalisiert, dass ein Mercedes der besonderen Art herbeigeflogen kommt. Auch nicht die bunten Sterne, die sich auf das „Sky Control“ genannte Panorama-Glasdach zaubern lassen. Nein, ihre Strahlkraft schöpft die neue C-Klasse von Mercedes-Benz aus einer Kombination aus Dynamik, Komfort und Qualität, die den meisten Elektroautos fernöstlicher Provenienz fremd ist.

Kurzer Stopp in der Schlossallee 
Mit einer Länge von knapp 4,90 Metern kommt die C-Klasse dem Mercedes EQEsehr nahe. Beim Preis übrigens auch. Fotos: Rother
Kurzer Stopp in der Schlossallee
Mit einer Länge von knapp 4,90 Metern kommt die C-Klasse dem Mercedes EQEsehr nahe. Beim Preis übrigens auch. Fotos: Rother

„Power“ haben die Stromer aus China und Korea auch alle mehr als genug. Manche auch noch mehr als die 360 kW oder 489 PS, die der Mercedes-Benz C400 4MATIC elektrisch (so die korrekte und vollständige Modellbezeichnung) über zwei permanentmagneterregte Synchronmotoren an Vorder- und Hinterachse in der Spitze die Straße bringt. Aber selten ist die Kraftentfaltung gleichzeitig so kraftvoll wie effizient wie hier: Versprochen werden durchschnittliche Stromverbräuche um die 16 kWh auf 100 Kilometer – ähnliche Werte schaffte bislang nur das ähnlich große Model 3 von Tesla.

Luftfederung bügelt die Straße glatt

Mercedes hat dazu nicht nur bei der Gestaltung der Karosserie für eine ausgezeichnete Aerodynamik gesorgt (der cW-Wert von 0,22 unterbietet um ein Zehntelpunkt die des Tesla). Den Energieeinsatz mindert auch ein Zweigang-Getriebe an der Hinterachse, das mit einem Übersetzungsverhältnis von 5:1 die Drehzahlen senkt, sobald die Reisegeschwindigkeit erreicht ist und die E-Maschine an der Vorderachse in den Ruhezustand geschickt wird. In der Luftfahrt würde man wohl von Reiseflughöhe sprechen – und der Kapitän würde erlauben, die Sicherheitsgurte zu lösen. Das geht im Straßenverkehr natürlich nicht, auch wenn sich Passagiere im Fond die Fahrt in der elektrischen C-Klasse auch bei höheren Geschwindigkeiten auf Landstraße und Autobahn sehr entspannt erleben dürften. vor allem, wenn das Auto wie bei unserem Testwagen über eine Luftfederung mit intelligenter Fahrwerksregelung verfügt.

Volle Breitseite 
Der 39,1 Zoll große, über die gesamte Breite des Innenraums reichende MBUX-Hyperscreen sorgt mit über 1000 LEDs nicht nur nachts für ein spektakuläres Raumerlebnis. In den Taschen davor können zwei Smartphones gleichzeitig induktiv geladen werden. Foto: MB
Volle Breitseite
Der 39,1 Zoll große, über die gesamte Breite des Innenraums reichende MBUX-Hyperscreen sorgt mit über 1000 LEDs nicht nur nachts für ein spektakuläres Raumerlebnis. In den Taschen davor können zwei Smartphones gleichzeitig induktiv geladen werden. Foto: MB

In der neuesten Ausführung verfügt die sogenannten Airmatic nicht nur über eine automatische Niveauregulierung, sondern auch über eine vorausschauende Dämpfung: Bei der Annäherung an Bodenwellen oder künstlichen Temposchwellen aus Asphalt oder Gummi, werden die Dämpfer elektrisch so verstellt, dass das Fahrzeug geschmeidig darüber hinweggleitet. Die entsprechenden Positionsdaten bezieht das Fahrzeug aus der Mercedes-Cloud gespeichert. Ähnliches kannte man bislang nur von der S-Klasse, dem ranghöchsten Sternenkreuzer aus Sindelfingen.

Allradlenkung reduziert den Wendekreis

Das gilt auch für die (empfehlenswerte) Allradlenkung, mit dem unser Testwagen ausgestattet war. Sie sorgt dafür, dass sich die inzwischen immerhin knapp 4,90 Meter lange Mittelklasse-Limousine auf den kurvenreichen Strecken durch den Schwarzwald dynamisch auch um Spitzkehren wedeln kann ohne groß an Geschwindigkeit zu verlieren. Auch Wendemanöver in engen Gassen verlieren darüber ihre Schrecken: Kurz ausgeholt – und schon ist man rum und wieder auf dem richtigen Weg.

Trotz der detaillierten Kartendarstellung auf dem Head-Up-Display (oder auch gerade deswegen) waren wir kurz davon abgekommen. Geholfen hätte vielleicht ein dynamischer Abbiegepfeil in Augmented-Reality-Darstellung. Der wird hier aus unerfindlichen Gründen statt im Sichtfeld des Fahrers nur auf einem kleinen Ausschnitt der Kartendarstellung im Navigationssystem zu sehen – auf dem glamourösen MBUX-Hyperscreen eine Sichtebene darunter.

Himmel auf Erden
Das riesige Panorama-Glasdach lässt sich gegen Aufpreis abschnittsweise verschatten - und mit 162 bunten Sternen illuminieren.
Himmel auf Erden
Das riesige Panorama-Glasdach lässt sich gegen Aufpreis abschnittsweise verschatten – und mit 162 bunten Sternen illuminieren.

Deutlich besser vor Augen hat der Fahrer außer der Fahrgeschwindigkeit (die aufgrund einer exzellenten Geräuschdämmung und einer Rundum-Akustik-Verglasung meist niedriger erscheint als sie tatsächlich ist) auch die Reichweitenanzeige. Und auch die trägt zur Entspannung bei: Reichweiten von über 500 Kilometern scheinen bei diesem Stromer auch in der kalten Jahreszeit locker darstellbar.

Bis zu 762 Kilometer an einem Stück

Beim allradgetriebenen C400 mit einem 94 kWh fassenden Akku sind offiziell und nach WLTP-Normverbrauch bis zu 762 Kilometer in einem Stück und ohne Ladepause darstellbar. Realistischer erscheinen nach der Testfahrt Reichweiten im Sommer um die 580 Kilometer. Und dank 800-Volt-Technik und einer maximalen Ladeleistung von 330 kW fallen die Ladepausen erfreulich kurz aus: In zehn Minuten ist Strom für 325 Kilometer nachgeladen. Und spätestens nach 22 Minuten ist die Batterie wieder zu 80 Prozent gefüllt.

470 Liter sollten genügen 
Der Kofferraum der elektrischen C-Klasse fasst locker das Reisegepäck einer Familie. Vorne gibt es noch einen zusätzlichen Stauraum ("Frunk") mit 101 Litern Volumen. Eine Kombiversion plant Mercedes derzeit nicht - angeblich gibt es dafür keine Nachfrage.
470 Liter sollten genügen
Der Kofferraum der elektrischen C-Klasse fasst locker das Reisegepäck einer Familie. Vorne gibt es noch einen zusätzlichen Stauraum („Frunk“) mit 101 Litern Volumen. Eine Kombiversion plant Mercedes derzeit nicht – angeblich gibt es dafür keine Nachfrage.

Vorausgesetzt, entlang der Strecke findet sich ein HighPowerCharger, der mit 800 Volt Spannung arbeitet. Bei einer 400-Volt-Ladestation mit bis zu 150 Ladeleistung (und die gibt es, wenngleich in schwindender Zahl) noch in Deutschland) würde der Mercedes-Stromer streiken. Abhilfe schafft hier nur ein 654 Euro teures Extra. Das zusätzliche Gleichstrom-Ladesystem erlaubt „bei Bedarf“ auch die Verwendung von 400-Volt-Schnellladern, etwa im Ladenetz von Tesla. Gleichstrom fließt auch dann allerdings nur mit maximal 100 kW. So viel wie bei einem elektrischen Opel Corsa.

Preise starten erst einmal bei 64.000 Euro

Womit wir bei den Preisen wären, die Mercedes-typisch und trotz einer Produktion der elektrischen C-Klasse im Billiglohnland Ungarn gesalzen sind. Für den C400 4MATIC elektrisch rufen die Stuttgarter in der Basisversion Avantgarde wenigstens 64.325,45 Euro auf. Aber der Sternenhimmel ist dann noch ebenso wenig an Bord wie die Luftfederung, die Allradlenkung oder auch die Türgriffe, die während der Fahrt flächenbündig sind und im Stand elektrisch ausfahren. Auch das Head-Up-Display und der spektakuläre MBUX-Hyperscreen wollen natürlich extra bezahlt sein. Ebenso wie die Ledersitze oder die 4-D-Soundanlage von Burmester.

Bei unserem Testwagen summierten sich die Extras zu einem Fahrzeugpreis von über 90.000 Euro – da lindert auch die E-Auto-Prämie der Bundesregierung nur wenig den Schmerz. Wer nicht so viel aufbringen kann oder mag: Für den Herbst hat Mercedes eine heckgetriebene Version der C-Klasse angekündigt, die auf einem preislich deutlich niedrigeren Niveau starten soll. Ein wenig Geduld könnte sich also auszahlen. Das Warten auf eine Kombi-Version allerdings nicht: Ein T-Modell ist derzeit nicht vorgesehen. Wer partout mehr Laderaum benötigt, hieß es in Sindelfingen, möge sich den neuen elektrischen Mercedes GLC ansehen.

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