Nissan baute bereits Elektroauto, als Tesla noch gar nicht erfunden war. Bereits in den 1980 fertigte das Unternehmen einen Mittelklasse-Van, der seinen Fahrstrom aus Lithium-Ionen bezog. Und 2009 startete die Serienproduktion des Leaf, des bis Ende 2019 meistverkauften Elektroautos der Welt. Tesla baute damals noch aus England importierte Lotus-Roadster in mühevoller Handarbeit zu Stromern um.

Der Nissan Leaf wird mittlerweile in der zweiten Generation produziert, fast 600.000 Exemplare davon sausen inzwischen über die Straßen der Welt. 2025 soll im britischen Sunderland gewissermaßen die dritte Generation anlaufen, dann allerdings in Gestalt eines Crossovers im B-Segment. Und beim Leaf – oder wie er dann heißt – wird es nicht bleiben. Bis zum Geschäftsjahr 2030 will Nissan im Rahmen des Transformationsprogramms „Next“ 15 neue reine Elektroautos auf den Markt bringen – vom Cabriolet über einen Van bis hin zum Pickup. Fünf davon sind für den europäischen Markt vorgesehen, der, was die Entwicklung der Elektromobilität anbetrifft, derzeit die Pace vorgibt.

Luxusklasse im Visier 
In der Performance-Version soll der Nissan Ariya unter anderem dem Audi e-tron und dem Jaguar i-Pace Konkurrenz machen.
Luxusklasse im Visier
In der Performance-Version soll der Nissan Ariya unter anderem dem Audi e-tron und dem Jaguar i-Pace Konkurrenz machen.

Bis dahin soll auch die Lithium-Ionen-Technologie weiterentwickelt und eine eigene Feststoffbatterien auf den Markt gebracht werden. Mit einer höheren Leistungsdichte, höheren Ladeleistungen, zu deutlich geringeren Produktionskosten. Das Pilotwerk dafür soll 2028 die Produktion aufnehmen.

Verkauf des Ariya startet am 1. April

Aber jetzt gilt die volle Aufmerksamkeit zunächst einmal dem Ariya, dem neuen Elektro-Flagschiff von Nissan. Einem ausgewachsenen Crossover von 4,60 Metern Länge, mit Front- und Allradantrieb, Antriebsleistungen zwischen 218 und 394 kW und zwei Akkupaketen, die entweder 63 oder 87 Kilowattstunden (kWh) Strom speichern können. Im Sommer kommt der futuristisch gestylte Stromer in Europa auf den Markt – etwa zeitgleich mit dem neuen Renault Mégane E-Tech, mit dem der Nissan Ariya die Plattform teilt.

Am 1. April – kein Scherz – beginnt offiziell der Verkauf. Die Preise beginnen bei etwa 48.000 Euro und reichen je nach Konfiguration und Ausstattung vorerst bis etwa 60.000 Euro. Später soll noch eine Performance-Version nachgereicht werden. Damit kratzt man dann schon fast an der Oberklasse und stellt sich gegen den Audi e-tron und Jaguar i-Pace auf. Leistungsmäßig und preislich.

Mein Freund, der Kupferschmied 
Zum Hingucker wird der Ariya vor allem in der Zweifarblackierung Akatsuki: Der Kupferton soll auf den Elektroantrieb hinweisen und den Aufbruch in eine neue Autombil-Ära farbig untermalen. Foto: Nissan
Mein Freund, der Kupferschmied
Zum Hingucker wird der Ariya vor allem in der Zweifarblackierung Akatsuki: Der Kupferton soll auf den Elektroantrieb hinweisen und den Aufbruch in eine neue Autombil-Ära farbig untermalen. Foto: Nissan

In der Nähe von Madrid konnten wir jetzt erstmals den neuen Ariya fahren, mit Frontantrieb und kleinem Akku. Der Japaner sieht nicht nur schick aus, sondern bietet dank 90 Millimeter mehr Radstand im Innern auch deutlich mehr Platz als das Schwestermodell von Renault. Wobei: „Der Ariya spielt eigentlich in einer anderen Klasse“, sagt Arnaud Charpentier, der bei Nissan Europe für das Produkt-Marketing verantwortlich ist. Der Antrieb sei stärker, das Fahrwerk aufwändiger, das Platzangebot größer – das zeige, was alles mit der neuen Plattform CMF-EV möglich ist.

Schnellladen per CCS

Der Nissan Ariya ist gewissermaßen der vollelektrische Nachfolger des Nissan Qashqai, mit einer vergleichbaren Geländegängigkeit und Bodenfreiheit, nur emissionsfrei. Und der erste Eindruck ist: Der Neue bietet trotz einer auf 160 km/h limitierten Höchstgeschwindigkeit (mit dem großen Akku sind 200 km/h drin) beste Voraussetzungen, um Nissan beim Rennen auf der Electric Avenue wieder ganz nach vorne zu bringen. Der Leaf verkauft sich angeblich zwar immer noch gut. Doch im Wettstreit mit dem ID.3 von VW hatte der Brite doch zuletzt einiges an Boden verloren. Die neuen Räder, die er zum Modelljahr 2022/23 spendiert bekommt, werden daran wenig ändern können.

Cafe-Lounge auf einem Raumschiff 
Minimalistisch wurde das Cockpit des neuen Nissan Ariya gestaltet. Edle Oberflächen und Materialien tun ein übriges, um im Innern des Elektroautos für einen futuristischen Lounge-Charakter zu sorgen. Foto: Nissan
Cafe-Lounge auf einem Raumschiff
Minimalistisch wurde das Cockpit des neuen Nissan Ariya gestaltet. Edle Oberflächen und Materialien tun ein übriges, um im Innern des Elektroautos für einen futuristischen Lounge-Charakter zu sorgen. Foto: Nissan

Das größte Handicap des Modells ist inzwischen der Schnell-Ladeanschluss vom Typ Chademo, mit dem der im britschen Sunderland produzierte Stromer ausgestattet ist: Der Ladestandard ist in Europa auf dem absteigenden Ast. Kaum ein Ladepunkt-Betreiber investiert noch in die Technik. Der Ariya kommt deshalb von Anfang an mit einem Schnellladeanschluss vom Typ CCS, über den Gleichstrom mit bis zu 130 kW aufgenommen werden kann. Und die Ladeleistung liegt laut Charpentier nicht nur kurz an, sondern wird eine ganze Weile gehalten, so dass der große Akku spätestens nach 35 Minuten wieder zu 80 Prozent gefüllt ist. Wir glauben das jetzt mal – überprüfen ließ es bei der kurzen Testfahrt nicht.

Testverbrauch von über 30 kWh

Sie lieferten auch nur ungefähre Hinweise auf den Energieverbrauch und die Reichweite. Laut Bordcomputer kam unser Testwagen mit einer Kilowattstunde 3,2 Kilometer weit. Das würde einem Verbrauch von 31 kWh auf 100 Kilometern entsprechen und bedeuten, dass das Elektroauto in der Ausführung mit einem kleinen Akku schon nach gut 200 Kilometern eine Ladesäule aufsuchen müsste. Allerdings haben wir den Stromer auf der Testfahrt auch ordentlich rangenommen. Offiziell ist von einem Verbrauch von 15 kWh/100km und einer Reichweite von 403 Kilometern nach der Verbrauchsnorm WLTP die Rede. Beides harrt der Überprüfung bei einem ausführlicheren Test.

Bei dem Termin in Madrid war der neue Ariya nur ein Elektroauto unter mehreren. Wobei die Nissan-Manager den Begriff in der Übergangszeit noch sehr weit fassen. Zur Elektro-Offensive zählt jedenfalls auch der neue Nissan Qashqai ePower, der ebenfalls im Sommer auf den Markt kommt. Das angeblich erfolgreichste Family-Crossover in Europa fährt in der neuen Variante zwar ausschließlich elektrisch. Aber im Hintergrund läuft beinahe permanent ein 116 kW (156 PS) starker Dreizylinder-Benziner im optimalen Drehzahlbereich zwischen 1500 und 2400 Umdrehungen mit. Er arbeitet als Generator und füttert eine kleine Batterie mit 2,1 Kilowattstunden Kapazität mit Strom. Die Batterie wiederum versorgt einen 140 kW starken Elektromotor mit Energie, der wiederum die Vorderachse antreibt. Klingt kompliziert und aufwändig, ist es auch. Aber das Konzept hilft, den Verbrauch des SUV auf 5,3 Liter Benzin auf 100 Kilometer zu senken – und bessert nebenbei die CO2-Bilanz von Nissan auf.

Fünf unter Strom 
Mit dem Leaf, dem Juke Hybrid, dem Qashqai e-Power, dem Ariya sowie dem vollelektrischen Kleinlieferwagen Townstar will Nissan in den kommenden Jahren seine Führungsposition auf dem europäischen Markt für E-Autos zurückerobern. Foto: Nissan
Fünf unter Strom
Mit dem Leaf, dem Juke Hybrid, dem Qashqai e-Power, dem Ariya sowie dem vollelektrischen Kleinlieferwagen Townstar will Nissan in den kommenden Jahren seine Führungsposition auf dem europäischen Markt für E-Autos zurückerobern. Foto: Nissan

Und wohl auch die Rendite: Der Aufwand will bezahlt sein. Um wie viel, wollten die Nissan-Manager allerdings noch nicht verraten. Nur so viel: Die ePower werde deutlich günstiger sein als ein Plug-in-Hybrid. Und sie werde den Käufern das Gefühl vermitteln, elektrisch zu fahren, ohne dass man sich mit Ladekabeln und Ladekarten plagen müsse.

e-Power statt Plug-in-Hybrid

Für Nissan ist das e-Power Antriebssystem jedenfalls ein wichtiger Bestandteil der Elektrifizierungsstrategie. Nicht auszuschließen, dass es in den kommenden Jahren auch anderen Modellreihen zugute kommt. „Diese Technologie bietet das Beste aus zwei Welten“, propagiert Matthew Wright, der bei Nissan Europa die Antriebssysteme verantwortet. Im Vergleich damit vereine ein Plug-in-Hybrid eher das Schlechte aus zwei Welten. Mit erheblich höheren Kosten und einem deutlich höheren Gewicht bei vergleichbaren Fahrleistungen.

Mal schauen, ob sich auch die Europäer von dem Konzept begeistern lassen. In Japan wurde der Nissan Note bereits 2017 mit der Technik angeboten – innerhalb kürzester Zeit wurde er dort zum meistverkauften Auto des Landes.

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