Ein wenig erinnert das Heck an den Aston Martin DBX707, den leistungsstärksten Luxus-SUV der Welt. Da hätte sich das Team um MG-Chefdesigner Jozef Kabaň kein schlechtes Vorbild genommen. Auch wenn den neuen vollelektrischen MG IM6 und den noch ganz konventionell angetriebenen Kraftprotz von der britischen Insel nicht nur einige Pferdestärken, sondern auch einige hunderttausend Euro trennen: Aston Martin ruft für das Topmodell des DBX wenigstens eine Viertelmillion Euro auf – die britische Traditionsmarke in chinesischer Hand wäre schon zufrieden, wenn seine Kunden den knapp fünf Meter langen SUV in der Premiumversion mit „Drive-Pack“ wählen und dann den vollen Kaufpreis in Höhe von 62.990 Euro entrichten würden. In der einfachen Premium-Version genügten auch schon 56.990 Euro.

Kraftprobe
Der knapp fünf Meter lange Elektro-SUV kommt in der Premiumversion mit Allradantrieb daher. Die beiden, zusammen 751 PS starken Hurricane-Maschinen an den Achsen beschleunigen den 2,4 Tonnen schweren Stromer in 3,5 Sekunden auf Tempo 100. Foto: MG
Kraftprobe
Der knapp fünf Meter lange Elektro-SUV kommt in der Premiumversion mit Allradantrieb daher. Die beiden, zusammen 751 PS starken Hurricane-Maschinen an den Achsen beschleunigen den 2,4 Tonnen schweren Stromer in 3,5 Sekunden auf Tempo 100. Foto: MG

Dafür gibt es ein Elektroauto mit 800-Volt-Architektur, das in den Fahrleistungen dem Aston Martin durchaus Konkurrenz machen könnte. Bei der Höchstgeschwindigkeit nicht unbedingt: Statt bei 310 km/h regelt der MG in der von uns gefahrenen Allradversion „schon“ bei 239 km/h ab. Aber der Sprint auf Tempo 100 gelingt mit dem Premium IM 6 dank zweier „Hurricane“-E-Maschinen an Vorder- und Hinterachse in atemberaubenden 3,5 Sekunden. Da herrscht schon fast Gleichstand – der DBX707 ist nur zwei Zehntelsekunden schneller. Und mit seiner Spitzenleistung von 553 kW oder 751 PS überflügelt der chinesische Brite sogar den Vollblut-Engländer, der maximal 520 kW oder 707 PS zu mobilisieren versteht. Damit könnte die MG-Verkäufer sicher nicht nur an den inzwischen 200 Vertriebsstützpunkten hierzuzulande gut punkten.

MG IM6 mit Luftfahrwerk und Allradlenkung

Wobei die Fahrzeuge von Aston Martin sicher nicht Benchmark sind für die neuen Oberklasse-Stromer der IM-Linie, mit denen MG nun in höhere Markt-Sphären und Preisregionen vorstößt. Die beiden Buchstaben stehen übrigens für „Intelligence in Motion“ und finden sich in stilisierten Morsezeichen auf der Front und auf der Heckklappe wieder. Nein, eher bieten sich Vergleiche mit einem Audi Q6 e-tron an, einem BMW iX5 oder einem Mercedes EQS SUV – Stromer mit ähnlichen Batteriekapazitäten und Leistungsdaten, aber zu deutlich höheren Preisen. Und da kann der neue MG IM6 nicht nur mit einem deutlich günstigeren Preis auftrumpfen, sondern auch mit einnigen technologischen Schmankerl wie einem Luftfahrwerk und einer Allradlenkung, mit der sogar ein „Krebsgang“ möglich ist. Etwa um das Fahrzeug nach dem Einparken noch ein paar Zentimeter näher an die Garagenwand heranzurücken.

Einmal kurz, zweimal lang, einmal kurz
Kleiner Insider-Tipp: Das Logo auf der Frontmaske des MG-SUV gibt die Modellbezeichnung IM im Morsecode wieder. Foto: MG

Die serienmäßige Hinterachslenkung schlägt die Räder bei niedrigem Tempo um bis zu sechs Grad gegenläufig ein und schrumpft den Wendekreis des 4,90 Meter langen Kolosses auf verblüffende 10,18 Meter – Werte, die man sonst von Kleinwagen kennt. Wer die optionale adaptive Luftfederung ordert, die exklusiv im 2.000 Euro teuren „Drive Pack“ für den Premium AWD samt 21-Zoll-Rädern steckt, gleitet zudem auf langen Autobahnetappen souverän über Unebenheiten in der Fahrbahn hinweg, während sich die Dämpfer im Sport-Modus spürbar straffen. Auf den Passstraßen des französischen Jura konnten wir damit den MG IM6 wunderbar durch die Kurven treiben.

Wendig wie ein Kleinwagen, geladen in 17 Minuten

Sein technisches Meisterstück liefert der MG IM6 jedoch nicht auf der Piste, sondern an der Ladesäule ab. Unter dem Fahrzeugboden sitzt ein flüssigkeitsgekühlter 100-kWh-NMC-Speicher (96,5 kWh netto), der dank moderner 800-Volt-Architektur an einem Hypercharger Gleichstrom mit einer Spitzenleistung von bis zu 396 kW aufsaugt. Unter optimalen Bedingungen vergehen für den Hub von 10 auf 80 Prozent State of Charge (SoC) gerade einmal 17 Minuten. Damit deklassiert MG das Gros der deutschen Premium-Konkurrenz, die an Schnellladern oft etliche Minuten länger verweilen müssen.

Die Reichweite liegt bei alltagstauglichen 625 Kilometern beim heckgetriebenen Einstiegsmodell und bis zu 545 Kilometern bei der Allradversion (505 Kilometer mit Drive Pack). Zumindest nach den Laborwerten des WLTP-Prüfzyklus. Bei unserer Testfahrt mit dem Allradler bei spätsommerlichen Temperaturen kamen wir auf einen Durchschnittsverbrauch von 20 kWh/100 – rund 500 Kilometer sind also durchaus realistisch. Auch nett: Mit 230-Volt-Vehicle-to-Load (V2L) fungiert der Akku auf Wunsch zudem als mobile Powerbank für externe Geräte.

Business-Lounge mit 20 Lautsprechern und digitalem Regen-Radar

Auch beim Interieur verweigert sich die SAIC-Tochter jeglicher chinesischer Billig-Anmutung. Das Cockpit wird von einer geschwungenen Displaylandschaft beherrscht: Ein 26,3 Zoll großes Panoramadisplay spannt sich weit über das Armaturenbrett, ergänzt um einen hochkant platzierten 10,5-Zoll-Touchscreen auf der Mittelkonsole. Trotz digitaler Übermacht gelingt die Bedienung ohne Verwirrung. Smartphones docken kabellos über Apple CarPlay oder Android Auto an und laden in einer belüfteten 50-Watt-Ladeschale, ohne zu überhitzen.

Alles vom Feinsten
Auch beim Interieur verweigert sich die SAIC-Tochter MG jeglicher chinesischer Billig-Anmutung. Das Cockpit wird von einer geschwungenen Displaylandschaft beherrscht: Ein 26,3 Zoll großes Panoramadisplay spannt sich weit über das Armaturenbrett, ergänzt um einen hochkant platzierten 10,5-Zoll-Touchscreen auf der Mittelkonsole. Auf ein Head-up-Display kann man da leicht verzichten.
Alles vom Feinsten
Auch beim Interieur verweigert sich die SAIC-Tochter MG jeglicher chinesischer Billig-Anmutung. Das Cockpit wird von einer geschwungenen Displaylandschaft beherrscht: Ein 26,3 Zoll großes Panoramadisplay spannt sich weit über das Armaturenbrett, ergänzt um einen hochkant platzierten 10,5-Zoll-Touchscreen auf der Mittelkonsole. Auf ein Head-up-Display kann man da leicht verzichten.

Für echte Oberklasse-Atmosphäre sorgt die akustische Isolation: Doppelt verglaste Scheiben und ein aktives System zur Fahrgeräuschunterdrückung (Road Noise Cancellation) sperren Abroll- und Windgeräusche wirkungsvoll aus. So kommt das serienmäßige Soundsystem mit 20 Lautsprechern voll zur Geltung. Fahrer und Beifahrer nehmen auf vielfach elektrisch verstellbaren Sitzen Platz, die serienmäßig beheizt, belüftet und beim Fahrer mit Massagefunktion ausgerüstet sind. Die hinteren Passagiere freuen sich über reichlich Beinfreiheit dank des 2,95 Meter langen Radstands, ein riesiges Panorama-Glasdach und ebenfalls beheizbare Außenplätze.

Großes Gepäckabteil und smarte Lösungen

Auch der Nutzwert kommt im IM6 nicht zu kurz: Das Gepäckabteil fasst 665 bis 1.640 Liter (mit Drive Pack: 646 bis 1.621 Liter), hinzu kommt ein 32-Liter-Frunk unter der Fronthaube sowie eine gebremste Anhängelast von 1.500 Kilogramm. Clever – Stichwort: Intelligenz in Bewegung – zeigen sich die Software-Details des vernetzten Assistenzpakets „IM AD“:

  • One-Touch iAD: Das System parkt nicht nur vollautomatisch ein und aus, sondern merkt sich mit „One-Touch Reverse“ die letzten Meter und fährt später auf Knopfdruck enge Einfahrten autonom und auf gleichem Kurs im Rückwärtsgang wieder heraus.
  • Rainy Night Mode: Kameras und Radarsensoren errechnen bei Dunkelheit und Platzregen ein klares, kantenverstärktes Bild der Umgebung auf das Fahrerdisplay, damit Fußgänger oder Fahrbahnränder trotz schlechter Sicht frühzeitig erkannt werden.

Das Schwestermodell MG IM5: Flacher, straffer, 268 km/h schnell

Wem das SUV-Format trotz Kabaň-Design noch zu wuchtig ist, für den hat MG ein zweites Eisen im Feuer: die Fließheck-Limousine MG IM5. Diese nutzt die identische Plattform, die gleichen „Hurricane“-Motoren und den 100-kWh-Akku samt 396 kW Ladeleistung, schlägt aber eine deutlich kompromisslosere, sportlichere Tonart an. Mit einer Höhe von nur 1,47 Metern duckt sich der viertürige Fastback fast 20 Zentimeter tiefer auf den Asphalt als das SUV-Pendant. Das drückt den Luftwiderstandsbeiwert auf einen exzellenten cW-Wert von 0,237 und treibt die Reichweite des 300 kW (407 PS) starken Hecktrieblers auf bis zu 710 Kilometer nach der WLTP-Norm (AWD: 575 Kilometer).

Flachmann 
Mit einer Länge von 4,93 Metern macht der MG IM5 dem BMW i5 Konkurrenz. Dank einer strömungsgünstigen Karosserie und effizienter E-Maschinen kommt die heckgetriebene Version mit dem Inhalten seines 100 kWh großen Akkus bis zu 710 Kilometer weit.
Flachmann
Mit einer Länge von knapp fünf Metern macht der MG IM5 dem BMW i5 Konkurrenz. Dank einer strömungsgünstigen Karosserie und effizienter E-Maschinen kommt die heckgetriebene Version mit dem Inhalten seines 100 kWh großen Akkus bis zu 710 Kilometer weit, 100 Kilometer weiter als der Bayer. Und Strom nimmt er am Hyperpower mit 396 kW auf – der BMW schafft nur 205 kW in der Spitze.

Noch deutlicher wird der Unterschied beim Fahrwerk und den Fahrleistungen. Der IM5 verzichtet bewusst auf das sänftenartige Luftfahrwerk des SUV. Stattdessen setzt die Limousine auf eine spürbar straffere, direkt ansprechende mechanische Abstimmung der Doppelquerlenker-Vorderachse und Mehrlenker-Hinterachse. Kombiniert mit der Allradlenkung (die Hinterräder schlagen bei Bedarf bis zu 12 Grad ein) fühlt sich der Viertürer auf kurvigen Landstraßen extrem agil an und wendet im Fall der Fälle auf kleinwagenhaften 9,98 Metern. Und durch die bessere Aerodynamik und das geringere Gewicht nimmt der IM5 dem Schwestermodell IM6 beim Standardspurt auf Tempo 100 nochmals drei Zehntel ab – die Allradversion katapultiert sich in supersportwagenmäßigen 3,2 Sekunden aus dem Stand.

IM 5 startet bereits bei 53.990 Euro

Und während der IM6 wie geschildert bei 239 km/h elektronisch den Riegel vorschiebt, lässt MG der Limousine IM5 in der Premium-Version freien Lauf: Erst bei 268 km/h endet der Vortrieb – wo immer das noch möglich ist. Damit stößt der IM5 in Temporegionen vor, in denen bislang fast nur ein Porsche Taycan oder Tesla Model S Plaid zu Hause waren.

Taycan-Fighter IM5 
Die 751 PS starke und 268 km/h schnell Allradrakete kostet keine 150.000 Euro wie der ähnlich starke Porsche Taycan GTS mit 105 kWh Akku, sondern gerade mal 58.990 Euro. Und Panorma-Glasdach und Allradlenkung sind bereits im Preis inbegriffen. Bild: MG
Taycan-Fighter IM5
Die 751 PS starke und 268 km/h schnell Allradrakete kostet keine 150.000 Euro wie der ähnlich starke Porsche Taycan GTS mit 105 kWh Akku, sondern gerade mal 58.990 Euro. Und Panorma-Glasdach und Allradlenkung sind bereits im Preis inbegriffen. Bild: MG

Zudem unterbietet die Sportlimousine das SUV preislich nochmals spürbar: Der MG IM5 startet bereits bei 53.990 Euro, die 751 PS starke Allradrakete wechselt ab 58.990 Euro den Besitzer. Das ist in etwa der Preis, den Mercedes für CLA 250+ im AMG-Trim aufruft, der nicht nur weniger Leistung bietet, sondern Passagieren und ihrem Gpäck auch deutlich weniger Platz offeriert. Und der obendrein für den Sprint auf Tempo 100 fast doppelt so lange braucht.

Zusammen mit der siebenjährigen Herstellergarantie (bis 150.000 Kilometer) zünden die Chinesen mit dem Duo aus IM6 und IM5 also einen handfesten Angriff auf das europäische E-Segment. Nicht gegen Aston Martin, aber Audi, BMW, Mercedes-Benz und auch Tesla müssen sich auf extrem selbstbewusste Gäste auf der Überholspur einstellen.

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