Wenn Nio von Handarbeit spricht, dann meint es der chinesische Autobauer auch so. Beweise gefällig? Der dunkelblaue Metallic-Lack mit dem Namen „Midnight Ceramic Blue“ wird 60 Stunden lang von Hand poliert. Da kann selbst ein Rolls-Royce-Chauffeur nur anerkennend den Hut ziehen. Und das ist nicht das einzige Pfund, mit dem der chinesische Autobauer wuchert: Das aktive Sky-Ride-Fahrwerk soll für den bestmöglichen Fahrtkomfort sorgen. Andere sprechen vom fliegenden Automobil-Teppich. Nio will ihn aus der Märchenwelt von Tausendundeiner Nacht auf den Asphalt holen. Für die chinesischen Techniker verdient ein solches System nur dann das Attribut „aktiv“, wenn die Dämpfer selbst die Zug- und die Druckstufe aktivieren können. Das System soll 60,mal schneller reagieren als eine reine Luftfeder.

Das Fahrwerk, das der chinesische Autobauer zusammen mit dem amerikanischen Start-up Clearmotion entwickelt hat, greift das Prinzip auf, das Porsche schon beim Panamera nutzt: An jedem Rad befindet sich eine elektrisch angesteuerte Hydraulikpumpe, die in das Federbein integriert ist. Die blitzschnelle Reaktionszeit von 50 Millisekunden soll zu einem samtweichen Fahrerlebnis führen. Zum Vergleich: Das hydraulische Fahrwerk des Porsche Panamera passt sich innerhalb von 200 Millisekunden den Fahrbahnverhältnissen an.

NOMI an Bord 
Wie bei allen Fahrzeugen von Nio ist auch im ET9 der kleine putzige KI-Assistent an Bord. Die Einstellung des Fahrwerks nach seinem pwrsönlichen Geschmack kann der Fahrer allerdings selbst vornehmen. Fotos: Nio
NOMI an Bord
Wie bei allen Fahrzeugen von Nio ist auch im ET9 der kleine putzige KI-Assistent an Bord. Die Einstellung des Fahrwerks nach seinem pwrsönlichen Geschmack kann der Fahrer allerdings selbst vornehmen. Fotos: Nio

„Wir haben gemeinsam mit Motion Control das Fahrwerk in eine neue Stufe gehoben“, freut sich Techniker Jonathan Rayner. Und die nächste Stufe ist schon in der Mache: Im Herbst wird eine Kamera installiert, die Hindernisse auf dem Weg erkennt und das Fahrwerk darauf vorbereitet. Ein ähnliches System hat Mercedes schon länger im Einsatz. Derweil sammeln Fahrer der Nio-Modelle ET9 und EP9 sämtliche Schlaglöcher und andere Bodenunebenheiten auf den Straßen Chinas, laden diese in eine Cloud hoch, auf die der Nio ET9 und somit das Sky-Ride-Fahrwerk zugreifen kann.

Vollvernetztes und mit Sensoren gespicktes Chassis

Das vernetzte Chassis besteht nicht nur aus dem Fahrwerk, sondern basiert auf dem Zusammenspiel vieler Komponenten wie die Steer-by-Wire-Lenkung, der Hinterachslenkung, die die Räder mit maximal 8,25 Grad einschlägt und eine ganze Armada von Computerchips und Steuergeräten, die eine monströse Datenmenge der Sensorphalanx verarbeiten. „Die Software ist ganz wichtig“, weiß Fahrdynamiker Figo Wang, der aber auch das Perfektionieren durch einen Menschen auf unzähligen Erprobungskilometern zu schätzen weiß.

Fliegender Teppich 
Das Sky-Ride-Fahrwerk des ET9 soll für den bestmöglichen Fahrtkomfort sorgen. An jedem Rad befindet sich eine elektrisch angesteuerte Hydraulikpumpe, die mit einer Reaktionszeit von 50 Millisekunden auf Fahrbahnunebenheiten reagiert.
Fliegender Teppich
Das Sky-Ride-Fahrwerk des ET9 soll für den bestmöglichen Fahrtkomfort sorgen. An jedem Rad befindet sich eine elektrisch angesteuerte Hydraulikpumpe, die mit einer Reaktionszeit von 50 Millisekunden auf Fahrbahnunebenheiten reagiert.

Jetzt geht es ans Eingemachte. Denn auf einem Testparcours sind genau jene Hindernisse aufgebaut, mit denen das NIO-Flaggschiff auf Videoaufnahmen die deutsche Premium-Konkurrenz alt aussehen lässt. Wir machen die Probe aufs Exempel und jagen erst den BMW i7 über den von NIO präparierten Kurs, auf dem sich die Hindernisse gleichmäßig versetzt voneinander befinden. Während wir in der Münchner Limousine wie ein Cocktail im Barmixer durchgeschüttelt werden, absolviert der Nio ET9 diese Prüfung souverän. Ganz wegbügeln kann auch der chinesische fliegende Teppich die Buckel zwar nicht, dennoch durchquert er den Parcours deutlich geschmeidiger als der weißblaue Fahnenträger. Selbst wenn bei Tempo 180 ein Reifen platzt, bleibt der Luxus-Stromer aus China noch stabil und beherrschbar. Auch davon konnten wir uns überzeugen.

Champagner-Test auf der Buckelpiste

Natürlich haben wir uns auch den sogenannten Champagner-Test vorführen lassen. Mit einer Pyramide aus gefüllten Gläsern auf der Fronthaube überquert der China-Luxusdampfer einige Hindernisse, ohne einen Tropfen der edlen Weinbrause zu vergießen. Dieses Programm lässt nur Geschwindigkeiten bis 18 km/h zu und muss in einem Untermenü aktiviert werden. Letztendlich wird alles inklusive der Dämpfer und Federn dem Ziel untergeordnet, die Karosserie waagrecht zu halten. Der Stunt klappt. Die Laune der NIO-Ingenieure war nach der Demonstration so gut, als ob sie die Pulle selbst gelehrt hätten. Schon beeindruckend. Allerdings darf man bei dem ganzen Lob auch nicht vergessen, dass der ET9 einen Federweg von immerhin 22 Zentimetern hat.

Hohe Sitzposition 
Die Übersicht ist gut, aber großgewachsene Europäer kommen sich hinter dem kleinen Lenkrad und aufgrund der hohen Sitzposition des ET9 trotz des hohen Fahrkomforts und der hochwertigen Ausstattung nicht unbedingt wie einem Luxusauto vor.
Hohe Sitzposition
Die Übersicht ist gut, aber großgewachsene Europäer kommen sich hinter dem kleinen Lenkrad und aufgrund der hohen Sitzposition des ET9 trotz des hohen Fahrkomforts und der hochwertigen Ausstattung nicht unbedingt wie einem Luxusauto vor.

Mit diesem Wissen machen wir uns anschließend auf die Testfahrt und stellen fest, dass auch im Reich der Mitte Wunder etwas länger dauern. Ja, der ET9 federt gut und souverän ab, aber der Komfort ist nicht um ein Vielfaches besser als beispielsweise in einer Mercedes-S-Klasse oder einem BMW i7. Eher ähnlich. Wir goutieren diese Rest-Verbindlichkeit.

Fahrtkomfort nach chinesischem Geschmack

Das trifft auch auf das Bremsen und die Kurvenfahrten zu. Ein vollständiges Unterdrücken der Karosseriebewegungen würde den Fahrer eine nicht vorhandene Neutralität und Sicherheit vorgaukeln, selbst wenn das Fahrzeug sich dem Grenzbereich nähert. Deswegen nickt der ET9 beim Verzögern ein beziehungsweise neigt sich bei schnellen Richtungswechseln. Zumal die Abstimmung sehr komfortbetont ist, wie man es eben im Reich der Mitte mag.

Wobei uns Figo Wang versichert, dass man ein anderes Set-up finden wird, wenn der Wagen – wann auch immer – nach Europa kommt. Wieder ist die Software der entscheidende Hebel, mit dem die Anpassung realisiert wird. Auch die Steer-by-Wire-Lenkung erledigt ihre Aufgabe zuverlässig, wenngleich wir, was die Rückmeldung angeht, immer noch einer gut eingestellten elektromechanischen Lenkung den Vorzug geben. Aber man darf nie vergessen, dass der Nio ET9 ein Luxus-Schiff ist, das in erster Linie für Kunden in China konzipiert ist.

Kuschelecke 
Die 58,2 Zentimeter breiten Chefsessel im Fond sind extra dick gepolstert iund verfügen selbstverständlich über Massagefunktionen. Mit einem Druck auf den VIP-Knopf verwandelt sich die zweite Sitzreihe sogar in ein Schlafabteil, das sieben Gardinen abdunkeln.
Kuschelecke
Die 58,2 Zentimeter breiten Chefsessel im Fond sind extra dick gepolstert iund verfügen selbstverständlich über Massagefunktionen. Mit einem Druck auf den VIP-Knopf verwandelt sich die zweite Sitzreihe sogar in ein Schlafabteil, das sieben Gardinen abdunkeln.

Dass ein solches Elektroauto kein Leichtgewicht ist, liegt auf der Hand. Wir gehen von rund 2,7 Tonnen aus. Der Allradantrieb mit 180 kW oder 245 PS vorne sowie 340 kW oder 462 PS hinten (die Systemleistung beträgt 520 kW oder 707 PS) und einem maximalen Drehmoment von 700 Newtonmetern beschleunigt den ET9 in 4,3 Sekunden von null auf 100 km/h.

Schnelles Laden mit bis zu 600 kW

Aktuell verfügt das Flaggschiff von Nio über eine Batterie mit einer Kapazität von 100 Kilowattstunden (netto 95,8 kWh) an, die mit einer maximalen Ladeleistung von 325 kW befüllt werden kann. So dauert es circa 20 Minuten, um die Batterien von 10 auf 80 Prozent zu füllen. Ist der Stromspeicher vollständig geladen, kommt der ET9 auf 22 Zoll großen Rädern bis zu 650 Kilometer weit. Mit 23-Zöllern sind es 620 Kilometer. Alles nach dem chinesischen CLTC-Zyklus, dessen Reichweiten höher sind als beim europäischen WLTP-Test.

Fließende Linien
Als Fließhecklimousine kommt der Nio ET9 wie ein Porsche Taycan eher sportlich daher. Von einem Fahrzeug der Luxusklasse erwartet man eher ein Stufenheck - aber möglicherweise ändert sich auch hier gerade der Geschmack.
Fließende Linien
Als Fließhecklimousine kommt der Nio ET9 wie ein Porsche Taycan eher sportlich daher. Von einem Fahrzeug der Luxusklasse erwartet man eher ein Stufenheck – aber möglicherweise ändert sich auch hier gerade der Geschmack.

Später sollen für das Modell auch Akkus mit 120 kWh (netto 112 kW) Kapazität angeboten werden. Die maximale Reichweite beläuft sich dann auf 750 Kilometer (auf 22-Zoll-Rädern) bzw. 715 Kilometer auf 23 Zöllern. Die neue, von Nio selbst entwickelte NT-3.0-Plattform basiert auf einer 925-Volt-Technik, die ein Laden der großen Batterien mit bis zu 600 kW erlaubt.

So soll innerhalb von fünf Minuten Strom für 255 Kilometer Reichweite in die Energiespeicher fließen. Und das Heben des Ladestands von 10 auf 80 Prozent soll nur eine Viertelstunde dauern. Inwieweit diese Werte realistisch sind, werden Praxistests zeigen. Zumindest dürfte es schwer werden, Ladestationen zu finden, die dieses Potenzial bereits voll ausschöpfen. Besser ist es, eine der neuen Power-Swap-Stationen von Nio zu nutzen: Dann ist nach drei Minuten eine neue, zu 90 Prozent gefüllte Batterie an Bord. Den Stromverbrauch gibt der Hersteller beim ET9 übrigens mit 16,2 kWh/100 km an.

5D-Kinoerlebnisse im Stand

Womit wir uns aber nur schwer anfreunden können, ist das schmale oben und unten abgeflachte Lenkrad. Ja, wir verstehen, dass dies zusammen mit der hohen Sitzposition dazu beiträgt, dass man über den Lenkradkranz auf das schmale 48-Zoll-lange Displayband blicken kann. Während vor allem deutsche Hersteller immer breitere Monitorgruppen im Innenraum wuchern lassen, betreibt Nio eher Anzeigen-Detox. Neben dem großen 15,6-Zoll-Display (ganz ohne geht es in China natürlich nicht) als Kommandozentrale, stellen das Displayband und ein Head-up-Display mit Augmented-Reality-Anzeigen Informationen für den Fahrer bereit.

Klare Linien
Während deutsche Hersteller immer breitere Monitorgruppen im Innenraum installieren, beschränkt Nio das Angebot auf einen 15,6 Zoll großen Touchscreen sowie eine schmale Displayleiste hinter dem Lenkrad. Ein Head-up-Display fehlt natürlich auch nicht.
Klare Linien
Während deutsche Hersteller immer breitere Monitorgruppen im Innenraum installieren, beschränkt Nio das Angebot auf einen 15,6 Zoll großen Touchscreen sowie eine schmale Displayleiste hinter dem Lenkrad. Ein Head-up-Display fehlt natürlich auch nicht.

Richtig cool ist das 5D-Kino-Erlebnis, bei dem alle Systeme, inklusive dem Fahrwerk ein möglichst realistisches Szenario realisieren. Also hebt das Auto bei der (virtuellen) wilden Verfolgungsjagd durch die steilen Straßen von San Francisco gefühlt ab. Und bei einem Renn-Videospiel ist man als Fahrer mittendrin statt nur dabei. Schon lässig.

Schon für 87.000 Euro ist man dabei

Beim Interieur gibt sich Nio ohnehin keine Blöße. Insgesamt 200.000 Stiche sind nötig, um den Lederbezug an die richtige Stelle zu bringen und dort zu fixieren. Der 58,2 Zentimeter breite Chefsessel hinten links bietet eine Fläche von zwei Quadratmetern und ist mit 14 Lagen plus Schaum extra dick gepolstert und knetet den gestressten Manager mit einer 16-Punkt-Massage richtig durch. Mit einem Druck auf den VIP-Knopf verwandelt sich der Fond sogar in einen Schlafwagen, den sieben Gardinen abdunkeln. Bei einem Radstand von 3,25 Metern und einer Fahrzeuglänge von 5,32 Metern ist das kein Problem. In der zweiten Reihe sitzt man so weit hinten, dass die C-Säule den Passagier verdeckt. Will man aus- oder einsteigen, schwingen die Pforten wie bei Rolls-Royce per Knopfdruck weit auf. Ein Zehn-Liter-Kühlschrank kühlt Getränke auf minus zwei Grad herunter, ein kleiner Safe zwischen den Sitzen sichert Wertsachen. Was will man mehr?

Und was kostet der Spaß? Nio ruft für den ET9 umgerechnet rund 103.000 Euro inklusive Akku auf. Nur 87.000 Euro sind es, wenn man sich für „Battery as a Service“ entscheidet und den Stromspeicher nur mietet, nicht kauft. Spätestens an dem Punkt kann kein deutscher Hersteller mehr mithalten. Und Rolls-Royce schon gar nicht: Das kleinste Modell dort, der Ghost, ist mindestens dreimal so teuer.

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