Der italienische Reifenkonzern Pirelli hat seinen vollvernetzten Hightech-Reifen, den sogenannten Cyber Tyre, auf einen über 1.500 Kilometer langen Roadtrip quer durch Europa geschickt. Die Route führte vom Hauptsitz von Pagani Automobili in Modena über Bosch Engineering nahe Stuttgart bis zum Pirelli-Hauptquartier nach Mailand. So weit, so innovativ. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt allerdings für uns als Verfechter der Elektromobilität: Als Testfahrzeug für diese technologische Pionierleistung diente ausgerechnet ein Pagani Utopia Roadster – ein italienisches Hypercar mit einem Stückpreis von über drei Millionen Euro, das seine unbändige Kraft aus einem V12-Biturbo schöpft. Dass man die Zukunft der vernetzten Mobilität und Sensorik an einen automobilen Dinosaurier schraubt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Hier wäre eigentlich der neue Mercedes-AMG Viertürer die bessere Wahl gewesen.

Aber schauen wir über den Auspuffrand hinaus, denn die eigentliche Hauptrolle spielt der Reifen – und die Frage, welchen handfesten Nutzen uns die gewonnenen Daten im Alltag wirklich bringen.

Die inneren Werte: Ein Sensor direkt in der Lauffläche

Beim „Cyber Tyre“ handelt es sich nicht um nachträglich angebrachte Messfühler, wie man sie von klassischen Ventilkappen-Systemen kennt. Die Hardware ist fest in die Reifenarchitektur integriert: Die Hightech-Sensoren sitzen direkt im Reifeninneren, tief eingebettet in der Lauffläche. Dort, wo der direkte Kontakt zur Straße stattfindet, verwandeln sie den Pneu in eine rollende Datenzentrale.

Besuch in Boxberg
Mit Hilfe von Bosch Engineering wurde das System so kalibriert, dass die vom Reifen ermittelten Daten in die Fahrdynamikregelung eingespeist werden können. Auf seiner Marathon-Tour machte der Pagani deshalb auch am Bosch-Testgelände Station.
Besuch in Boxberg
Mit Hilfe von Bosch Engineering wurde das System so kalibriert, dass die vom Reifen ermittelten Daten in die Fahrdynamikregelung eingespeist werden können. Auf seiner Marathon-Tour machte der Pagani deshalb auch am Bosch-Testgelände Station.

Dabei geht die Datenerfassung weit über ein herkömmliches Reifendruckkontrollsystem (RDKS) hinaus. Der smarte Reifen misst permanent und in Echtzeit eine Vielzahl kritischer Parameter:

  • Basis-Daten & Thermik: Neben dem exakten Reifendruck wird auch die thermische Belastung (die genaue Reifentemperatur) kontinuierlich überwacht.
  • Verschleiß & Zustand: Die Sensoren ermitteln den aktuellen Zustand des Gummis sowie den fortschreitenden Verschleißgrad.
  • Grip & Fahrbahnzustand: Das System analysiert detailliert die Beschaffenheit des Untergrunds und errechnet in Echtzeit, wie viel Haftung (Grip) zwischen Reifen und Straße aktuell noch zur Verfügung steht.
  • Gefahreneinschätzung: Kritische Straßenzustände und Gefahren wie drohendes Aquaplaning werden vom Reifen frühzeitig erkannt.
  • Telemetrie: Für den professionellen Einsatz oder das Flottenmanagement können zudem dynamische Daten wie die exakt gefahrene Geschwindigkeit und die zurückgelegte Entfernung jedes einzelnen Reifens dokumentiert werden (Track-and-Trace).

Livedaten für ABS und ESP: Vom Gummi ins Gehirn des Autos

Die im Reifen gesammelten Rohdaten nützen jedoch wenig, wenn sie nicht blitzschnell verarbeitet werden. Über eine drahtlose Funkverbindung – wie etwa Bluetooth – werden die Daten in Echtzeit übertragen. Bevor sie in die Fahrzeugsysteme einfließen, werden sie von Pirelli-eigenen Algorithmen analysiert und aufbereitet.

In Zusammenarbeit mit Bosch Engineering wurde das System so kalibriert, dass diese verarbeiteten Parameter direkt in die elektronischen Systeme der Fahrdynamikregelung eingespeist werden. Das sorgt für ein völlig neues Sicherheitslevel im Fahralltag: Die Bordelektronik muss nicht mehr schätzen, wie viel Grip vorhanden ist, sondern erhält exakte Livedaten direkt vom Kontaktpunkt zur Straße. Assistenzsysteme wie ABS, ESP und die Traktionskontrolle können dadurch viel präziser und schneller regeln, was die Fahrsicherheit und die Performance spürbar optimiert.

V2X und Infrastruktur: Wenn der Reifen mit der Straße spricht

Der wirklich spannende Teil für die Mobilität von morgen betrifft jedoch nicht nur das einzelne Fahrzeug, sondern das große Ganze. Die Cyber Tyre Technologie und die Integration zusätzlicher Sensoren (Sensor-Fusion-Technologie) ebnen den Weg für die Weiterentwicklung von Fahrerassistenzsystemen (ADAS) und dem autonomen Fahren.

Zukünftig sollen vernetzte Fahrzeuge nicht nur untereinander kommunizieren, sondern auch mit ihrer direkten Umgebung. Hier wird der smarte Reifen zum echten Gamechanger für die Verkehrssicherheit im Allgemeinen:

Schwarzer Datensammler 
Die Sensoren im sogenannten Cyber Tyre messen nicht nur Reifendruck und den Gummiverschleiß, sondern ermitteln auch Daten, die Aufschluss über den Zustand der Fahrbahn geben - Unebenheiten, Feuchtigkeit oder Frost. Fotos: Pirelli
Schwarzer Datensammler
Die Sensoren im sogenannten Cyber Tyre messen nicht nur Reifendruck und den Gummiverschleiß, sondern ermitteln auch Daten, die Aufschluss über den Zustand der Fahrbahn geben – Unebenheiten, Feuchtigkeit oder Frost. Fotos: Pirelli
  • Infrastruktur-Monitoring: Pirelli setzt den Cyber Tyre bereits ein, um den Zustand von Straßeninfrastrukturen zu überwachen, wie es beispielsweise im italienischen Autobahnnetz der Fall ist.
  • Vorausschauende Wartung: Die umfassende Analyse der Straßenzustände durch die vernetzten Reifen schafft die Basis für vorausschauende Wartungslösungen. Gefahrenstellen oder Straßenschäden können so schneller erkannt und effizient behoben werden.

Um diese Entwicklung auf die nächste Stufe zu heben, hat Pirelli kürzlich 30 Prozent der Anteile an Univrses erworben. Das schwedische Unternehmen ist auf Computer Vision spezialisiert und kann Straßen sowie Verkehrszeichen über Bordkameras und KI-Algorithmen quasi „lesen“.

Serienproduktion startet bald im US-Werk Rome

So weit, so gut, so vielversprechend. Die Technologie des vollvernetzten Reifens hat ihre Reife bewiesen und steht nun vor der Implementierung in weiteren Fahrzeugmodellen der Premium- und Prestige-Segmente. Produziert wird das Cyber Tyre System demnächst am US-Standort in Rome, Georgia. Es bleibt zu hoffen, dass diese vielversprechende Sensorik schnell ihren Weg in die Flotten moderner Elektroautos findet. Denn smarte Daten, die unsere Straßen sicherer machen, passen konzeptionell deutlich besser zu einem zukunftsweisenden Stromer als zu einem benzingetriebenes Hypercar, das noch meint, eine Höchstgeschwindigkeit von 312 km/h sei immer noch das Maß der Dinge.

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