In China macht man keine halben Sachen. Das haben die westlichen Autobauer mittlerweile gelernt. SAICs Premiumtochter MG ist das beste Beispiel. Das E-SUV IM6, der unter dem Namen der britischen Traditionsmarke angeboten wird, ist eindeutig ein Konkurrent des Tesla Model Y. Ein Blick genügt, um das festzustellen.
Da doppelt gemoppelt besser hält, werfen die Chinesen mit der Elektro-Limousine IM5 nun gleich auch noch einen Model-3-Konkurrenten mit in den Ring. Beide IMs sind einander wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber im Detail gibt es technische Unterschiede, die über die Fahrzeuggattung hinausgehen.

In China ist IM eine Submarke von SAIC, in Europa wird das Modell unter der Marke MG vertrieben. Das Markenzeichen am elegant geschwungenen Heck im Stil von Aston Martin Heck stellt übrigens einen binären Code dar – und steht für „Intelligent Mobility“.
Das fängt bei den Batteriegrößen des IM5 an. Nicht bei der Performance-Version, die wir gefahren sind. Da ist bei beiden Stromern eine NMC-Batterie (Nickel-Mangan-Cobalt) mit einer Kapazität von 100 Kilowattstunden (96,5 kWh netto) verbaut. Allerdings bietet MG beim IM5 auch eine Einsteigerversion mit einer 400-Volt-Architektur an, die mit einem 75-kWh-LFP-Akku (Lithium-Eisenphosphat), mit Heckantrieb und einer Antriebsleistung von 217 kW (295 PS) ausgestattet ist. Das reicht für 490 Kilometer.
Preise ab 45.700 Euro aufwärts
Da diese Energiespeicher günstiger sind als die NMC-Variante, kann MG den IM5 in Großbritannien zu einem Preis von umgerechnet rund 45.700 Euro anbieten. Dabei muss man beachten, dass das Vereinigte Königreich aktuell zehn Prozent Zoll auf chinesische Autos erhebt. Zum Vergleich: Das Model 3 startet hier bei umgerechnet 40.970 Euro und kommt mit einer Ladung seines Akkus 513 Kilometer weit. Das zeigt, dass Tesla nach wie vor bei der Effizienz weit vorne mitspielt. Dagegen bietet der IM5 einiges an Ausstattung. Darunter ein Soundsystem mit 20 Lautsprechern, einer aktiven Geräuschunterdrückung sowie autonome Fahrfunktionen wie das Ein- und Ausparken per Knopfdruck.

Mit 4,90 Metern ist der IM5 einen Tick länger als das Model 3 von Tesla (4,76 Meter). Mit dem Radstand von 2,95 Metern übertrifft der Chinese den direkten Konkurrenten aus Kalifornien (2,87 Meter) hingegen klar, was dem Platzangebot im Innenraum zugute kommt.
Das Top-Modell verfügt über einen Allradantrieb und massives Drehmoment von 802 Newtonmetern. Es kostet umgerechnet etwa 56.200 Euro, kommt mit einer Akkuladung maximal 575 Kilometer weit und hat 553 kW (752 PS) Antriebsleistung. Die enorme Kraft liefern zwei PSM-Maschinen (permanenterregte Synchronmotoren) mit 330 kW an der Hinterachse und 253 kW vorne. Diese „Hurricane“-Triebwerke lassen sich gut kühlen, schneiden deswegen bei der Rekuperation gut ab und strecken auch nicht die Kupferwicklungen, wenn man mehrmals hintereinander ambitioniert beschleunigt.
Top-Speed von 267 km/h
Das Ansprechverhalten ist auch dementsprechend gut. Bei unserer Testfahrt kamen wir auf einen Durchschnittsverbrauch von 23,0 kWh/100 km, also 3,3 kWh/100 km mehr als im Datenblatt angegeben. Trotz der Leistung ist dieser Wert ein wenig hoch. Schließlich haben wir nicht einmal an der Höchstgeschwindigkeit von 267 km/h gekratzt und den 2.298 Kilogramm schweren IM5 nicht in 3,2 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h beschleunigt. Wem Hinterradantrieb, 300 kW sowie 500 Nm reichen, der kann sich die Long Range Version des IM5 holen und mit einer Batterieladung bis zu 710 km zurücklegen. Der niedrige cW-Wert von 0,226 hilft dabei.

Blick in den Innenraum eines MG IM5 für den britischen Elektroauto-Markt. Wie bei Tesla werden die meisten Funktionen auch hier über das Display in der Mittelkonsole gesteuert. Aufgrund dessen tiefer Lage ist die Ablenkungsgefahr für den Fahrer groß.
Das Fahrwerk ist dem Antriebs-Tsunami der Performance-Variante durchaus gewachsen. Es verfügt über adaptive Dämpfer und Stahlfedern. Das klingt zunächst weniger spannend als die Hightech-Variante mit Luftfedern, die bei großem SUV-Bruder IM6 verbaut ist. Die Konstruktion schlägt sich aber im Alltagseinsatz durchaus beachtlich. Das Fahrwerk ist „europäischer“ abgestimmt, ohne übertrieben straff zu sein. Es agiert verbindlich und nervt die Insassen nicht mit einem übertriebenen Nachwippen, sobald man eine Bodenunebenheit überfährt.
Gleichstrom laden mit bis zu 396 kW
Dass die Batterie Teil des Rohbaus ist, hilft bei der Verwindungssteifigkeit und damit auch beim Komfort. Daher kommt der IM5 mit schlechten Straßen gut zurecht. Die im Vergleich zur chinesischen Version dickeren Querstabilisatoren der Europa-Ausführung machen sich beim Einlenken und dem Durchfahren von Kurven positiv bemerkbar. Die Hinterachslenkung, bei der die Räder mit maximal sechs Grad einschlagen, hilft obendrein bei Wendemanövern.

Bein- und Kopffreiheit sind im Fond der Limousine ausreichend. Die Verarbeitung ist auf dem Niveau westlicher Premiumanbieter.
Dennoch kann der Stromer aus dem Reich der Mitte seine Herkunft nicht ganz verleugnen. Die Beinauflage der Vordersitze ist zu kurz und der Seitenhalt darauf gering. Positiv hingegen sind die kurzen Boxenstopps an der Ladesäule. Aufgrund der maximalen Ladeleistung von 396 kW sind die Akkus innerhalb von 17 Minuten von zehn auf 80 Prozent gefüllt. Die AC-Ladeleistung an der Wallbox geht mit 11 kW in Ordnung. SAIC beziehungsweise MG IM denkt bereits an die Zukunft. Denn die noch namenlose BEV-Plattform ist auch für Feststoffbatterien geeignet, erfahren wir am Rande der Fahrpräsentation auf der Insel.
Mit aktiver Geräuschunterdrückung
Wenn man im IM5 unterwegs ist, fällt auf, wie ruhig es in dem flotten Chinesen zugeht. Das liegt unter anderem an einer Technologie, die ähnlich wie die Geräuschunterdrückung bei Noise-Cancelling-Kopfhörern funktioniert und die Innenraumgeräusche um 12 dB reduziert. Nicht nur deswegen geht es im MG IM5 ziemlich gemütlich zu. Der Radstand ist mit 2,95 Metern identisch zum SUV IM6, der mit einer Länge von 4,90 Metern drei Zentimeter kürzer als der IM5 ist, aber mit einer Breite von 1,99 Metern drei Zentimeter breiter. Das bedeutet, dass sich auch klaustrophobische Naturen in der Limousine nicht beengt fühlen. Bei der Verarbeitungsqualität können die chinesischen Autobauer ohnehin mithalten.

Im Unterschied zum Model 3 von Tesla verfügt der MG IM5 hinten über eine große Ladeklappe mit Elektroantrieb, was die Beladung ungemein erleichtert. Das Fassungsvermögen des Gepäckabteils ist 457 bis 1.290 Liter mehr als ausreichend.
Auch das Infotainmentsystem entspricht dem des teureren Bruders. Vor dem Fahrer baut sich ein 26,3 Zoll großes Display für die digitalen Instrumente auf, das zum Teil den eigenen Bedürfnissen und Wünschen angepasst werden kann. Die identische Bestückung heißt aber auch, dass sich der 10,5-Zoll-Touchscreen, über den das Infotainmentsystem gesteuert wird, links neben dem Fahrersitz (wir saßen in einer Rechtslenkerversion) befindet und damit zu tief angebracht ist. Bei jedem Bedienschritt wandert der Blick des Piloten des unweigerlich kurz nach unten. Stichwort: Fahrerablenkung.
Start in Deutschland noch nicht terminiert
Als Alternativen stehen die Walzen im Lenkrad und die Sprachbedienung zur Verfügung. Immerhin findet man in den Türen noch ein paar klassische Elemente, wie etwa die Fensterheber. Das Smartphone ruht in einer gekühlten Ladeschale und zieht mit beachtlichen 50 Watt Strom. Apple CarPlay und Android Auto funktionieren drahtlos.

Noch bietet MG für den IM5 kein autonomes Fahren auf Level 3 an, aber das ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Die dafür nötige Sensorik ist en sind schon an Bord. Fotos: MG
Bei den Fahrassistenten herrscht zwischen den beiden Brüdern ebenfalls Gleichstand. Deshalb freuen wir uns auch im IM5 über den Robo-Parkassistenten, der das Auto auf Knopfdruck längs oder quer abstellt. Diese Funktion und die Rundumkamera helfen, sobald man das Steuer selbst in die Hand nimmt, da der Blick durch die Heckscheibe dem durch eine Schießscharte gleicht. Unterwegs unterstützen die Sensoren auch den Tempomaten. Noch bietet MG für den IM5 kein autonomes Fahren auf Level 3 an, aber das ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.
Apropos: Auch der MG IM5 kommt zunächst in Großbritannien, Norwegen und der Schweiz auf den Markt. Der Termin für den Marktstart in Deutschland steht noch nicht fest.